Allensbach  „Wilsberg“-Schauspielerin Mai Duong Kieu: „Die alten Klischees sind nicht mehr zeitgemäß“

Tilmann P. Gangloff
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Von Tilmann P. Gangloff
| 10.03.2026 19:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
In ihrem Buch „Im Herzen bist du unbesiegbar“ befasst sich die Schauspielerin Mai Duong Kieu unter anderem mit ihrem Aufwachsen im Chemnitz der 1980er-Jahre. Foto: IMAGO/STAR-MEDIA
In ihrem Buch „Im Herzen bist du unbesiegbar“ befasst sich die Schauspielerin Mai Duong Kieu unter anderem mit ihrem Aufwachsen im Chemnitz der 1980er-Jahre. Foto: IMAGO/STAR-MEDIA
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Am 11. März erscheint Mai Duong Kieus Autobiografie „Im Herzen bist du unbesiegbar“. Darin schildert die „Wilsberg“-Schauspielerin ihre Kindheit und wie ihr strenges Elternhaus sie geprägt und auf das Leben vorbereitet hat.

Die Schauspielerin Mai Duong Kieu beschreibt in ihrem Buch „Im Herzen bist du unbesiegbar“, wie Kung Fu ihr geholfen hat, die beschwerliche Kindheit als Tochter strenger vietnamesischer Eltern zu überstehen. Im Interview erzählt sie, warum ausgerechnet diese Erfahrung die perfekte Vorbereitung für ihren Beruf war.

Frage: Frau Kieu, dass eine Schauspielerin bereits mit Ende dreißig ihre Autobiografie schreibt, kennt man allenfalls von Hollywood-Stars. Die zweite Überraschung: Ihr Beruf spielt quasi keine Rolle, Sie befassen sich in erster Linie mit Ihrer Kindheit in Chemnitz. Warum war Ihnen das so wichtig?

Antwort: In dem Buch geht es um Selbstermächtigung, um weibliches „Empowerment“. „Im Herzen bist du unbesiegbar“ erzählt eine Befreiungsgeschichte.

Frage: Diese Befreiung haben Sie in erster Linie dem Kung Fu zu verdanken. Ist das die Botschaft des Buchs: „Mädchen, lernt Kung Fu“?

Antwort: Die meisten Frauen fühlen sich wehrlos, wenn sie angegriffen werden, deshalb sollten Mädchen grundsätzlich einen Kampfsport erlernen, weil sie auf diese Weise körperliche und geistige Stärke gewinnen. Das muss nicht Kung Fu sein, aber mir hat auch die Philosophie dieser Kampfkunst als Kind sehr geholfen: die Prinzipien von Yin und Yang zum Beispiel oder die Erkenntnis, dass die einzige Konstante im Leben der stete Wandel ist. Außerdem lernt man Disziplin und Ausdauer.

Frage: Die Beschreibung Ihrer Kindheit ist außerordentlich bedrückend. Sie sollten als Tochter vor allem funktionieren und wurden, wenn Sie gegen dieses Gebot verstießen, mit Liebesentzug bestraft. Wie ist es Ihnen gelungen, trotzdem eine positive Lebenshaltung zu entwickeln und nicht verbittert zurückzublicken?

Antwort: Zunächst mal: Wenn eine Frau ähnliche Erfahrungen gemacht hat und nach wie vor verbittert ist, heißt das ja nur, dass sie es noch nicht geschafft hat, diese Ungerechtigkeit loszulassen. Das ist in der Tat nicht einfach. Ich hatte auch als erwachsene Frau noch viele dunkle Stunden. Es gehört nicht nur viel Arbeit an sich selbst dazu: Mit dem Loslassen geht auch eine Trauer einher, weil man die Eltern in gewisser Weise sterben lassen muss, um mit sich ins Reine zu kommen.

Frage: Wie ist das Verhältnis heute?

Antwort: Ich pflege den Kontakt liebevoll, so weit mir das möglich ist; ohne Bitterkeit, aber mit Verständnis, ohne das damalige Verhalten meiner Eltern gutzuheißen.

Frage: Sie schreiben, Kung Fu habe sich als perfekte Vorbereitung für Ihren Beruf erwiesen, weil Sie gelernt hätten, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Ihren betrüblichen Kindheitserfahrungen wiederum verdanken Sie die Fähigkeit, „einen Raum zu lesen“. Was bedeutet das?

Antwort: Wer so ähnlich aufgewachsen ist wie ich, versteht das: Als Kind ist man von den Stimmungen der Eltern abhängig, man entwickelt ein feines Gespür für die jeweilige Situation. Für meinen Beruf heißt das: Ich kann sehr genau einschätzen, was eine Regisseurin von mir will oder wie ich vor der Kamera wirke.

