Medizinische Versorgung  Ostfriesen erreichen Ärzte im Notfall in Minuten

Petra Herterich
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Von Petra Herterich
| 11.03.2026 18:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Freuen sich über den Erfolg des neuen Bereitschaftsdienstes: (von links) Dieter Krott, Geschäftsführer im KVN-Bezirk Aurich, Hausärztin Mareike Grebe, die auch Vorsitzende im KVN-Bezirk Aurich ist, und Thorsten Schmidt, stellvertretender KVN-Vorsitzender. Foto: Petra Herterich
Freuen sich über den Erfolg des neuen Bereitschaftsdienstes: (von links) Dieter Krott, Geschäftsführer im KVN-Bezirk Aurich, Hausärztin Mareike Grebe, die auch Vorsitzende im KVN-Bezirk Aurich ist, und Thorsten Schmidt, stellvertretender KVN-Vorsitzender. Foto: Petra Herterich
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Der ärztliche Bereitschaftsdienst setzt auf Telemedizin. Nicht jeder Anrufer braucht auch einen Hausbesuch. Aber wer entscheidet das?

Aurich - Wer in Ostfriesland außerhalb der Praxiszeiten einen Arzt sprechen muss, kann das jetzt tatsächlich innerhalb von sechs bis zehn Minuten schaffen. Das verspricht die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN). Dazu muss man den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 anrufen. „Wir haben den Bereitschaftsdienst im Mai 2025 neu organisiert. Anfangs war er noch nicht perfekt, aber inzwischen ist es ein Erfolgsmodell“, zieht Thorsten Schmidt, stellvertretender KVN-Vorsitzender, Bilanz.

Wie funktioniert der neue Bereitschaftsdienst?

Unter der Nummer 116 117 meldet sich zunächst medizinisch geschultes Personal und fragt bestimmte Daten und Symptome nach einem festen Katalog ab. „Bis zu diesem Erstkontakt dauert es bei 79 Prozent der Anrufer inzwischen nur noch eine Minute“, sagt Schmidt. Wenn dann noch ein Gespräch mit einem Arzt nötig ist, wird per Telefon oder Videocall ein Kontakt hergestellt. 400 bis 500 Hausärzte beteiligen sich niedersachsenweit an der telemedizinischen Bereitschaft. „Die Ärzte können dann auch ein Rezept auf die Gesundheitskarte laden und auch eine Krankschreibung erstellen“, erklärt Mareike Grebe. Die Heseler Hausärztin ist auch Vorsitzende im KVN-Bezirk Aurich und hat selbst schon einen solchen Bereitschaftsdienst absolviert. „Damals mussten wir manchmal nur rausfahren, um ein Rezept auszustellen, das ja noch auf Papier geschrieben wurde.“

Telemedizin ersetzt viele Hausbesuche

Wenn der jeweilige Telearzt im Bereitschaftsdienst entscheidet, dass noch ein Hausbesuch bei dem Anrufer nötig ist, kommt in Ostfriesland ein Rettungssanitäter oder ein Arzt von den Johannitern vorbei. Die Johanniter sind in Aurich stationiert und stellen von dort zwei Fahrzeuge für den nötigen medizinischen Fahrdienst. Niedersachsenweit gibt es 15 solcher Dienststellen. Die Einsatzwagen sind jeweils mit zwei Personen besetzt – dem Fahrer und dem medizinischen Personal. Technisch sind die Johanniter so ausgestattet, dass auch bereits alle Vitaldaten des Patienten im Notfall an eine Klinik übertragen werden können.

Ein Hausarzt sitzt während einer Videosprechstunde in seiner Praxis vor einem Laptop. Foto: Monika Skolimowska/dpa
Ein Hausarzt sitzt während einer Videosprechstunde in seiner Praxis vor einem Laptop. Foto: Monika Skolimowska/dpa

„Früher musste der Arzt im Bereitschaftsdienst selbst zu den Patienten fahren. Da waren wir oft bis zu einer Stunde unterwegs. Solange musste der Patient warten, bis er eine medizinische Einschätzung bekommen hat. Das geht jetzt viel schneller“, erklärt Grebe. Für die Patienten sei das ein Gewinn. Immerhin rund 80 Prozent der Fälle, die sich im ärztlichen Notdienst melden, konnten durch den Telearzt auch abgeschlossen werden. „Da musste niemand mehr rausfahren“, sagt Grebe, die früher selbst nachts allein über die Dörfer fahren musste, um Patienten aufzusuchen.

