Wechsel  Tim Möller übernimmt MVZ-Praxis in Wiesmoor

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 12.03.2026 10:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Dieses Foto von Tim (Timoteus) Möller ist noch auf der Webseite des MVZ Aurich-Norden zu sehen. Er betreibt die Praxis jetzt allein weiter. Foto: Landkreis Aurich
Dieses Foto von Tim (Timoteus) Möller ist noch auf der Webseite des MVZ Aurich-Norden zu sehen. Er betreibt die Praxis jetzt allein weiter. Foto: Landkreis Aurich
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Der Landkreis Aurich trennt sich von der MVZ-Zweigstelle in Wiesmoor, doch die Praxis läuft weiter. Bürgermeister Sven Lübbers kritisiert fehlende Informationen. Viele Fragen sind offen.

Wiesmoor - Die Tür geht auf und Tim Möller tritt aus der Praxistür. Der Wiesmoorer Unfallchirurg und Orthopäde wirkt ein wenig blass inmitten der grünen Dekoration aus künstlichen Zweigen, Kleeblättern und kleinen Arztkitteln, die seinen Neustart in der jetzt eigenen Praxis ankündigen. „Herzlichen Glückwunsch zur Selbstständigkeit“ steht auf einem Schild über dem Eingang: Der Standort des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Aurich-Norden in Wiesmoor ist Geschichte – doch die Praxis bleibt.

Praxistür am Montag, 9. März 2026: Dekoration zum Start in die Selbstständigkeit von Tim Möller. Foto: Nicole Böning
Praxistür am Montag, 9. März 2026: Dekoration zum Start in die Selbstständigkeit von Tim Möller. Foto: Nicole Böning

Tim Möller macht jetzt auf eigene Faust weiter und hat das gesamte Praxisteam übernommen. Eigentlich hat sich in der Praxis an der Hauptstraße 147 mitten in Wiesmoor nicht viel verändert – jedenfalls nicht für die Patienten. Nach einer Pause wegen einer Systemumstellung vom 19. Februar bis zum 8. März 2026 sitzen am Montag, 9. März 2026, wieder Menschen im vertrauten Wartezimmer, auf denselben Stühlen, sprechen mit denselben Mitarbeiterinnen – und auch mit demselben Arzt.

Praxis in Wiesmoor wieder offen – doch das MVZ ist raus

Es wirkt, als wäre das Praxis-Team nur im Urlaub gewesen. Doch im Hintergrund ist viel passiert: Zum 1. März 2026 hat sich die Praxis nach eigenen Angaben aus dem MVZ‑Verbund Aurich‑Norden ausgegliedert und arbeitet nun selbstständig weiter. „Wissen Sie eigentlich, mit was für einer Arbeit eine solche Praxisübernahme verbunden ist?“, fragt Möller und bleibt nur kurz im Türrahmen stehen. Man sieht ihm an, dass er in den letzten Wochen viel Stress hatte – und noch immer hat. Zeit für ein Gespräch hat er deshalb nicht.

Dieses Schild hing bis zur Neueröffnung am Montag, 9. März 2026, an der Praxistür. Foto: Nicole Böning
Dieses Schild hing bis zur Neueröffnung am Montag, 9. März 2026, an der Praxistür. Foto: Nicole Böning

Seit 2017 arbeitet er bereits in diesen Räumen in Wiesmoor. Schon Ende 2016 war er als Nachfolger für den überraschend verstorbenen Arzt Wolfgang Stüwe vorgestellt worden. Die Wiesmoorer Praxis wurde damals an das MVZ Aurich-Norden angegliedert und Möller als Arzt angestellt. Wie es zu der aktuellen Entwicklung kam, dazu möchte er nichts sagen – zumindest nicht zum politischen Hintergrund. Alles Weitere will Möller erzählen, wenn die Umstellung wirklich durch ist und der Praxisalltag wieder ruhiger läuft.

Landkreis Aurich: Entscheidung mit MVZ‑Geschäftsführung getroffen

Denn der schnelle Neustart verlief nicht ohne Hindernisse: Die Telefonanlage spielte am Morgen nicht richtig mit – und war nur eine von vielen Herausforderungen. Möller bittet um Verständnis und macht gleichzeitig klar, was für ihn Vorrang hat: „Ich habe heute Morgen trotz der noch laufenden Umstellung schon 80 Patienten für den Tag angenommen. Deren Versorgung geht vor. Haben Sie dafür bitte Verständnis“, sagt er, bevor die Tür wieder zufällt.

Die Präsentation von Tim Möller (Zweiter von links) in Wiesmoor im Jahr 2016 vor dem Einstieg: Bürgermeister Friedrich Völler (links), Jochen Beekhuis vom Aufsichtsrat der UEK (von rechts) und MVZ-Geschäftsführer Thomas Hippen. Foto: Grit Mühring/Archiv
Die Präsentation von Tim Möller (Zweiter von links) in Wiesmoor im Jahr 2016 vor dem Einstieg: Bürgermeister Friedrich Völler (links), Jochen Beekhuis vom Aufsichtsrat der UEK (von rechts) und MVZ-Geschäftsführer Thomas Hippen. Foto: Grit Mühring/Archiv

Auch der Landkreis Aurich, dem das MVZ Aurich‑Norden als Tochtergesellschaft gehört, erklärt auf Anfrage lediglich: Die MVZ‑Geschäftsführung habe gemeinsam mit Möller entschieden, dass er die Praxis übernimmt. Weitere Hintergründe sollen in einem persönlichen Gespräch mit der Leitung des MVZ geklärt werden.

