Osnabrück Wenig Arbeit, viele Gerüchte: Anspannung bei VW-Mitarbeitern in Osnabrück wächst
Die berufliche Zukunft von 2300 Mitarbeitern des VW-Werks in Osnabrück steht auf dem Spiel. In der Betriebsversammlung war die Anspannung spürbar, wie Teilnehmer berichten. Doch es gibt etwas, was den Beschäftigten Mut macht.
Die einen sagen, im Fledder werden bald gepanzerte Fahrzeuge gebaut. Andere glauben zu wissen, es lägen schon unterschriftsreife Verträge aus der Rüstungsindustrie vor. Zugleich wird bekannt, dass die Entwickler in Osnabrück einen olivgrünen Prototyp für die Bundeswehr präsentiert haben. Um die Zukunft des VW-Werks in Osnabrück ranken sich derzeit viele Gerüchte und Halbwahrheiten. Entsprechend angespannt verfolgten etwa 1700 der insgesamt 2300 Mitarbeiter am Donnerstag die Betriebsversammlung.
Ja, die Anspannung sei bis auf die Bühne spürbar gewesen, bestätigten Betriebsratsvorsitzender Jürgen Placke und der Chef-IG-Metaller der Region, Stephan Soldanski, nach der Veranstaltung. Die beiden standen zum Auftakt der Betriebsversammlung zusammen mit der Geschäftsführerin von VW Osnabrück, Christiane Engel, auf dem Podium, um über die Zukunft des Werks nach Auslaufen der T-Roc-Cabrio-Produktion 2027 zu berichten.
Der gemeinsame Auftritt von Chefin und Arbeitnehmervertretern soll als deutliches Signal in die Belegschaft, in die Region und in Richtung Wolfsburger Konzernzentrale verstanden werden: Hier, in Osnabrück, kämpfen die Unternehmensspitze und die Mitarbeiter Seite an Seite um eine tragfähige Lösung. Die Mitarbeiter hätten diesen Schulterschluss durchaus als ermutigendes Zeichen wahrgenommen, sagt Placke: „Einer ist zum Schluss aufgestanden und hat das ausdrücklich gelobt.“
Doch zur Wahrheit gehört: Eine Lösung konnten die Drei den Beschäftigten nicht verkünden. Nicht mal die Andeutung einer Lösung. „Es gibt nichts Neues“, so die nüchterne Zusammenfassung von Stephan Soldanski. Es gebe zwar rege Kontakte zu möglichen Auftraggebern und Kooperationspartnern, aber bislang keine konkrete Perspektive, was nach Auslaufen des T-Roc-Cabrio im Spätsommer 2027 im Werk gebaut werden könnte.
VW Osnabrück ist nach Einschätzung von Insidern zurzeit nur etwa zu 20 Prozent ausgelastet. Soldanski und Placke bestätigen diese Zahl nicht. Sie sprechen nur allgemein von einer „Unterauslastung“, die für Qualifizierungen und Weiterbildung genutzt werde.
Von dem Gedanken, dass VW Osnabrück ein eigenes Fahrzeug bekommt, haben sich die Arbeitnehmervertreter verabschiedet. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr, sehr gering“, räumt Soldanski ein. Doch die Mitarbeiter warteten nicht einfach ab, sondern ergriffen selbst die Initiative, so der Gewerkschafter weiter: „Wir gucken, wie wir uns selbst helfen können.“ Dazu gehöre, dass die Entwicklungsabteilung eigene Produkte entwerfe und Prototypen baue.
Die Technische Entwicklung ist eine der Premiumabteilungen des Automobilstandorts Osnabrück. 450 Leute sind dort damit beschäftigt, Fahrzeuge weiterzuentwickeln und dem Markt vorzustellen. So ist auch der armeetaugliche Amarok entstanden, den VW kürzlich auf der Rüstungsmesse „Enforce Tac“ in Nürnberg präsentierte. Ein Einzelstück, entworfen und gefertigt unter strenger Geheimhaltung im Osnabrücker Werk.
Auch vom Crafter, einem Kleintransporter, gibt es eine olivgrüne Variante, die auf die Bedürfnisse von Bundeswehr und Katastrophenschutz getrimmt worden ist. Dass es diese beiden Modelle sind, die in Osnabrück als Musterstücke aufgerüstet wurden, ist kein Zufall: Der Amarok wird in Südafrika gebaut, der Crafter in Polen. Das Osnabrücker Werk würde, sollte es Interesse an den Fahrzeugen geben, nicht den Kollegen in anderen deutschen Werken die Arbeit wegnehmen.
Beide Prototypen wurden nicht ausschließlich für eine militärische Nutzung konzipiert. Sie könnten auch – mit blauer Lackierung – für das Technische Hilfswerk (THW) nützlich sein, wie VW-Geschäftsführerin Christiane Engel während der Betriebsversammlung darstellte.
Der Bau von Prototypen gehört zum Tagesgeschäft im Werk im Fledder. Es war schon Teil des Geschäftsmodells von Karmann, erfolgreiche Fahrzeugkonzepte weiterzuentwickeln oder ganz neue Modelle zu erfinden. Die Fahrzeugsammlung ist voll von solchen Versuchsfahrzeugen. Einige wurden zu Erfolgsmodellen (wie der Ghia), andere endeten als Sonderlinge im Automuseum.
Mit dem Amarok und dem Crafter sind zum ersten Mal Militärfahrzeuge Teil der Prototypensammlung.
Betriebsrat und Gewerkschaft sind „nicht unbedingt scharf darauf“, in Osnabrück Rüstungsgüter zu produzieren, wie Soldanski sagt. Aber wenn es das Angebot gäbe und die Arbeitsplätze damit gesichert wären, würden die Arbeitnehmervertreter sofort einschlagen. Die Kritik von Pazifisten, die Friedensstadt dürfe sich der Rüstungsproduktion nicht öffnen, teilen die Arbeitnehmervertreter ausdrücklich nicht. Für sie hat die Sicherung der Arbeitsplätze Priorität.
Soldanski beschreibt die aktuelle Strategie der VW Osnabrück GmbH so: „Es wird ein großes Netz ausgeworfen und man schaut, was man fischen kann.“ Ein Projekt ist damit schon an Land gezogen worden, wie in der Betriebsversammlung bekannt wurde: Am Standort Osnabrück sollen Lkw-Fahrerkabinen gebaut werden. Das Gute: Der Vertrag wird bis 2040 laufen. Das weniger Gute: Der Auftrag bringt Beschäftigung für nur 60 bis 100 Leute.