Hausärzte und Rettungsdienst sollen entlastet werden

Ob die Patienten aber im Anschluss nicht doch noch den Notruf 112 gewählt haben, weiß die KVN bisher nicht. „Das werden wir noch evaluieren. Aber unser Ziel ist es, mit dem neuen Bereitschaftsdienst auch den Rettungsdienst zu entlasten“, betont Schmidt. Zudem seien die Beschwerden über den hausärztlichen Notdienst von Seiten der Patienten zurückgegangen. Die Patientenzufriedenheit, die von der KVN abgefragt wird, liegt demnach im Schnitt bei über vier von fünf Punkten.

Ärztlicher Bereitschaftsdienst

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen sind seit Mai 2025 bis Ende Februar 2026 in Niedersachsen insgesamt 71.378 Bereitschaftsdienstfälle telemedizinisch betreut worden. 83 Prozent dieser Anrufer (59.244 Fälle) konnten auch ohne einen weiteren Einsatz des medizinischen Fahrdienstes abschließend behandelt werden.

In 17 Prozent der Fälle (12.134 Patienten) wurde der Fahrdienst der Johanniter losgeschickt. In 14 Prozent der Fälle (8.294 Patienten) wurde ein eRezept ausgestellt und für 1031 Patienten (1,74 Prozent) eine Krankschreibung.

Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist bundesweit unter der Telefonnummer 116 117 zu erreichen.

Vor allem aber ging es bei der Neuorganisation des ärztlichen Notdienstes um die Entlastung der Hausärzte, vor allem auf dem Land. „Gerade jüngere Mediziner haben uns immer wieder gesagt, dass sie die Belastung durch den Bereitschaftsdienst abschreckt und sie davon abhält, sich auf dem Land niederzulassen. Aber wir brauchen dringend junge Ärzte, die Praxen übernehmen“, erklärt Schmidt. Mit der neuen Regelung für den Bereitschaftsdienst werde es auch leichter, Mediziner für ländliche Regionen wie Ostfriesland zu gewinnen. „97 Prozent aller Patienten kommen tagsüber in die Praxen, nur 2,7 Prozent melden sich in den sprechstundenfreien Zeiten. Das zeigt deutlich, dass wir vor allem Kapazitäten für den Tag brauchen“, rechnet Schmidt vor.

Neues Modell ist bundesweit einzigartig

Im ärztlichen Bereitschaftsdienst habe man die meisten Anrufe am Sonnabendmorgen um 8 Uhr. „Dann haben wir rund 30 bis 40 Teleärzte in Bereitschaft“, sagt Schmidt. Die Mediziner melden sich jeweils freiwillig für den Dienst, verpflichtet wird niemand. Nachts, zwischen 2 und 4 Uhr, gibt es niedersachsenweit nur fünf bis zehn Anrufe beim Bereitschaftsdienst. „Es gibt Mediziner, die arbeiten gerne telemedizinisch, weil sie dann im Grunde überall arbeiten können. Wir gewinnen dafür auch junges medizinisches Personal, dass beispielsweise in Elternzeit ist“, so Schmidt.

Die Telefonnummer 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist auf dem Display eines Smartphones zu lesen. Foto: Patrick Pleul/dpa
Die Telefonnummer 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist auf dem Display eines Smartphones zu lesen. Foto: Patrick Pleul/dpa

Das neue ärztliche Bereitschaftsmodell, das auch für Ostfriesland gilt, sei mit seinen Strukturen und der Telemedizin bisher deutschlandweit einzigartig. „Es kann bundesweit als Blaupause dienen“, ist KVN-Pressesprecher Detlef Haffke überzeugt.

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