Was jetzt offen ist – und wann Antworten kommen sollen

Vieles ist offen: Von wem ging dieser Schritt aus – vom MVZ, vom Landkreis oder vom Arzt selbst? Seit wann stand fest, dass der Landkreis sich vom MVZ in Wiesmoor trennen wird? War der Beirat des MVZ in den Entscheidungsprozess eingebunden? Ist die Abspaltung der Praxis eine Sparmaßnahme des Landkreises? Warum gibt der Landkreis das MVZ ab, statt es zu erweitern? Schließlich ist die ärztliche Versorgung in Wiesmoor seit Jahren Thema: Die Stadt hat Schwierigkeiten, Fachärzte nachzubesetzen – zuletzt bei Hals‑Nasen‑Ohrenärzten und in der Gynäkologie; auch Hausarztpraxen berichten von hoher Auslastung. Noch gibt es darauf keine Antworten.

Noch hängt das Schild des MVZ an der Hauswand an der Hauptstraße 147 im Wiesmoorer Zentrum. Foto: Nicole Böning
Noch hängt das Schild des MVZ an der Hauswand an der Hauptstraße 147 im Wiesmoorer Zentrum. Foto: Nicole Böning

Das MVZ Aurich‑Norden ist seit 2020 wieder ein 100-prozentiges Landkreis-Tochterunternehmen. Bis dahin war es zeitweise eine Tochtergesellschaft der Ubbo‑Emmius‑Klinik (UEK). Ärzteteams arbeiten an mehreren Standorten – in Aurich, Norden und (bis zur jetzigen Ausgliederung) auch in der Zweigstelle Wiesmoor. Im Frühjahr 2025 gab es einen Wechsel an der Spitze des MVZ: Der damalige Geschäftsführer Thomas Hippen schied aus, Nachfolger wurde Thomas Hohlfeld. Ob die Entscheidung in die Amtszeit des neuen Geschäftsführers fällt und wie sie begründet wird, ist bislang offen.

Aus diesem Grund betreiben Landkreise MVZ

Dass Landkreise überhaupt MVZ betreiben, hat einen einfachen Grund, erklärt das Land Niedersachsen in einem Leitfaden zu Regionalen Versorgungszentren: Wenn Ärztinnen und Ärzte auf dem Land keine Nachfolger finden, drohen Lücken in der Versorgung. Das Land Niedersachsen beschreibt kommunale MVZ deshalb als Instrument der Daseinsvorsorge: Kommunen können Praxen stabilisieren, indem sie Mediziner anstellen, statt darauf zu warten, dass sich jemand selbstständig niederlässt.

Für die Kommunen bedeutet das allerdings auch, dass sie sich „in eine ungewohnte Rolle“ begeben: Aufbau und Betrieb verursachen nach Darstellung des Ministeriums „nicht unerhebliche Kosten“, etwa für Räume, Technik und Personal. Für die Konzeption, den Aufbau und teilweise auch den Betrieb seien aber Fördermittel verfügbar. Ob der Schritt in Wiesmoor etwas mit möglichen Einsparungen zu tun hat, ist derzeit offen.

Bürgermeister Sven Lübbers kritisiert fehlende Information

Der Wiesmoorer Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) sagt, die Stadt sei im Vorfeld weder vom Landkreis noch von der MVZ‑Geschäftsführung über das Ende der Zweigpraxis informiert worden. Eine offizielle Mitteilung oder Abstimmung habe es nicht gegeben. Positiv sei aber, dass Möller die Praxis übernommen habe und damit die chirurgische und unfallchirurgische Versorgung in Wiesmoor erhalten bleibe. Doch gerade deshalb hätte er sich „mehr Transparenz“ und eher eine Stärkung des Standorts gewünscht, schreibt Lübbers per Mail.

Edgar Weiss, der für die Freie Bürgerliste Wiesmoor (FBW) im Wiesmoorer Stadtrat und gleichzeitig für die Fraktion „Moin, Herr Weiss“ im Auricher Kreistag sitzt, weiß nach eigenen Angaben mehr über die Hintergründe. Denn Weiss ist ebenfalls Mitglied im Beirat des MVZ – doch er ist dadurch zur Verschwiegenheit verpflichtet. „Für mich ist es ganz schlimm, darüber nicht reden zu können“, sagt er. Doch er rät dem Bürgermeister, jetzt dringend das Gespräch mit dem Landkreis zu suchen.

So wie Lübbers ist auch er froh, dass Möller die Praxis übernommen hat. „Alles andere wäre für Wiesmoor eine Katastrophe gewesen. Die Praxis ist für Wiesmoor wahnsinnig wichtig. Egal, wann Sie dorthin gehen – das Wartezimmer ist immer voll.“ Wie es politisch und wirtschaftlich zu der Trennung vom MVZ‑Standort Wiesmoor kam, dürfte sich in den nächsten Tagen zeigen. In Wiesmoor zählt für viele erst einmal etwas anderes: dass die Tür wieder offen ist – und dass der Arzt, den viele seit Jahren kennen, jetzt trotz aller Startprobleme die Versorgung weiterstemmt.

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