Hamburg/Koblenz „Prinzip Hoffnung“: Wieso Ex-Heereschef Mais den Pistorius-Wehrdienst auseinandernimmt
„Prinzip Hoffnung“ und „Hütchenspiel“. Der ehemalige Heereschef Alfons Mais lässt kaum ein gutes Haar an der Personalpolitik der Bundeswehr. Und er ist sich sicher, dass die Armee weit mehr Soldaten braucht als die anvisierten 260.000.
Ein lautloser Abgang war es im Herbst 2025 nicht. Als der international hoch dekorierte Generalleutnant Alfons Mais seinen Posten als Heereschef der Bundeswehr räumen musste, unkten nicht wenige Beobachter, dass dessen öffentliche Meinungsstärke Verteidigungsminister Boris Pistorius zu unbequem geworden war. Mit seiner Zustandsbeschreibung der Bundeswehr nach dem russischen Überfall auf die Ukraine war Mais bundesweit bekannt geworden. Die Bundeswehr stehe „mehr oder weniger blank da“, sagte er damals.
Auch in den Jahren danach legte er mit militärischer Geradlinigkeit immer wieder den Finger in die Wunden politischer Kompromisse. Zunächst bei der Aufrüstung, dann bei der Ukraine-Hilfe und zuletzt auch bei dem freiwilligen Wehrdienst, eine der größten Reformen von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).
Doch nun, ein paar Monate nach seinem Ausscheiden, ist von der angenommenen Antipathie nichts zu spüren. Von den 14 Verteidigungsministern, die der Soldat Mais in 44 Jahren Bundeswehr erlebte, habe Pistorius einen Platz „weit vorne in einer kleinen Spitzengruppe“, so der General, der selbst für die rund 60.000 Soldaten im Heer zuständig war, am Rande unseres Interviews.
Doch während er bei der Bundeswehr strukturelle Verbesserungen und auch Fortschritte beim Waffenkauf sieht, ist er mit der Personalpolitik der Truppe weiter unzufrieden. Weder mit dem Ziel noch mit dem Weg dorthin. Warum, erklärt er im Interview.
Frage: Herr Mais, neben Waffen braucht die Bundeswehr vor allem mehr Personal. Sie selbst hatten sich mahnend an die Öffentlichkeit gewandt, als die Bundeswehr entschied, eine neue Brigade mit knapp 5000 Soldaten in Litauen zu stationieren …
Antwort: Militärpolitisch war das trotzdem die richtige Entscheidung, daran hatte ich nie Zweifel. Ich bin im Dezember 2023 nicht an die Öffentlichkeit gegangen. Ich habe damals gegenüber dem Ministerium deutlich gemacht, dass wir diese zusätzliche Brigade nicht einfach so ausschwitzen können. Dafür war und ist die Personal- beziehungsweise Materialsituation zu angespannt. Deswegen musste jedem klar sein, dass es die Litauen-Brigade nur geben kann, wenn gleichzeitig die daraus entstehenden Lücken im Inland durch personellen und materiellen Aufwuchs wieder geschlossen werden. So wurde es dann entschieden und wird es meines Wissens jetzt umgesetzt.
Frage: Mit der Aufgabe als Nato-Drehscheibe hat die Bundeswehr in Deutschland ebenfalls eine personalintensive Aufgabe. Kann die Bundeswehr das überhaupt?
Antwort: Die Frage, ob Deutschland das leisten kann, stellt sich nicht. Die Bundeswehr muss das leisten können und muss dazu entsprechend aufgestellt werden. Wir haben Zusagen gemacht und dafür müssen überall die richtigen Maßnahmen getroffen werden. Materiell und infrastrukturell gibt es nach meiner Beobachtung gute Pläne. Beim Personal dominiert eher das Prinzip Hoffnung!
Frage: Der neue Wehrdienst mit verpflichtender Musterung für alle 18-jährigen Männer reicht Ihnen also nicht.
