Praxis in Aurich So arbeitet eine Plastische Chirurgin in Ostfriesland
Auch, wenn die Behandlungen an der Oberfläche vorgenommen werden, gehen die Effekte doch tiefer, meint Dr. Lara Winterhoff. Sie ist Plastische Chirurgin in Aurich und möchte mit Vorurteilen aufräumen.
Aurich - Im Praxis-Zentrum Aurich, zwischen einem Tierarzt und einem Anästhesisten, liegt die Praxis von Dr. Lara Winterhoff. Der erste Eindruck von der Ärztin passt zum Erscheinungsbild ihrer Behandlungsräume - aufgeräumt und gradlinig. Die Frau im weißen Kittel sagt, sie freut sich über ihren Beruf zu sprechen, denn er liegt ihr am Herzen. Winterhoff ist plastische Chirurgin.
Entgegen der Vorurteile besteht Winterhoffs Berufsalltag nicht nur aus reinen Schönheitsbehandlungen. Oft kommen auch Menschen zu ihr, deren Probleme mit dem eigenen Körper über die bloße Ästhetik hinausgehen. Schlupflider, die das Sichtfeld beeinträchtigen, überschüssige Haut nach starker Gewichtsabnahme oder Migräne, die mit Botox behandelt werden kann. Solche Eingriffe werden zwar von Krankenkassen nicht als medizinisch notwendig eingestuft. Aber sie verbessern die Lebensqualität der Patienten trotzdem, so Winterhoff. „Die Patienten sagen mir danach ‚Sie haben mir ein neues Leben geschenkt‘.“
Medizin als Kunst
Auch in Ostfriesland wachse die Nachfrage, sagt Winterhoff. Und: „Schönheitschirurgie sucht sich ihren Weg.“ Anbieter gibt es einige, doch die 46‑Jährige ist nach eigenen Angaben die einzige Anlaufstelle mit fachärztlicher Qualifikation in der Region. Für Kunst und Medizin hat sie sich schon immer interessiert – am Ende wurde es der künstlerische Bereich der Medizin. So beschreibt Winterhoff die Tätigkeit als plastische Chirurgin.
Plastische Chirurgie gleich Schönheitschirurgie?
Nein. Dr. Dirk Richter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie (DGPRÄC), erläutert, dass unter die Plastische Chirurgie ästhetische und rekonstruktive Eingriffe fallen. Den entsprechenden Facharzttitel trägt, wer eine Spezialisierung von mindestens sechs Jahren in Kliniken und anerkannten Ausbildungszentren absolviert hat. Anders ist es bei dem Begriff „Schönheitschirurgie“: Dieser ist nicht geschützt und damit ein „unscharfer Marketingbegriff“. Theoretisch kann jeder studierte Arzt nach freiwilligen Fortbildungen ästhetische Behandlungen anbieten.
Nach langer Ausbildungszeit mit Stationen in Hamburg, Lübeck, Schwerin und sogar den USA zog es die gebürtige Auricherin zurück in die Heimat. Außerdem ist die Region mit ihren rund 500.000 Einwohnern ein Markt, der nicht zu vernachlässigen sei. Seit 2018 führt sie also ihre eigene Praxis für Plastische- und Handchirurgie.
Behandlungen für jedermann
In ihre Praxis kommen „Menschen wie Sie und ich“, erzählt Winterhoff. Aus allen Berufsgruppen, in der Regel aber erst ab Ende 20. Ästhetische Behandlungen seien kein Nischenphänomen mehr. Winterhoff sagt, dass viele der von ihr durchgeführten Behandlungen in einen „Graubereich“ fallen: nicht so eindeutig wie eine Blinddarmentzündung oder eine schwere Verbrennung, für viele Betroffene aber psychologisch entscheidend. Sie sind eine Möglichkeit, damit der Alltag wieder „zufriedener und entspannter“ wird.
Die Ärztin erzählt, dass ihrer Patientinnen und Patienten eine eigene Geschichte mitbringe. Diese sind oft mit Unsicherheit, Unzufriedenheit oder einer längeren Leidensgeschichte verknüpft. Doch was, wenn die plastische Chirurgie gar nicht helfen kann?
„Psychologen mit Skalpell“
Es gebe nämlich immer wieder Patienten und Patientinnen, die mit einem verzerrten Selbstbild erscheinen – Dysmorphophobie heißt diese Körperbildstörung im Fachjargon. Ein Beispiel dafür seien sehr dünne Patienten, die sich eine Fettabsaugung wünschen, so Winterhoff. Für sie stehe bei einer Behandlung immer medizinische Sicherheit an oberster Stelle. Außerdem müsse gewährleistet sein, dass der Befund, also das Problem, mit den gewünschten Ergebnissen vereinbar ist. Alle bringen gewisse Voraussetzungen mit, die nicht jedes Ergebnis möglich machen. Sei das nicht gewährleistet, lehne Winterhoff die Behandlung ab.
