Osnabrück  Insolventer Unternehmer aus Bad Iburg warnt: „Der Standort Deutschland ist für Zulieferer tot“

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 09.03.2026 06:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Autoindustrie steht unter Druck. Das merken auch kleine Zuliefer. Foto: IMAGO / Sven Simon
Die Autoindustrie steht unter Druck. Das merken auch kleine Zuliefer. Foto: IMAGO / Sven Simon
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Mühsam hatte sich Manfred Saathoff aus Bad Iburg ein kleines Unternehmen aufgebaut. Jetzt ist der Autozulieferer insolvent. Das hat mit der Krise der gesamten Branche zu tun. Aber es gibt noch weitere Gründe.

Seit etwa zwei Jahren war es bergab gegangen, sagt Manfred Saathoff nach einigem Überlegen. Der 66-Jährige sitzt im Büro seines Insolvenzverwalters Peter Jacob in Osnabrück. Er trägt eine schwarze Fleecejacke, darauf das grüne Logo seiner Firma. Aus einer Ein-Mann-Werkstatt hatte der Maschinenschlossermeister in Bad Iburg Schritt für Schritt sein Unternehmen Saathoff aufgebaut. Die knapp 20 Beschäftigten fertigten unter anderem Sondermaschinen für die Autoindustrie – Anlagen, die in Autowerken auf der ganzen Welt zum Einsatz kamen. Zu den Kunden zählten die großen Hersteller der Branche.

Seit Januar ist Schluss, die Firma ist insolvent, die Mitarbeiter entlassen, das Gelände wird verkauft. Wie konnte es so weit kommen?

Die Krise der Automobilindustrie ist auch die Krise der Zulieferer. Große Hersteller kämpfen mit sinkenden Absatzzahlen, wachsender Konkurrenz aus China und der Umstellung vom Verbrenner zur E-Mobilität. Anschaffungen bei den Autobauern werden zurückgestellt, Projekte verschoben. „Die waren sehr zögerlich bei Investitionen“, sagt Saathoff. Nachdem das Geschäft jahrelang stabil lief, blieben plötzlich Aufträge aus.

Doch die ausbleibenden Bestellungen seien nur ein Teil des Problems. „Die Kunden haben extrem hohe Anforderungen an uns“, sagt Saathoff. Weil sein Betrieb auch mit innovativen Produkten arbeitete, habe er zum Beispiel rund 150.000 Euro in Sicherheitsmaßnahmen investieren müssen – etwa in Zäune oder Trennglas in der Produktion. Hintergrund sei die Sorge vor Industriespionage gewesen. „Wer da nicht mitmacht, bekommt den Auftrag erst gar nicht.“ Die Finanzierung solcher Investitionen sei zuletzt immer schwieriger geworden. „Die Banken sind deutlich zurückhaltender“, sagt der Unternehmer.

Ein anderes Problem: die Bürokratie, nicht nur von staatlicher Seite, sondern auch aus der Branche selbst. „Alles muss dokumentiert werden aus Haftungs- und Gewährleistungsgründen“, sagt er. Mitunter habe er Hunderte Seiten Bedienungsanleitung für seine Anlagen geschrieben.

Am Ende sei es bei der Vergabe allerdings nur um den Preis gegangen. „Wenn es in Polen zwei Cent günstiger ging, dann waren sie weg. Da gibt es keine Loyalität“, sagt Saathoff über langjährige große Kunden. Das Problem für ihn: Er konnte keine Aufträge zur Montage im Ausland annehmen. „Ich habe keine Leute mehr gefunden, die auf Montage gehen wollen“, sagt er.

Für Saathoff ist es das Zusammenspiel aus weniger Aufträgen, steigenden Anforderungen und fehlender Flexibilität, das seinen Betrieb in die Knie zwang. Mit den hohen Lohnnebenkosten sieht er wenig Zukunft für die Branche. „Der Standort Deutschland ist für Zulieferer tot“, sagt er.

Insolvenzverwalter Peter Jacob, seit rund 20 Jahren in dem Geschäft, widerspricht zumindest in der Zuspitzung. „Natürlich haben die großen Unternehmen die Probleme an die kleinen weitergegeben“, sagt er. Bei einer Insolvenz kämen allerdings viele Dinge zusammen, „und dazu gehören immer auch unternehmerische Fehlentscheidungen“, sagt Jacob.

Als Insolvenzverwalter blickt er mit Sorge auf die Zuliefererindustrie. „Die Branche steht extrem unter Druck. Die hohen Lohnnebenkosten sind ein Wettbewerbsnachteil“, sagt er. Noch spürbarer seien die hohen Kosten hierzulande aber in Branchen mit weniger qualifiziertem Personal wie der Gastronomie. „Da bekommen auch Helfer 15 Euro die Stunde, das ist für die Betriebe natürlich eine Belastung“, sagt er.

Von einer großen Krise möchte der Insolvenzverwalter trotz der hohen Zahl an Insolvenzen dennoch nicht sprechen. „Anfang der 2000er-Jahre war die Zahl der Insolvenzen deutlich höher. Die aktuell hohe Zahl liegt vor allem an Nachholeffekten der Corona-Pandemie“, sagt er.

Und eines ist dem Juristen noch wichtig: „Eine Insolvenz ist nicht immer das Ende, danach kann es weitergehen.“ Lange habe auch bei Manfred Saathoff die Übernahme durch einen Investor im Raum gestanden. „Dass das nicht geklappt hat, ist jetzt sehr schade“, sagt er und blickt zu dem Unternehmer. Für Saathoff war die Schließung ein schwerer Schritt. „Das war mein Lebenswerk“, sagt er. Besonders belastend sei das Gespräch mit den Mitarbeitern gewesen. Inzwischen hätten alle einen neuen Job gefunden.

Heute arbeitet der 66-Jährige im Vertrieb. Als normaler Angestellter. So ganz los lässt ihn die Selbstständigkeit aber nicht. „Oft arbeite ich noch am Wochenende, das ist einfach drin“, sagt er. Aktuell räumt Manfred Saathoff das Gelände seiner ehemaligen Firma – bis es verkauft worden ist.

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