Paris  Macron will Deutschland an Atomwaffen-Übungen beteiligen

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 02.03.2026 20:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Präsident Macron kündigte eine Aufstockung der Atomsprengköpfe im französischen Arsenal an. Foto: IMAGO/MAXPPP
Präsident Macron kündigte eine Aufstockung der Atomsprengköpfe im französischen Arsenal an. Foto: IMAGO/MAXPPP
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Frankreichs Präsident will das Nukleararsenal aufstocken und bietet an, den europäischen Nachbarn durch dieses zusätzlichen Schutz zu gewährleisten, ohne die Kontrolle abzugeben. Auch kündigte er die Erhöhung der nuklearen Sprengköpfe an.

Emmanuel Macron ist ein Meister der Inszenierung. Das gilt auch für seinen mit Spannung erwarteten Auftritt an diesem Montagnachmittag. Für die Grundsatzrede zur Weiterentwicklung der Nuklearstrategie seines Landes hat sich der Präsident, der zugleich Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, vor einem der vier französischen Atom-U-Boote auf dem sonst streng abgeschirmten Militärstützpunkt Île Longue in der Bretagne aufgebaut.

Er ist gekommen, um über die „europäische Dimension“ der französischen Atomwaffen zu reden und klarer denn je auszusprechen, dass diese auch andere EU-Länder schützen würden. Innenpolitisch ist das umstritten, für Paris kann dies einen bedeutsamen Einflussgewinn nach sich ziehen.

Die internationale Gefahrenlage habe sich verschärft, führt Macron in ernstem Ton aus. Er werde deshalb die Zahl der Nuklearsprengköpfe erhöhen, die derzeit bei rund 290 liegt. Außerdem sei ab 2036 ein neues atomgetriebenes U-Boot unter dem Namen „L’invincible“, „der Unbesiegbare“, einsatzbereit. „Um frei zu sein, muss man gefürchtet sein“, so der Staatschef. Das sei isoliert nicht mehr möglich.

Er biete den europäischen Nachbarn und dabei speziell Deutschland als „unserem wesentlichen Partner“ eine Kooperation unter dem Stichwort einer „fortgeschrittenen Abschreckung“ an. Diese beinhalte bereits ab diesem Jahr die Teilnahme an Übungen, die Atomangriffe simulieren, sowie Besuche strategischer Stützpunkte. Neben Deutschland und dem Vereinigten Königreich seien auch Polen, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Schweden und Dänemark interessiert an einer Debatte über den Schutz durch französische Atomwaffen, so Macron.

Kurz nach seiner Rede veröffentlichten er und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eine gemeinsame Erklärung, in der es hieß, die vertiefte deutsch-französische Zusammenarbeit werde „die nukleare Abschreckung der Nato sowie die nukleare Teilhabe, zu der Deutschland einen Beitrag leistet und auch weiterhin leisten wird, ergänzen, nicht ersetzen“.

Deutschland und Frankreich hätten eine hochrangige Nuklear-Steuerungsgruppe eingerichtet, die als bilateraler Rahmen für die Koordinierung strategischer Maßnahmen dienen solle. Dazu gehörten „Konsultationen über die geeignete Mischung aus konventionellen Fähigkeiten, Raketenabwehr sowie französischen Nuklearfähigkeiten“.

Die Vorschläge sind die Fortsetzung eines bereits eingeschlagenen Kurses. Im vergangenen Winter wurden britische Militärvertreter in einer Beobachterrolle zu einer Übung der luftgestützten französischen Atomflotte eingeladen. Im Juli 2025 unterzeichneten Frankreich und Großbritannien eine Vereinbarung über eine verstärkte nukleare Zusammenarbeit. Auch der deutsche Nato-Botschafter besuchte in der Vergangenheit bereits eine französische Atomwaffenbasis.

Macrons Rede zur Nukleardoktrin war seit Langem geplant; die letzte liegt sechs Jahre zurück. Doch angesichts des Kriegs in Nahost erhält die Frage, wie sich die Europäer in einer sich dramatisch verändernden Weltlage selbst schützen können, neue Brisanz.

Hinzu kommt Beobachtern zufolge die Furcht, dass ein möglicher Sieg der rechtsnationalen Partei Rassemblement National (RN) einen Rückschlag für die europaweite Kooperation auch in Sicherheitsfragen nach sich ziehen könnte. Macron wollte Fakten schaffen, indem er die Annäherung beschleunigt. Ohne konkret über Kosten zu sprechen, schlug er eine „faire Aufteilung der Anstrengungen“ vor.

Paris verfügt über Westeuropas größtes Atomwaffenarsenal, das anders als jenes des Vereinigten Königreichs völlig unabhängig von den USA ist. Es umfasst sowohl luft- als auch seegestützte Waffen und mindestens eines der vier Atom-U-Boote patrouilliert permanent auf den Weltmeeren. 2025 lag das Budget der nuklearen Streitkräfte bei sieben Milliarden Euro, also rund 13 Prozent des Verteidigungsbudgets.

Die Vorschläge sind die Fortsetzung eines bereits von Paris eingeschlagenen Kurses. 2020 versicherte Macron, die „lebenswichtigen Interessen“ Frankreichs, deren Gefährdung den Einsatz von Atomwaffen rechtfertigen würden, beinhalteten eine europäische Dimension. Ein Angriff auf diese Interessen könnte laut der rein defensiven französischen Doktrin eine Reaktion auslösen, die „absolut inakzeptable Schäden“ für die Gegner zur Folge hätte. Die Formulierungen werden jeweils bewusst vage gehalten, um potenzielle Gegner im Unklaren darüber zu lassen, was beispielsweise die „lebenswichtigen Interessen“ konkret bedeuten.

Bereits damals bot Frankreichs Staatschef den EU-Partnern einen strategischen Dialog zur Rolle der französischen nuklearen Abschreckung im europäischen Sicherheitssystem an. Das fand wenig Echo, gerade in Berlin, das keineswegs den Atomschutzschirm durch die USA infrage gestellt sehen wollte. Doch angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und der Zweifel an der Zuverlässigkeit der USA unter Donald Trump ist die Frage, welchen Beitrag Frankreich und Großbritannien zur nuklearen Abschreckung des Kontinents leisten können, nicht mehr tabu.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar, er habe mit Macron ein Gespräch über dieses Thema begonnen. Um eine nukleare Teilhabe nach amerikanischem Vorbild oder gar einen Ersatz des Schutzes durch die USA sollte es dabei nicht gehen, wurde betont.

Starken innenpolitischen Gegenwind erhält Macron sowohl von der Linkspartei LFI als auch von Politikern des rechtsextremen RN. Beide unterstellten Macron, er wolle die französische Nuklearstreitmacht teilen, so sehr er auch versicherte, dass alle Entscheidungen bezüglich der Atomwaffen weiterhin ausschließlich beim Präsidenten liegen. „Das französische Nukleararsenal gehört den Franzosen“, polterte RN-Frontfrau Marine Le Pen, die ein Amtsenthebungsverfahren Macrons in Aussicht stellte, das allerdings als chancenlos gilt.

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