Osnabrück Bürgertheater „Gastspiel“ kämpft für den guten Ruf von Osnabrück-Schinkel
Der Schinkel ist weitaus besser als sein Ruf. Nur wissen das vor allem die Schinkelaner. Mit dem Bürgertheater „Gastspiel“ wollen sie und andere Bürger aus Osnabrück das Gegenteil beweisen. Einblicke vom Vernetzungstreffen im Heinz-Fitschen-Haus.
Wenn Yeliz Sever erzählt, dass sie im Schinkel wohnt, bekommt sie Sprüche zu hören, die sich alles andere als schön oder ermutigend anhören. „Mein Beileid“, ist noch die harmlose Variante; oft genug greifen Gesprächspartner, zwei, drei Schubladen tiefer, belegen den Schinkel mit Attributen wie „asozial“. Für die 22-jährige deutsch-türkische Singer-Songwriterin ist das ein Grund, beim Theaterstück „Gastspiel“ mitzumachen, das das Musiktheater Lupe gemeinsam mit dem Bürgerverein Schinkel von 1912 e.V. auf die Beine stellt. Im Schinkel für den Schinkel.
Ende Februar treffen sich im Heinz Fitschen Haus erstmals an die 40 Menschen, die bei dem Projekt dabei sein wollen. Menschen im Alter zwischen zwanzig und achtzig, mit Migrationshintergrund und ohne. Menschen aus ganz Osnabrück, die schon mal mit Katrin Orth vom Musiktheater Lupe ein Theaterstück erarbeitet und aufgeführt haben. Und Menschen aus dem Schinkel, die mit dem Stück „Gastspiel“ beitragen möchten, Nicht-Schinkelanern das positive Bild zu vermitteln, das dem Stadtteil gebührt. Das Bild eines Stadtteils, in dem „alle verschieden sind“, sagt Yeliz‘ Mutter, „und das ist richtig so.“
Einer dieser Menschen ist Novica Andrejic. 1968 kam er als Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland, genauer: in den Schinkel. Er hat bei Klöckner gearbeitet, im Stahlwerk im Schinkel – dem heutigen Magnum-Gelände – und zwischenzeitlich in Georgsmarienhütte. Doch gewohnt hat er immer im Schinkel. Auch jetzt, wo er nach über vierzig Jahren im Stahlwerk seinen Ruhestand genießt.
Die Aufwärmrunde im Saal des Heinz Fitschen Hauses macht Andrejic lächelnd mit, wie alle. „Einfach durcheinanderlaufen, ohne jemanden anzurempeln“, lautet die Aufgabe, die Orth ihren Darstellern vorgibt. Dann: laufen, als habe man ein schmerzendes Bein. Innehalten, wenn eine bestimmte Person stehenbleibt und gewissermaßen einfriert, weitergehen, wenn die Person wieder auftaut. Kurz gesagt: Auf sich achten und gleichzeitig auf die anderen. So lockern Theaterpädagogen ihre Spielerschar körperlich und mental auf, um sie für die eigentliche Theaterarbeit vorzubereiten.
Andrejic macht beim „Gastspiel“ nicht mit, sagt er lächelnd. Seine Rolle ist eine andere: Er ist der Zeitzeuge, der Katrin Orth von seinem Leben im Schinkel erzählt und ihr damit Material für ihr Stück „Gastspiel“ liefert. Seine Tochter Biljana Dabic hingegen ist dabei, gemeinsam mit ihrer serbischen Volkstanzgruppe.
Nach der Aufwärmrunde sitzen alle wieder im Kreis auf ihren Stühlen; geprobt wird heute nicht. Dieses Treffen dient dem Kennenlernen und dazu, organisatorische Fragen zu klären. Und Ansprüche: Es gibt zwei Probenwochenenden für alle Teilnehmer; „Ich möchte, dass Ihr Euch diese Wochenenden freihaltet“, sagt Orth. „Die Texte schicke ich Euch zu; es wäre schön, wenn ihr die könnt.“ Am 29. Mai findet dann die Premiere statt, weitere Vorstellungen folgen am 30. Mai, am 5. und 6. Juni und am 12. und 13. Juni.
Der Theaterabend wird sich auf verschiedene Orte im Stadtteil verteilen; die einzelnen Stationen werden per Fahrrad erreicht. Startpunkt ist der Kompass des Heinz Fitschen Hauses, der Jugendtreff des Stadtteiltreffs. Von da geht es in kleinen Gruppen zu den einzelnen Aufführungsorten, und am Schluss treffen sich alle Besucher und alle Darsteller an einem markanten Ort im Schinkel. Nicht umsonst entsteht das Theaterstück in Kooperation mit dem Bürgerverein Schinkel von 1912. Und dass dem Projekt einige Brisanz innewohnt, kann man aus der Liste der Förderer ersehen, die das Konzept so überzeugend fanden, dass sie es finanziell unterstützen, die von der Stadt Osnabrück über den Landschaftsverband bis zum niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur reicht.
Das Stück selbst befindet sich noch im Fluss. „Das schreibe ich“, sagt Katrin Orth. Die Themen stehen in groben Zügen fest: Das Stück schlägt den Bogen von den 1960er-Jahren, als die ersten Gastarbeiter in Deutschland und damit eben auch im Schinkel eintrafen, ins Heute. „Es wird um Demokratie und Ausländerfeindlichkeit gehen, weil es unglaublich ist, was heute passiert“, sagt Orth. Ohne ins Detail zu gehen, erntet sie für diesen Satz Applaus. Dabei schwingt viel Hoffnung mit: auf ein gelungenes Theatererlebnis für Beteiligte und Zuschauer, auf ein inspirierendes Gruppenerlebnis – und darauf, dass der Schinkel sich als das präsentieren kann, was er ist: ein vielfältiger, bunter Stadtteil, in dem es sich gut lebt.