Antwort: Um meine beste Leistung bringen zu können, muss ich wissen, was man von mir erwartet. Dank Kung Fu habe ich außerdem früh gelernt, mit Niederlagen umzugehen und mich durchzubeißen. Aber zur Schauspielerei gehört natürlich noch viel mehr.

Frage: Als Kommissarin in „Wilsberg“ oder als Ärztin in der neuen ZDF-Reihe „Einfach Elli“ wirken Sie betont cool. In Ihrem Buch beklagen Sie, dass Frauen mit fernöstlichen Wurzeln viel zu oft stereotype Rollen spielen müssen. Hat sich das geändert?

Antwort: Ja, bei den Sendern weiß man mittlerweile, dass die alten Klischees nicht mehr zeitgemäß sind, ganz egal, ob der Migrationshintergrund asiatisch oder afrikanisch ist. Natürlich ist es ein Fortschritt, wenn jemand mit meinem Aussehen eine Polizistin, eine Ärztin oder wie in „Bad Banks“ eine Investmentbankerin verkörpern darf, aber es geht auch um die Details der Persönlichkeit.

Antwort: Wenn diese Frauen fleißig, pünktlich und emotional kontrolliert sind, ist das genauso stereotyp. Es entmenschlicht die Angehörigen sämtlicher Ethnien, wenn sie derart plakativ gezeichnet werden. Die deutsche Filmbranche hat das zwar erkannt, aber es ist noch viel Luft nach oben. Deshalb ist es wichtig, die Menschen an den entscheidenden Positionen für dieses Thema zu sensibilisieren.

Frage: Viele Vorurteile halten sich überaus hartnäckig, weil sie eine lange Tradition haben. Sie sind 1992 mit ihrer Mutter nach Chemnitz gekommen, wo ihr Vater bereits seit einigen Jahren lebte. Wie haben Sie Rassismus in Ihrer Kindheit erlebt?

Antwort: Ich hatte im Gegensatz zu vielen anderen eine privilegierte Kindheit. Meine Eltern haben mit ihrer Kampfsportschule einen Raum geschaffen, in dem ich weitgehend vor Anfeindungen geschützt war. Hätten wir einen Obst- und Gemüseladen gehabt, wäre öfter mal ein Stein durch die Scheibe geflogen oder sie wäre mit Hakenkreuzen beschmiert worden.

Antwort: Aber mein Vater war Kung-Fu-Lehrer, dem schmeißt man keine Scheibe ein, und seine Tochter belästigt man auch nicht. Da sich die Vietnamesen öffentlich nie beklagt haben und ohnehin weitgehend unter sich geblieben sind, hat das in Westdeutschland niemand mitbekommen.

Frage: Wie erklären Sie sich diese Feindseligkeit?

Antwort: In der DDR hieß es „Die ‚Fidschis‘ nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“ Heute ist es im Grunde nicht anders. In beiden Fällen ist die Ursache meiner Ansicht nach die gleiche. Ich bin überzeugt, dass das Verhältnis damals ein viel besseres gewesen wäre, wenn die Regierung überzeugend kommuniziert hätte, dass Vertragsarbeiter wie mein Vater beim wirtschaftlichen Aufschwung helfen.

Antwort: Vietnamesen galten als Menschen zweiter Klasse, ihre Integration stand nie zur Debatte, zumal sie nur drei Jahre bleiben durften. Liebesbeziehungen zu Einheimischen waren selbstverständlich nicht erwünscht.

Frage: Einer der vielen Lehrsätze in Ihrem Buch lautet „Lieber richtig verlieren als falsch gewinnen“. Was meinen Sie damit?

Antwort: Meine Eltern haben mir einen starken moralischen Kompass vorgelebt. Es ist besser, zu verlieren, als durch eine Handlung zu gewinnen, auf die man nicht stolz ist. Wenn man mit einer Mehrheit schwimmt, deren Werte man selbst nicht vertritt, nur um auf der Seite der Gewinner zu sein, hat man am Ende nicht gewonnen.

Frage: Auf Ihren Beruf übertragen, hieße das: Sie müssten eine Rolle, die nicht Ihren Ansprüchen entspricht, ablehnen. Kann man sich so eine Haltung angesichts der Flaute, in der die deutsche Film- und Fernsehbranche steckt, überhaupt leisten?

Antwort: Früher hätte ich vermutlich mit Ja geantwortet. Heute bin ich Mutter, muss realistisch denken und dafür sorgen, dass ich jeden Monat meine Miete bezahlen kann. Also muss ich hin und wieder auch mal Kompromisse schließen. Aber mittlerweile kann ich immerhin meine Meinung sagen und an den Figuren feilen.

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