Antwort: Das jetzige Wehrdienstmodell baut auf Freiwilligkeit und Attraktivität. Das sind keine harten Planungsgrundlagen und entspricht damit nicht dem gezeichneten Bedrohungsbild. Die Sicherheit Deutschlands darf nicht dem Zeitgeist unterworfen werden. Zweitens sind die politisch gesetzten sechs Monate Dienstzeit viel zu kurz, um einen substanziellen Personalaufwuchs in Richtung der Nato-Planungsziele zu hinterlegen. Hier muss wieder die Hoffnung helfen, dass sich aus den Sechs-Monats-Freiwilligen genügend Menschen finden, die den Sprung aus der Heimatschutzqualifikation in die Einsatzverbände für die Nato-Ostflanke machen und sich dazu länger verpflichten. Die politisch geplante Reduzierung der Wehrdienstzeit auf sechs Monate war 2010 der Punkt, an dem die Bundeswehr die Wehrpflicht als sinnlos eingestuft hat. Wieso die sechs Monate jetzt reichen sollen, weiß ich nicht.
Frage: Sie glauben also nicht, dass das Ziel von 260.000 Soldaten und 200.000 Reservisten mit dem freiwilligen Wehrdienst erreicht werden kann?
Antwort: Um ehrlich zu sein, nein, das glaube ich bei allem Optimismus nicht. Hinzu kommt, die Zahl 460.000 ist meines Erachtens eine virtuelle Zahl. Vielleicht war sie vor einem Jahr eine sehr, sehr grobe Erstabschätzung, die sich dann irgendwie im Kontext der Diskussion um den Wehrdienst verfestigt hat, ohne dass sich jemand traut, sie nach oben zu korrigieren. Niemand kann Ihnen erklären, woher diese Zahl kommt und wie sie aus den Nato-Planungszielen und dem Operationsplan Deutschland abgeleitet ist. Zumal das Ministerium ja bei der letzten Bundeswehrtagung im November 2025 die finale Auswertung der seit Oktober 2024 in Grundzügen bekannten Nato-Planungsziele erst für das Frühjahr 2026 angekündigt hat. Dann werden wir möglicherweise sehen, ob der Aufwuchs sich als „Hütchenspiel“ mit der Zahl 460.000 entwickelt oder in einen konkreten Meilensteinplan mündet.
Frage: Wie viele Soldaten bräuchte die Bundeswehr aus Ihrer Sicht?
Antwort: Das ist aus meiner Sicht gar nicht die Frage. Ganz grundsätzlich: Die Bundeswehr ist ja nicht dafür da, möglichst viel Geld auszugeben oder möglichst viele Menschen zu beschäftigen, auch wenn es manchmal so wirkt. Im Grundgesetz steht, dass der Bund Streitkräfte zur Verteidigung aufstellt. Dafür braucht es Ressourcen: Geld, Menschen, Material, Infrastruktur und so weiter. Verteidigungsfähigkeit entsteht aus diesen Komponenten aber erst, wenn sie zu militärischen Fähigkeiten zusammengeführt werden. Die Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland wird nicht daran zu messen sein, wie viel Geld sie kostet oder wie viele Menschen sie beschäftigt, sondern über wie viele einsatzfähige Bataillone, Geschwader, Flottillen und Schlüsselfähigkeiten sie verfügt. Die personellen Zielgrößen dazu leiten sich auf der Zeitachse aus den Nato-Planungszielen und dem Operationsplan Deutschland ab. Am Ende bleibt nur noch die Frage, welche Fähigkeiten mit aktivem Personal reaktionsfähig hinterlegt werden müssen und wo eine Mobilmachungsabhängigkeit mit Reservisten ausreicht.
Frage: Im von Ihnen erwähnten Grundgesetz sind Männer und Frauen gleich. Müssten der Wehrdienst und vor allem die verpflichtende Musterung nicht für Männer und Frauen gleichermaßen gelten?
Antwort: Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn alle jungen Leute irgendwie irgendeinen Dienst am Land leisten würden – Männer und Frauen. Ich bin Befürworter eines freiwilligen Pflichtjahres für Deutschland. Für alle: beim THW, der Feuerwehr, im Pflegeheim – es gibt überall Orte, wo junge Menschen sich engagieren können. Das darf nicht als Instrument gegen den Fachkräftemangel oder für die Verteidigungsfähigkeit verstanden werden. Dieses Jahr hätte einen Wert, einen gesellschaftlichen Nutzen, der deutlich darüber hinausgeht. Da kann ein gesellschaftliches Gemeinschaftsgefühl entstehen, das aus meiner Sicht ein Stück weit verloren gegangen ist.