Osnabrück Lieber Note Sechs als Wehrdienst: Schüler protestieren gegen neues Gesetz
Rund 200 Menschen haben in Osnabrück gegen das neue Wehrdienstgesetz demonstriert. Für ihren Protest schwänzten viele Jugendliche den Unterricht – und riskieren dafür sogar schlechte Noten.
Rund 200 Menschen sind am Donnerstag, 5. März, dem Aufruf zum zweiten bundesweiten Schulstreik gefolgt. Die Teilnehmer versammelten sich am Vormittag auf dem Platz der Deutschen Einheit vor dem Theater in Osnabrück, um gegen das neue Wehrdienstgesetz zu demonstrieren. Neben verschiedenen Jugendorganisationen beteiligten sich auch lokale Gruppen wie das Zukunftswerk Osnabrück oder die Bürgerinitiative „Osnabrücker Schulen im Aufbruch“ an der Aktion.
Um 10.30 Uhr startete die Veranstaltung mit einer kurzen Kundgebung. Luna, Schülerin und Sprecherin der Organisatoren, kritisierte in ihrer Rede die Prioritäten der Bundesregierung. Sie beklagte den Zustand von Schulen und Unis und fehlende Mittel für soziale Projekte. „Wenn unser Land so wenig für uns tut, uns Gelder kürzt und unsere Sorgen und Probleme ignoriert, warum sollten wir uns dann für die Verteidigung eben dieses Landes verpflichten lassen?“
Auch Maximilian, Schüler der Ursulaschule, warf der Politik in seinem Beitrag Heuchelei vor. Er kritisierte, dass demokratische Werte vorgeschoben würden, um Zwangsdienste durchzusetzen. „Uns wird eingeredet, es sei moralisch, auf andere Menschen zu schießen, um angebliche Werte wie Demokratie und Freiheit zu verteidigen“, sagte der Schüler.
Nach der kurzen Kundgebung zu Beginn setzte sich der Demonstrationszug schließlich in Bewegung. Die Route führte über die Herrenteichstraße und den Erich-Maria-Remarque-Ring zum Gebäude des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) an der Bruchstraße. Hier fand eine Zwischenkundgebung statt, bei der unter anderem Andreas Boderius vom Zukunftswerk Osnabrück sprach. Er forderte eine friedliche Zukunft für den Industriestandort Osnabrück und kritisierte dabei auch die Überlegungen, Teile des VW-Werks für die Rüstungsproduktion zu nutzen: „Die Friedensstadt Osnabrück darf keine Waffenschmiede werden.“
Nach dem Zwischenstopp zog der Protestmarsch mit Trommeln und Sprechgesängen weiter über den Petersburger Wall und die Johannisstraße durch die Große Straße zurück zum Ausgangspunkt.
Der niedersächsische Philologenverband begrüßte zwar das Engagement der Schüler, kritisierte aber den Zeitpunkt während der Unterrichtszeit. „Demokratisches Engagement von Jugendlichen ist ausdrücklich zu begrüßen, aber nicht auf Kosten der Unterrichtszeit“, sagte der Verbandsvorsitzende Christoph Rabbow laut einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er mahnte, dass ein Aufruf zum Schulstreik die Schulpflicht infrage stelle. Zudem bezweifelte der Verband die Sachlichkeit der Aktion, da das Recht auf Kriegsdienstverweigerung weiterhin bestehe.
Die Teilnehmer zeigten sich von dieser Kritik unbeeindruckt. Schülerin Luna thematisierte in ihrer Rede offen die möglichen Konsequenzen für die Jugendlichen. „Mir ist bewusst, dass einige hier heute für den Tag eine Sechs eingetragen bekommen“, sagte die Schülerin vor der Menge. Sie sei beeindruckt, dass dennoch so viele Schüler an der Demonstration teilnehmen würden, und gerade dies am Ende zähle. „Wir sind hier, weil wir uns und unsere Freunde nicht widerstandslos zu Kanonenfutter machen lassen.“ Im Vergleich zum ersten Schulstreik am 5. Dezember hat sich laut der Schülerin das Gemeinschaftsgefühl verstärkt.
In der offiziellen Bilanz der Initiative „Schulstreik gegen Wehrdienst“ heißt es, dass sich bundesweit über 50.000 Schüler in insgesamt 150 Städten an den Demonstrationen beteiligt hätten. Trotz des Drucks durch Schulleitungen und Behörden bewertet die Initiative den Tag als Erfolg. Die Bewegung fordert weiterhin „Geld für Bildung, Soziales und Umweltschutz statt für Aufrüstung und Kriegsvorbereitung“. Der nächste bundesweite Streiktag ist für Freitag, 8. Mai 2026, geplant.