Dr. Dirk Richter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie (DGPRÄC), spricht in solchen Fällen von „Psychologen mit Skalpell“. Eine Operation sei nicht immer hilfreich. Aus seiner Praxis nennt er konkrete Zahlen: Rund 20 bis 30 Prozent der Neupatienten schicke er wieder nach Hause. Dabei würden die Reaktionen von Dankbarkeit für den Realitäts-Check neue Perspektive auf die eigene Lage bis hin zu „bitterbösen Rezensionen“ reichen.
Neue, unrealistische Maßstäbe
Da beide Ärzte häufig Grenzen ziehen müssen, wünscht sich Winterhoff einen offeneren Umgang mit dem Thema. Ästhetische Behandlungen seien alltäglicher geworden, aber noch immer stigmatisiert. Im Fokus der Öffentlichkeit stünden häufig misslungene Behandlungen, doch im besten Fall sehe man hinterher nur „frisch und erholt“ aus. Werde dann nicht darüber gesprochen, was gemacht wurde, verschieben sich die Maßstäbe. Das Behandelte scheint dann wie Natur. Diese Verzerrung der Realität spielt in den (sozialen) Medien eine besonders große Bühne.
Der Einfluss der Medien mache sich auch in der Praxis bemerkbar, sagt die plastische Chirurgin. Einerseits sei dadurch der Anspruch an die eigene Schönheit in den letzten Jahren gestiegen. Andererseits sei auch „dieses Bewusstsein und Streben nach Perfektion“ aus ihrer Sicht ein kritisches Thema, „weil die Kinder und Jugendlichen da schon reinwachsen.“ Was Winterhoff hier beschreibt, spiegelt sich auch in internationalen Erhebungen wider, wie Richter bestätigt. Vor allem jüngere Menschen suchen vermehrt plastische Chirurgen auf. Zudem suchen sie eher nach operativen Eingriffen, als nach kurzfristigen Behandlungen.
Ausstrahlung ist entscheidend
„Menschen sind keine Schaufensterpuppen. Schönheit bedeutet nicht, dass alles perfekt ist“, sagt Lara Winterhoff. Entscheidend sei die Ausstrahlung, die aber wiederum mit innerer Zufriedenheit beginne. Gerade deshalb betont Winterhoff die Grenzen ihres Fachs als „oberflächliche Chirurgie“. Sie sei ehrlich mit ihren Patienten, welche Eingriffe gewünschte Ergebnisse erzielen könnten und welche nicht. Sie setzt auf „weniger ist mehr“ sowie eine Abwägung von Nutzen und Risiko.
Denn natürlich gehen mit Eingriffen auch immer Gefahren einher. Jede Operation birgt Infektionsrisiken, und auch eine Narkose ist ein Eingriff. Es kommen auch immer wieder Menschen, die anderswo schlechte Erfahrungen gemacht haben, bei denen der Eingriff misslungen ist. Winterhoff berichtet von asymmetrischen Ergebnissen und eingefrorenen Mimiken. Solchen Patienten müsse geholfen werden – andererseits offenbaren sie ein tiefliegendes Problem der Branche, mit dem auch Fachärzte und -ärztinnen zu kämpfen haben. Nicht alle halten sich an die Sorgfaltspflichten. Und am Ende bezahlt jemand den Preis: mit Geld, Gesundheit, aber auch Vorurteilen.
„Gruselige“ Entwicklung der Branche
Deshalb sei für Winterhoff eine gute Aufklärung und individuelle Betreuung von zentraler Bedeutung. Sie nehme sich Zeit, um Erwartungen einzuordnen und Möglichkeiten zu erklären. Gerade diese Kombination aus Fachwissen, Erfahrung und Beratung versteht sie als Gegenentwurf zu vielen Klischees.
Dirk Richter warnt zusätzlich ausdrücklich vor Ärztinnen und Ärzten, die mit Rabattaktionen für ästhetische Behandlungen werben. Als Negativbeispiel nennt er hier die Düsseldorfer Fernseh-Docs „Dr. Rick und Dr. Nick“ und ihre Firma Aesthetify. Auf ProSieben geben sie wöchentlich Einblicke sowohl in ihren Praxisalltag als auch in ihr Privatleben. Aus Sicht von Dirk Richter handelt es sich bei den beiden jedoch nicht um seriöse Mediziner, sondern um „selbsternannte Schönheitschirurgen“. Außerdem gibt es gegen die beiden ein Urteil des Bundesgerichtshofs wegen verbotener Werbung in Sozialen Medien. Die Tatsache, dass das Duo auf TikTok erfolgreich ist – und damit vor allem junge Menschen erreicht – bezeichnet der DGPRÄC-Präsident als „ganz gruselige Entwicklung“. Die Individualität der Behandlung käme bei solchen Formaten zu kurz.
Dieser Meinung schließt sich auch Lara Winterhoff aus Aurich an. Wenn die Behandlung gut ist, würde nach ihrer Einschätzung auch der Berufsstand positiver wahrgenommen und somit Klischees abgebaut werden.