Osnabrück  Der Osnabrücker Autor und der Frieden: Wie „kriegstüchtig“ war Erich Maria Remarque?

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 01.03.2026 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Darum geht es: Im Jahr 2028 jährt sich die Erstveröffentlichung von "Im Westen nichts Neues" zum 100. Mal. Dann soll die neue Dauerausstellung eröffnet werden. Foto: Detlef Heese
Darum geht es: Im Jahr 2028 jährt sich die Erstveröffentlichung von "Im Westen nichts Neues" zum 100. Mal. Dann soll die neue Dauerausstellung eröffnet werden. Foto: Detlef Heese
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Erich Maria Remarque gilt als Pazifist und entschlossener Kriegsgegner. Eine Sichtweise, die wohl zu kurz greift: Der Krieg in der Ukraine und Debatten um Wehrhaftigkeit eröffnen eine neue Perspektive auf Leben und Werk des Autors. Gut möglich, dass er und Boris Pistorius heute Seite an Seite stünden.

Erich Maria Remarques Buch „Im Westen nichts Neues“ gilt als einer der eindrücklichsten Antikriegsromane der Weltliteratur. Den Schriftsteller deswegen als Befürworter eines fundamentalen Pazifismus zu verstehen, griffe aber wohl zu kurz: Aus Werk und Biografie ergeben sich klare Anhaltspunkte dafür, dass der in Osnabrück geborene Remarque Wehrhaftigkeit als geboten ansah, um Aggression und Unrecht entgegenzutreten.

Ein kleiner Anstecker mit den Flaggen der Bundesrepublik und der EU prangt seit einiger Zeit am Sakko von Sven Jürgensen. Jürgensen ist Leiter des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums am Markt, in gewisser Hinsicht also Osnabrücks Chef-Exeget in Sachen Remarque. Der Anstecker sei Bekenntnis, um die Farben der Demokratie nicht denen zu überlassen, die Nation mit Grenzen und Volkszugehörigkeit gleichsetzen, sagt Jürgensen. „Die Farben sind es als Ausdruck unserer demokratischen Tradition wert, verteidigt zu werden gegen eine Vereinnahmung für andere Ziele.“

Ein Satz, der bereits tief in Remarques Werk führt – und in eine Zeit, als eine brüchige Demokratie in Deutschland unter Druck geriet: Im Buch „Der schwarze Obelisk“ skizziert Remarque das Leben in der fiktiven Stadt „Werdenbrück“ in den frühen Jahren der Weimarer Republik. In der Stadt, deren reales Vorbild erkennbar Osnabrück ist, prallen autoritäre Nostalgie und demokratischer Aufbruch aufeinander.

Remarque schrieb das Buch in den 50er-Jahren im Wissen, wie diese Auseinandersetzung enden würde. In einer Szene erschlagen Deutschnationale einen Handwerker, der die schwarz-rot-goldene Fahne der Republik an seinem Haus gehisst hatte.

Das Kollektiv, das sich zum Übergriff auf ein Individuum ermächtigt fühlt – ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch das Werk des Schriftstellers zieht. „Remarque hat die Brüche und Katastrophen seiner Lebenszeit stets auf ihre Folgen für den Einzelnen heruntergebrochen“, sagt Jürgensen.

Das beginne schon mit „Im Westen nichts Neues“. Am Ende der Erzählung stirbt der junge Ich-Erzähler Paul Bäumer allein an einem Granatsplitter. Anhand seines Schicksals erzählt Remarque die Geschichte einer Generation, die im Kollektiv der Kameradschaft und im Grauen der Schützengräben erwachsen wurde, für das eigene Leben aber keinen Halt fand.

Der Krieg ist das erste große Thema im Werk Remarques. Später schrieb der Autor über Vertreibung, Migration und über das Unrecht, das der Totalitarismus im 20. Jahrhundert über Europa brachte. Fragen also, die auch in der europäischen Gegenwart miteinander verwoben sind. Jürgensen verweist auf die Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“, die durch den russischen Krieg gegen die Ukraine eine ungeahnte Aktualität und vielleicht erst deswegen eine riesige Resonanz erfuhr.

