Osnabrück  Am Ende sagt der Experte: Hören wir auf, die Osnabrücker City schlechtzureden

Wilfried Hinrichs
|
Von Wilfried Hinrichs
| 27.02.2026 05:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Stadt Osnabrück sollte gern mehr Events in die Stadt holen oder selbst initiieren, sagte Gastro-Sprecher Tobias Neumann während einer Podiumsdiskussion der Grünen zur Lage der Innenstadt. Das Bild entstand bei „Altstadt Beats!“ und Moonlightshopping im November 2025. Foto: Philipp Hülsmann
Die Stadt Osnabrück sollte gern mehr Events in die Stadt holen oder selbst initiieren, sagte Gastro-Sprecher Tobias Neumann während einer Podiumsdiskussion der Grünen zur Lage der Innenstadt. Das Bild entstand bei „Altstadt Beats!“ und Moonlightshopping im November 2025. Foto: Philipp Hülsmann
Artikel teilen:

Steckt die Osnabrücker Innenstadt in einer Abwärtsspirale? Diese Frage ist zu einem Wahlkampfthema geworden. In der Podiumsdiskussion der Grünen mahnten Experten allerdings zur Gelassenheit: Osnabrück habe Grund zum Optimismus.

Als am Ende einer knapp anderthalbstündigen Diskussion die Podiumsgäste ihre Wünsche für die Osnabrücker Innenstadt formulieren sollten, fasste sich der Osnabrücker Wissenschaftler und Experte für Innenstadt-Entwicklung, Martin Franz, kurz: „Wir sollten aufhören, die Osnabrücker Innenstadt schlechtzureden.“

Ja, es gebe Handlungsbedarf. Da müsse man nur auf den Neumarkt und einige Randbereiche schauen. Aber in der Gesamtschau und im Vergleich mit anderen Städten stehe Osnabrück immer noch sehr gut da, so der Wirtschaftsgeograph von der Uni Osnabrück. „Die Leute kommen, die Passantenfrequenzen sind hoch.“ Er sei die ewige Debatte über die Erreichbarkeit der Innenstadt leid, so Franz.

Also ist die Krise der Innenstadt nur herbeigeredet, ein konstruiertes Wahlkampfthema? Klar ist, dass der Einzelhandel schon bessere Zeiten hatte. Wie die Handelsmonitore der letzten Jahre ausweisen, stagnieren die Umsätze des City-Einzelhandels oder gehen sogar leicht zurück. Und die Besucher haben ihre Prioritäten geändert: Nicht mehr das Einkaufen steht auf Platz 1 beim Besuch der City, sondern das Essen und Trinken.

Vor diesem Hintergrund hatte der Stadtverband von Bündnis 90/Die Grünen Experten und Akteure auf das Podium in der Lagerhalle geholt: Martin Kremming, Geschäftsführer der CIMA Beratung und Management GmbH aus Hannover, hat mehrere Gutachten über den Einzelhandel in Osnabrück erstellt, Prof. Dr. Martin Franz schaut mit wissenschaftlichem Blick auf die Innenstadt, Claas Beckord leitet im Rathaus das Referat für nachhaltige Stadtentwicklung, Mona Schierenbeck führt die Geschäfte der Kamp-Promenade und Tobias Neumann kennt als Geschäftsführer des Restaurants „Whobert“ die Nöte der Gastronomie. Grünen-Chefin Luca Wirkus moderierte – und brachte hier und da die grüne Sichtweise ein.

Das Gespräch entwickelte sich zu einer Anamnese, zu einer systematischen Aufarbeitung der Entwicklungsgeschichte. Osnabrücks Fußgängerzone sei sehr groß und lang gezogen, warf Martin Kremming ein. Deshalb seien kleine Quartiere mit eigenem Charakter wie der Reichwein-Platz wichtig. Der Neumarkt könnte irgendwann auch so ein Raum sein.

Kremming gab zu bedenken, dass der durchschnittliche City-Besucher maximal 700 Meter zu Fuß zurücklege. Er zog daraus die Schlussfolgerung: „Die Osnabrücker City müsste eigentlich kleiner werden.“ Randbereiche wie die Hasestraße oder Johannisstraße könnten langfristig anderen Zwecken dienen, dem Wohnen und Arbeiten zum Beispiel.

Der Handelsexperte empfahl dringend, die Innenstadt als Ort für Arbeit und Wohnen zu erhalten oder neu zu entwickeln. Wer im Herzen der Stadt arbeite, gehe dort auch essen oder einkaufen, so Kremming. Städte sollten es vermeiden, dass Behörden oder Unternehmen ihre Standorte an den Stadtrand verlegten.

Martin Franz sprach aus, was viele der gut 80 Zuhörer im Plenum dachten und durch eine digitale Schnellabfrage zum Ausdruck brachten: Die City braucht mehr grüne Oasen und Stadtmöbel, wo Menschen sich niederlassen können, ohne konsumieren zu müssen.

Gastwirt Tobias Neumann lobte die Events in der Stadt, von denen es gerne noch mehr geben dürfte. Der Abendmarkt etwa sei ein Gewinn für Gäste und die Gastroszene. Für den Markt allerdings, den Neumann „unseren Dorfplatz“ nannte, würde er sich höhere Qualitätsstandards wünschen. „Wenn Veranstalter da irgendwelche Karawanen von außerhalb auffahren lassen, hilft uns das nicht weiter“, so Neumann.

Auch Mona Schierenbeck, Geschäftsführerin der Kamp-Promenade, wollte nicht in das allgemeine Klagen einstimmen, sondern hob die Stärken der Innenstadt hervor: eine agile Kaufmannschaft, spannende Sortimente, attraktive Veranstaltungen. Dass das Stadtmarketing helfe, vorübergehende Leerstände mit Pop up-Geschäften zu belegen, hält sie für ein sehr gelungenes Konzept.

Überhaupt, die Stadt kam in der Podiumsdiskussion ganz gut weg. Niemand widersprach, als Claas Beckord, Leiter der Abteilung für nachhaltige Stadtentwicklung, von einer zunehmenden Professionalisierung des Innenstadt-Managements sprach. „Wir sind besser geworden“, so Beckord. Sichtbar sei das in vielen kleinen Dingen wie der Lockerung der Vorschriften für die Außengastronomie. „Das positive Ergebnis sehen wir jeden Tag auf den Straßen.“

Am Ende stand die zentrale Frage im Raum: Was muss Osnabrück tun, damit die City im Wettbewerb mit anderen Städten und dem Onlinehandel attraktiv bleibt? Antwort: Die Aufenthaltsqualität verbessern, darin waren sich alle Podiumsgäste einig. Dazu brauche es mehr Aufenthaltsräume ohne Konsumzwang, Begrünung, Möblierung und kühle Zonen an heißen Sommertagen.

Bemerkenswert: Anders als bei der Podiumsrunde zwei Tage zuvor‚ zu der die SPD eingeladen hatte, spielten die Erreichbarkeit der City oder das Parkangebot bei der Grünen-Veranstaltung keine Rolle.

Ähnliche Artikel