Umfrage in 29 Ländern Generationen-Umfrage: Gen-Z hat rückständigstes Rollendenken

dpa
|
Von dpa
| 05.03.2026 01:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Lange mussten Frauen dafür kämpfen, wählen und eigene Entscheidungen treffen zu dürfen. (Archivbild) Foto: Igor Wagner/dpa
Lange mussten Frauen dafür kämpfen, wählen und eigene Entscheidungen treffen zu dürfen. (Archivbild) Foto: Igor Wagner/dpa
Artikel teilen:

Lange mussten Frauen dafür kämpfen, wählen und eigene Entscheidungen treffen zu dürfen. Der Erfolg scheint bedroht: Vor allem jüngere Männer befürworten rückständige Rollenmodelle vermehrt wieder.

Hausfrau-Influencerinnen, die lächelnd in Kochtöpfen rühren, Frauenfeinde wie Andrew Tate als TikTok-Stars: Traditionelle Rollenbilder sind in sozialen Medien stark präsent - und damit auch in den Köpfen junger Menschen. In einer Umfrage vertraten Männer der Generation Z im Vergleich der Altersgruppen in allen 29 einbezogenen Ländern die rückständigsten Auffassungen zur Rollenverteilung, wie das Meinungsforschungsinstitut Ipsos mitteilte. Zur Generation Z wurden zwischen 1997 und 2012 geborene Menschen gezählt. 

„Digitale Ökosysteme verstärken die Polarisierung, weil Social Media Algorithmen zugespitzte Botschaften belohnen“, von Männlichkeits-Influencern bis zu feministischen Gegennarrativen, erklärte Robert Grimm, Leiter der Politikforschung bei Ipsos in Deutschland. Junge Männer bejahten öfter traditionelle Hierarchien in Beziehungen und hätten eher ein Problem damit, wenn Frauen mehr verdienen oder sehr unabhängig auftreten. 

Vorstellung: Von Gleichstellung profitieren nur die Frauen

„Es ist beunruhigend zu sehen, dass die Einstellung zur Gleichstellung der Geschlechter nicht positiver ist, insbesondere unter jungen Männern“, sagte Julia Gillard von der beteiligten King’s Business School in London. Viele Gen-Z-Männer stellten nicht nur einschränkende Erwartungen an Frauen, sondern seien selbst in restriktiven Geschlechternormen gefangen.

61 Prozent der Gen-Z-Männer finden der Online-Umfrage zufolge, dass in Sachen Gleichstellung im eigenen Land schon genug getan wurde. 57 Prozent der Gen-Z-Männer sind der Ansicht, dass die Gleichstellung von Frauen sogar so weit gefördert wurde, dass nun Männer diskriminiert werden. 

„Eine Ehefrau sollte ihrem Ehemann stets gehorchen“

Ein weiteres erschreckendes Ergebnis: Fast jeder dritte Gen-Z-Mann (31 Prozent) ist der Meinung, dass eine Ehefrau ihrem Mann immer gehorchen sollte. Bei den Gen-Z-Frauen liegt der Wert mit 18 Prozent deutlich darunter. Zum Vergleich: Bei den männlichen Babyboomern - geboren zwischen 1946 und 1964 - sind nicht einmal halb so viele Männer dieser Ansicht (13 Prozent), bei den Boomer-Frauen ebenfalls weitaus weniger (6 Prozent). „Die diesjährige Umfrage zeigt uns, dass wir möglicherweise eine große Neuverhandlung der Geschlechterrollen in der heutigen Gesellschaft erleben“, sagte Kelly Beaver, Ipsos-Geschäftsführerin in Großbritannien und Irland.

Fast ein Drittel der in Ländern wie Thailand, Mexiko, Südafrika, Italien, Australien, den USA und Japan befragten Gen-Z-Männer (29 Prozent) denkt, dass es für Probleme sorgt, wenn eine Ehefrau mehr verdient als ihr Mann. Bei den Boomer-Männern sind es gerade mal 18 Prozent. Für die Umfrage anlässlich des Weltfrauentags wurden in 29 Ländern mehr als 23.000 Menschen ab 16 Jahren befragt.

Gen-Z-Männer stünden unter erhöhtem Maskulinitäts- und Rollendruck - Boomer-Männer wirkten im Schnitt gelassener und nähmen Gleichstellung seltener als Bedrohung wahr, erklärte Grimm. Bei den Jüngeren sei das Gefühl von Zukunfts- und Statusunsicherheit stärker ausgeprägt, was die Logik „Wenn Frauen profitieren, verliere ich“ begünstigen könne.

Deutschland mit breiter Zustimmung für faire Arbeitsteilung

Die Ipsos-Daten zeigen auch: Deutschland steht im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht da. Nur jeder Zehnte in Deutschland glaubt demnach, dass Frauen davon profitieren, wenn sich Männer an traditionelle männliche Rollenbilder halten. Das sei der niedrigste Wert unter allen 29 untersuchten Ländern, hieß es von Ipsos.

Breite Zustimmung findet hierzulande die Vorstellung einer fairen Arbeitsteilung: Rund drei Viertel hierzulande sehen beide Geschlechter in der Pflicht, wenn es um Kindererziehung (73 Prozent), Geldverdienen (75 Prozent) oder Haushaltsarbeiten (77 Prozent) geht. „Diese Überzeugung für das eigene Leben weicht jedoch deutlich von der Einschätzung der gesellschaftlichen Realität ab“, gab Ipsos zu bedenken.

Nur 15 Prozent der Bundesbürger sind zum Beispiel der persönlichen Überzeugung, dass Frauen vorwiegend für die Kindererziehung verantwortlich sein sollten. Zugleich meinen 44 Prozent, dass diese in Deutschland in der gesellschaftlichen Erwartung überwiegend Frauensache ist. Ähnlich groß sei die Lücke bei der Hausarbeit.

Menschen schätzen gesellschaftliche Denkmuster falsch ein

„Es ist sehr besorgniserregend, dass traditionelle Geschlechternormen auch heute noch bestehen, und noch beunruhigender ist, dass viele Menschen offenbar unter dem Druck sozialer Erwartungen stehen, die nicht wirklich das widerspiegeln, was die meisten von uns glauben“, sagte Heejung Chung von der King’s Business School.

Die persönlichen Ansichten der Menschen seien weitaus progressiver als das, was sie als gesellschaftlich erwartet annehmen. „Diese Kluft ist besonders ausgeprägt bei Männern der Generation Z, die nicht nur einen starken Druck verspüren, sich an starre männliche Ideale anzupassen, sondern in einigen Fällen auch erwarten, dass Frauen zu traditionelleren Verhaltensweisen zurückkehren.“

Frauen in Führungspositionen - Symbol der Gleichstellung

In Deutschland sind inzwischen 37 Prozent der männlichen Befragten der Meinung, dass die Förderung von Frauen so weit getrieben wurde, dass nun Männer diskriminiert werden. Bei den Frauen glauben das immerhin 22 Prozent.

Zugleich denken 36 Prozent der Frauen - und 55 Prozent der männlichen Befragten -, dass für die Gleichstellung in Deutschland schon genug getan wurde, wie Ipsos mitteilte. 60 Prozent der Frauen sind aber auch der Ansicht, dass es ohne mehr Frauen in verantwortungsvollen Regierungs- und Unternehmens-Positionen keine echte Gleichstellung geben kann - das glauben auch immerhin 43 Prozent der Männer.

Ähnliche Artikel