Die Perspektive des einfachen Soldaten, die Unklarheit zu den Hintergründen des Krieges, Schilderungen des Sterbens als Mahnung zum Frieden – Jürgensen verweist darauf, dass der Kontext des Werkes für seine Deutung aus der Gegenwart maßgeblich sei. „Remarque schildert den Krieg aus der Perspektive junger Männer, die als Angreifer in einem anderen Land kämpfen. Er schildert einen Krieg, der aus Sicht der Protagonisten sinnlos ist“, so formuliert es der studierte Philosoph.

Daraus folge ein Pazifismus, der aber keine Wehrlosigkeit fordert. „Remarque hat keinen Zweifel daran gelassen, dass Souveränität und das Recht gewahrt werden müssen. Nach modernem Verständnis wäre er wohl Anhänger einer wehrhaften Demokratie gewesen“, sagt Jürgensen. Werk und Leben des Schriftstellers lieferten klare Belege dafür: „Remarque hat die militärische Befreiung Europas vom Faschismus mit keinem Wort kritisiert. Vielmehr schien ihm militärische Gewalt geboten, um das Unrecht der Nazis zu beenden“, sagt Jürgensen.

Tatsächlich soll Remarque sich in den 1940er-Jahren als Freiwilliger zur US-Army gemeldet haben, die ihn dann aber ausgemustert habe. Zudem verfasste er Denkschriften für US-Geheimdienste. Für Remarque sei früh klar gewesen: Ein Land, das durch einen Unrechtsstaat bedroht ist, hat das Recht, sich militärisch zu verteidigen. „Remarque ist in der heutigen Zeit kein guter Zeuge, um die Unterstützung der Ukraine zu kritisieren oder Wehrpflicht und Aufrüstung rundheraus abzulehnen“, sagt Jürgensen. „Denn es kann Dinge geben, die können es wert sein, auch mit dem Leben verteidigt zu werden.“

Diese Dinge zu definieren, sich für deren Verteidigung zu entschließen – das freilich müsse freie Entscheidung des Individuums bleiben. Eine Argumentation, die dem Einzelnen die Freiheit lässt, sich im Zweifel auch gegen die Verteidigung seiner Freiheit oder der Freiheit anderer zu entscheiden.

Remarque habe erkannt, dass „Freiheit sich selbst in den Arm fallen kann“, sagt Jürgensen. „Er hat deswegen eindringliche Protagonisten geschaffen, die uns ein Beispiel geben, was auf dem Spiel steht, wenn wir Freiheiten und Rechte als verhandelbar ansehen. Mit ihm können wir fragen, ob wir Freiheit nur konsumieren oder auch verteidigen wollen.“

Denn es gebe Punkte im Leben und in der Entwicklung von Gesellschaften, die darüber Klarheit einforderten. Diese Erfahrung durchdringe das Werk von Remarque. Es sei sein „großer Verdienst“, große Fragen und Gedanken in einer eingängigen, präzisen, oft schnörkellosen Sprache zu formulieren und daraus eine klare Haltung zu formen.

Vielleicht deswegen ist Remarques Name in der Welt und insbesondere im östlichen Europa viel klanghafter, als er es im deutschsprachigen Raum ist. Die Bedrohung durch Russland, Putins Krieg in der Ukraine, die Bereitschaft, den Willen einer anderen Gesellschaft durch Gewalt zu brechen – all das berührt Kernfragen in Remarques Werk. „Wir hören seit 2022 immer wieder von Besuchern, dass die Gegenwart eine neue Sicht, auch ein neues Verständnis seiner Bücher und seiner Botschaft angestoßen hat“, sagt Jürgensen.

Neben dem pazifistisch verstandenen Remarque gewinne so jener Remarque an Kontur, der aus seinem späteren Leben und aus dem Fortgang des 20. Jahrhunderts Freiheit und Toleranz als Werte identifizierte, die eine Gesellschaft verteidigen müsse. Remarques Selbstbeschreibung als „militanter Pazifist“ bringe diese Ambiguität auf den Punkt.

Am Wort „Kriegstüchtigkeit“, das ausgerechnet auf den wohl prominentesten Osnabrücker der Gegenwart zurückgeht – Verteidigungsminister Boris Pistorius nämlich –, hätte Remarque sich angesichts der Lage Europas und angesichts seiner Erfahrungen wohl nicht gerieben, vermutet Sven Jürgensen. „Ihm war klar, dass Wehrhaftigkeit ein wichtiger Hebel ist, um den Frieden einer freien Gesellschaft zu wahren.“

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