Berlin  Bastian Pastewka erzählt eine völlig unglaubliche Krimi-Anekdote

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 16.03.2026 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Kaum einer weiß so viel über historische Hörspiel wie der Krimi-Fan Bastian Pastewka. Foto: IMAGO/Stephan Wallocha
Kaum einer weiß so viel über historische Hörspiel wie der Krimi-Fan Bastian Pastewka. Foto: IMAGO/Stephan Wallocha
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Wer Bastian Pastewka das Stichwort „Krimi“ gibt, bekommt auf Knopfdruck einen 20-minütigen Vortrag über historische Hörspiele. Hier dokumentieren wir die besten Geschichten aus seinem Repertoire.

In seinem ARD-Podcast „Kein Mucks!“ hebt Bastian Pastewka die Schätze aus den Hörspielarchiven. Viele der Fälle hat er als Kind in atemloser Spannung am Radio verfolgt. Die Begeisterung für das Genre begleitet den 53-Jährigen sein Leben lang. Ein lustiges Fachgespräch mit dem Kenner

Frage: Herr Pastewka, Sie haben schon als Kind den Mitternachtskrimi im Deutschlandfunk gehört. Erinnern Sie sich noch an den ersten Fall, der Ihre Begeisterung geweckt hat?

Antwort: Die Sendereihe lief seit 1968 jeden Freitag zur Geisterstunde und in jeder Ausgabe wurden Archivkrimis aus alter Zeit wiederholt: Detektivgeschichten, Mordgeschichten, Gruselgeschichten. Mein erster Mitternachtskrimi war Agatha Christies „Die Stimme aus dem Grab“, eins der wenigen Hörspiele, die die Queen of Crime vor 70 Jahren wirklich ursächlich fürs Radio geschrieben hat. „Personal Call“ hieß die britische Vorlage.

Frage: Ist der Krimi heute noch verfügbar?

Antwort: Man kann dieses Hörspiel auf CD beziehen, aber Überraschung: „Die Stimme aus dem Grab“ steht in voller Länge im kostenfreien „Kein Mucks!“-Podcast, in dem ich historische Rundfunkkrimis präsentieren darf. Am 12. Januar 2026 war der 50. Todestag von Agatha Christie und wir haben das perfekte Jubiläumsprogramm.

Pastewkas Krimi-Podcast „Kein Mucks!“ gibt’s auch mit Musikbegleitung – eine Hörprobe:

Frage: Erzählt der Fall von einer bekannten Ermittlerfigur?

Antwort: Eben nicht – es ist kein „Poirot“ und keine „Miss Marple“. Die Geschichte handelt von einem Mann, der immer wieder von seiner Ex-Frau angerufen wird, doch die ist vor einem Jahr verstorben. Aber trotzdem ruft sie immerzu an und sagt: James, James, kannst du mich abholen? Und im Hintergrund hört man einen Schaffner, der sagt: Newton Abbot, Newton Abbot, der eingefahrene Zug fährt weiter nach Plymouth. Irgendwann kommt raus, dass diese Frau tatsächlich am Bahnhof von Newton Abbot gestorben ist. Ihr Mann muss jetzt verzweifelt rauskriegen, wer da wirklich anruft, ob das eine übernatürliche Sache ist und was da überhaupt passiert. Das Hörspiel stammt aus dem Jahr 1961 und hat die spektakuläre Länge von 35 Minuten. Damals wurde noch in Mono aufgezeichnet. Hauptrollen: Ernst Fritz Fürbringer und Edith Heerdegen. Als ich dieses Stück vor 40 Jahren erstmals hörte, war ich abhängig und wollte ab sofort jeden Krimi, der im Radio lief, auf Kassette aufnehmen.

Frage: Werden die historischen Krimis, die Sie bei „Kein Mucks!“ präsentieren, mit den Jahren besser, als sie eigentlich waren – einfach, weil sie alt sind und wir das, was damals Durchschnitt war, jetzt als etwas Besonderes wahrnehmen?

Antwort: Ich glaube, die Unterhaltung aus dieser Zeit wird heute automatisch belächelt. Es waren die 1950er- und 1960er-Jahre, die Zeit des Heimatfilms. Da sagen wir heute: So gemächlich wie früher kann man das nicht mehr machen. Und das ist ganz falsch. Ein Großteil der Hörspiele war damals auf Tempo ausgelegt. Warum? Die Radiomacherinnen und Radiomacher hatten sich angehört: Wie machen’s die Amerikaner, wie machen’s die Briten, wie machen’s die Franzosen? Die Alliierten haben uns die Kriminalliteratur dagelassen und auch ihre Darbietungsform, die in Deutschland zwischen 1933 und 1945 im Grunde nicht existierte. Die guten Krimis dauerten nur 35 bis 40 Minuten. Länger wollte man dem Publikum das Rauschen der damals noch schwachen Sendeübertragung nicht zumuten. Heute sind wir auf 90 Minuten geeicht oder wenigstens auf eine Radiostunde. Das ist gemächlich.

