Hamburg Wehrbericht zeigt Schwächen auf: Bundeswehr muss mehr Behaarung wagen
Die Bundeswehr wird seit Jahren ausgerüstet, das Personalproblem bleibt. Wenn der freiwillige Wehrdienst funktionieren soll, muss sich die Bundeswehr ändern.
Verschwundene Gewehre. Sexistische und rassistische Vorfälle. Vorgesetzte, die nachts betrunken einen „Ohrfeigen-Stuhlkreis“ einberufen. Denn ihnen habe das ja auch nicht geschadet.
Der jährliche Wehrbericht ist traditionell ein Termin, in dem die unappetitlichen Seiten der Bundeswehr vorgeführt werden – durch die Soldaten selbst. Knapp 3000 Eingaben richteten sich 2025 an den „Anwalt der Soldaten“, den aktuellen Wehrbeauftragten Henning Otte (CDU).
Nur Einzelfälle? Das ist in Zeiten, in denen die Bundeswehr auf Zehntausende freiwillige Rekruten pro Jahr hofft, nachrangig. Rekruten werden abgeschreckt. Und damit wird es zum strukturellen Problem. Dass sich das ändern muss, dürfte mittlerweile jeder in der Truppe verstanden haben. Doch es gibt auch andere Beispiele: Nachdem die Bundeswehr viel investierte, geht es im Bericht dieses Jahr weniger um schimmlige Kasernen und fehlende Ausrüstung. Stattdessen mahnt Otte unter anderem einen modernen Haar- und Barterlass an. „Im Interesse aller Bundeswehrangehörigen.“ Haare und Bart müssen bei Männern gestutzt werden, das stößt Soldaten offenbar auf. Eine Petitesse? Keineswegs. Die mehr als 50 Jahre alten und vom Bundesverwaltungsgericht bereits angemahnten Zottelregeln der Truppe stehen stellvertretend für ein Kulturproblem, das junge Menschen offenbar abschreckt und das sich nicht einfach durch viel Geld lösen lässt.
Der Wehrbericht zeigt, dass Geld allein nicht helfen wird, um junge Menschen zur Bundeswehr zu locken. Es braucht auch mehr Kita-Plätze, bessere Karrierecenter. Die aktuellen lassen willige Bewerber offenbar immer noch ratlos und ohne Job zurück. Und ein moderner Arbeitgeber, der die Bundeswehr ja sein will, schreibt seinen Arbeitnehmern eben auch nicht die Frisur vor.
Da die Bundeswehr und Boris Pistorius auf Freiwilligkeit setzen, müssen sie die Kritik aus der Truppe ernst nehmen. Der Personalaufwuchs wird schwierig genug. Die Bundeswehr soll in den kommenden Jahren von 180.000 auf 260.000 Soldaten wachsen. Es ist keine Frage des Könnens, sondern des Müssens. Und wenn die Truppe dieses Ziel ernsthaft auf freiwilliger Basis erreichen will, müssen auch vermeintliche Kleinigkeiten erledigt werden. Zum Beispiel die Modernisierung antiquierter Frisurenregeln.