Demo zum Weltfrauentag Zwischen Blondchen-Klischee und Altersarmut
Rund 100 Demonstrierende machen in Aurich auf die Rechte von Frauen und soziale Ungerechtigkeit aufmerksam. Das sind ihre Erfahrungen und ihre wichtigsten Themen.
Aurich - „Keinen Schritt zurück, keinen Schritt zurück“, schallt es aus Rosa Schlingmanns pinkem Megafon. Die Auricherin läuft am Sonntag mit bei der Demo zum Internationalen Frauentag, und das hat einen Grund. Die Gastronomin aus Aurich habe das ungleiche Verhältnis zwischen Männern und Frauen am eigenen Leib erlebt – damals, als sie und eine Geschäftspartnerin ihre Geschäftsidee in der Auricher Innenstadt umsetzen wollten. Schlingmann erzählt am Rande der Demo von den Hürden und den Bedenkenträgern, denen sie bei Geldinstituten und Großhändlern begegneten.
Manchmal habe sie das Gefühl gehabt, die Männer hätten gedacht: „Ach ja, die beiden Blondchen“, sagt Schlingmann. Kein schönes Gefühl. Heute haben sich die beiden Frauen in der Auricher Gastroszene mit Traute Burgerbar etabliert, es den Zweiflern bewiesen. In einem Instagram-Post haben Schlingmann und ihre Geschäftspartnerin Gesa Sanders zum Weltfrauentag ebenfalls ihre Erfahrungen und vor allem ihr heutiges Empfinden geteilt: „Auch heute erleben wir noch Situationen, in denen wir mit Männern an Tischen sitzen, die über Ideen, Investitionen oder Entscheidungen urteilen – und wir merken, dass wir erst doppelt so viel beweisen müssen“, heißt es auf dem Account des Lokals.
Frauenrechte sind auch im Jahr 2026 ein Thema
Kurz hinter Schlingmann und ihrem pinken Megafon laufen einige Mitglieder von Omas gegen Rechts. Frauen, die schon vor Jahrzehnten für ihre Rechte auf die Straße gegangen sind. Wie schätzen sie die aktuelle Lage ein? Muss man heute noch für die Gleichberechtigung auf die Straße gehen? Klares Kopfnicken: „Heute ist es immer noch so, dass es schwierig für Frauen wird, sobald sie eine Familie gründen“, sagt eine Teilnehmerin und bringt damit das Thema Care-Arbeit zur Sprache. „Die jungen Frauen machen eine Ausbildung, dann werden sie Mütter und kümmern sich um die Kinder, arbeiten dann einige Jahre eventuell in Teilzeit, um sich dann um die pflegebedürftigen Eltern oder Ehepartner zu kümmern“, so die Demonstrantin. Oftmals bleibe den Frauen dann selbst im Alter die Altersarmut übrig. Zudem würden die Frauen oft unter dem enormen Druck stehen, alles richtig machen zu wollen – perfekt im Job, perfekt als Mutter, perfekt als Frau.
Weiter vorne im Demonstrationszug laufen Mitglieder des kurdischen Frauenrates, teils in traditioneller farbenfroher Tracht. Immer wieder rufen sie die Worte „Jin, Jiyan, Azadi“. Übersetzt bedeutet das Frauen, Leben, Freiheit. Für Sultana Alim vom Kurdischen Frauenrat Zelal Aurich und ihre Mitstreiterinnen sind das mehr als Worte, es ist eine Lebenseinstellung und eine Idealvorstellung. „Wir müssen laut und solidarisch sein für alle Frauen“, sagt sie und nennt unter anderem die Länder Afghanistan, Ägypten und Iran.
Dort seien die Frauen vor einigen Jahrzehnten noch weiter in der Gleichberechtigung gewesen als in Europa. „Doch wir sehen, wie diese Errungenschaften in diesen Ländern in einem schleichenden Prozess rückgängig gemacht worden sind“, so Alim. Im Kleinen seien solche Entwicklungen auch in Deutschland zu beobachten, so Alim und meint damit auch das Frauenbild der Rechtspopulisten. Ihr und auch den anderen Demonstrierenden sei es wichtig, die Stimme zu erheben, laut und unnachgiebig, für alle Frauen, die Diskriminierung und Unrecht erfahren. „Schweigen bedeutet, die Ungerechtigkeit zu akzeptieren“, so Alim.
Laut werden für die Rechte von Frauen
Geschwiegen, das haben die Demonstranten am Sonntag nicht. Bei der Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz nutzten sie vielmehr ihre Stimme, um auch die Besucher von Cafés und Eisdielen mit ihrer Botschaft zu konfrontieren. Hilke Lüschen, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Auricher Frauen, machte in ihrer Ansprache deutlich, wie vielschichtig das Thema Frauenrechte und Gleichberechtigung ist. „Es gibt nicht diese eine Gruppe von Frauen, die alle auf die gleiche Weise und von den gleichen Dingen betroffen sind“, sagte sie. Es gäbe vielmehr ganz unterschiedliche Frauen und weiblich gelesene Personen gibt, die von ganz unterschiedlichen Politiken betroffen sind und vor allem von den Politiken, die nach unten treten würden, so Lüschen. Wichtig sei es in diesen Zeiten, nicht ein Leid gegen das andere aufzuwiegen, sondern mit allen solidarisch zu sein. „Wir können unsere Perspektiven einbringen und dafür sorgen, dass wir gehört werden, so wie wir es heute getan haben“, sagte Lüschen.
Der Internationale Frauentag
Der Internationale Frauentag wird jedes Jahr am 8. März begangen. Seine Wurzeln liegen in der Arbeiterinnen- und Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Frauen forderten damals vor allem bessere Arbeitsbedingungen, gleiche Bezahlung und das Wahlrecht. Als Begründerin des Frauentags gilt die deutsche Sozialistin Clara Zetkin. Auf einer internationalen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen schlug sie vor, einen weltweiten Aktionstag für Frauenrechte einzuführen. Bereits 1911 wurde der Frauentag erstmals in mehreren europäischen Ländern begangen. Der Termin 8. März setzte sich später international durch. Heute steht der Tag weltweit für den Einsatz für Gleichberechtigung, gleiche Chancen im Beruf, politische Teilhabe und den Schutz vor Gewalt. Seit 1975 wird der Internationale Frauentag auch offiziell von den Vereinten Nationen anerkannt. In einigen Ländern ist er sogar ein gesetzlicher Feiertag – in Deutschland unter anderem im Bundesland Berlin.