Mit der Amazon-Komödie „Fabian und die mörderische Hochzeit“ hat Pastewka selbst einen Krimi gedreht:

Frage: Die Länge fällt mir bei alten Hörspielen weniger auf als der Sound des Ganzen, das Schauspiel, die Sprache …

Antwort: Damals hatte man viel weniger Möglichkeiten, Geräusche, Klangflächen und Musiken zu unterlegen. Deshalb sind die Hörspiele dieser Zeit alle vom Schauspiel abhängig. Die Radio-Stars dieser Funk-Epoche mussten dafür sorgen, dass man gern zuhört. Und das schreiben uns die Hörer noch heute: Endlich verstehen wir wieder was. Damit ist das bloße Sprachverständnis gemeint. Das schreiben nicht nur ältere Semester, die diese Hörspiele schon als Kind gehört haben und jetzt mit dem Hörgerät kämpfen. Das kommt auch von jungen „Kein Mucks!“-Fans. Heutige Hörspiele sind zugekleistert mit Akustik, so wie unsere Kinofilme ja auch. Die können nicht mehr still sein. Bis zum kleinsten Polizeiwagen wird akustisch alles mittransportiert. Die Hörspiele von damals konzentrieren sich ausschließlich auf die manchmal wirklich sehr künstliche, geschraubte und vom Theater inspirierte Sprache.

Frage: Neben der Technik hat sich auch der Zeitgeist stark verändert. Gibt es „Giftschrank-Krimis“, die man aus gutem Grund nicht mehr senden kann – weil zum Beispiel Vorurteile gegen Sinti und Roma geschürt werden?

Antwort: Unsere größte Sorge bei den „Kein Mucks!“-Hörspielen ist die Rolle der Frau. Wir sind schon froh, wenn überhaupt mal eine mitspielt, denn die Krimis der 1950er waren Männersache. Ich bin dankbar für jede Evelyn Hamann, die – bevor sie Loriots Partnerin wurde – bei Radio Bremen auch wenige Sätze in Hörspielen gesprochen hat. Natürlich haben wir auch mal den Fall, den Sie beschreiben. Da wägen wir immer ab: Wenn das Hörspiel im Ganzen gut ist, senden wir auch eine problematische Passage mit. Das haben wir zum Beispiel bei „Sherlock Holmes“ gemacht, wo es wirklich um Sinti und Roma geht – damals noch unter dem anderen Namen. Diese Gruppe steht in dem Krimi immer wieder unter Verdacht, aber sie sind nie Täter. Sie werden immer nur mit dem gleichen Vorurteil belegt: Schuldig wegen Streunens. Wir sensibilisieren und machen vorher die berühmte Triggerwarnung. Und das finde ich auch richtig so. Darf ich zum Schluss noch mal abschweifen?

Frage: Sehr gern.

Antwort: Frank Elstner hat als Kind – damals noch unter dem Namen Tim Elstner – auch in Hörspielen mitgemacht. Er hat sogar mal Bambi gesprochen. Frank hat mir erzählt, wie damals für ein Kinderhörspiel der frühen 50er-Jahre extra ein Schauspieler aus Hamburg nach Baden-Baden eingeflogen wurde. Der Mann wird in einem großen Auto am Flughafen abgeholt und ins Hörspielstudio gefahren. Er hat einen Aktenkoffer, einen ordentlichen Scheitel und eine interessante Brille, geht an das Mikrofon, räuspert sich, nimmt einen Schluck Wasser. Und auf den Hinweis des Regisseurs atmet er ein und lässt den perfekten Hahnenschrei vom Stapel. Pause. Der Regisseur sagt: Dankeschön. Der Mann wird wieder zum Flughafen gebracht und kehrt nach Hamburg zurück. Was ich damit sagen will: Wir können uns nicht mehr vorstellen, wie damals gearbeitet wurde. Es gab keine digitalen Möglichkeiten. Man holte einen Schauspieler aus Hamburg, weil nur der den perfekten Hahnenschrei beherrschte. Sensationell!

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