Osnabrück Günstige Wohnung, dringend gesucht! Hunderte stehen für neue Wio-Wohnungen an
Bezahlbarer Wohnraum in Osnabrück ist knapp. Bei der offenen Besichtigung der kommunalen Wio im Kittelmann-Quartier des Landwehrviertels übersteigt die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches. Zu groß ist die Hoffnung auf ein neues Zuhause.
Wie oft ist die Rede von bezahlbarem Wohnraum, den Osnabrück so dringend braucht: Weniger als 700 geförderte Wohnungen kann die Hasestadt bieten für Tausende Geringverdiener, die Anspruch darauf hätten. Doch dieser Anspruch, in Papier gegossen mit einem Wohnberechtigungsschein 1 (WBS 1) bleibt für die Mehrheit Theorie.
Die kommunale Wohnungsgesellschaft Wio steht seit ihrer Gründung im Jahr 2020 für Hoffnung. Darauf, dass Osnabrück den sozial Schwächsten irgendwann wieder (mehr) Platz zum Leben bieten kann. Und mit dem Wohnberechtigungsschein 2 (WBS 2) für Mittelverdiener rückt bereits die nächste Interessengruppe nach, die es auf dem Wohnungsmarkt zunehmend schwer hat.
Vor wenigen Tagen war Baustellenbesichtigung der zwei entstehenden Wio-Neubauten im Landwehrviertel. Insgesamt 54 Mietwohnungen sollen in der Günther-Kittelmann-Straße im Sommer bezugsfertig sein: 28 für Gering-, 14 für Mittelverdiener. Zeit, nachzufragen, wie diejenigen, die so gerne dort einziehen würden, auf den Osnabrücker Wohnungsmarkt blicken.
„Das Interesse war unfassbar hoch“, sagt Ivonne Hobeling. Gerade hat sich die Wio-Mitarbeiterin einen Kaffee geholt. Endlich. Nach knapp vier Stunden ununterbrochenem Reden, Besichtigungen im Akkord mit um die 15 Menschen je Gruppe. Eigentlich war das offizielle Zeitfenster für die Tour durchs Kittelmann-Quartier vorbei. Doch dann kam ein Nachzügler.
Sie fasst sich ein Herz, stellt den Kaffee weg. Ein Herz hatten sie und das Wio-Team sich auch schon gefasst, als bereits um 11 Uhr die ersten vorm Absperrband standen, obwohl die Besichtigungen erst um 13 Uhr starten sollten.
Etwa 400 Menschen sollten es am Ende werden. Und nun der Nachzügler, Stev Korpai. „Oh, ich kann mir schon vorstellen, wo ich meine Möbel hinstelle“, sagt er, als er in dem 38-Quadratmeter-Appartement angekommen ist. Top isoliert, von draußen ist nichts zu hören. Vor dem bodentiefen Fenster, durch das viel Licht fällt, schaut er nach draußen. „Es wäre so toll, wenn es klappt.“
Mit dem neuen Zuhause für 6,10 Euro den Quadratmeter. Über 150 Bewerbungen habe er im vergangenen Jahr geschrieben. „Sobald die Leute hören, dass das Amt zahlt, ist es vorbei“, erzählt er. Von an die 500 Euro im Monat lebe er derzeit. Es ist nicht so, dass der etwas über 40-Jährige schon immer Sozialhilfe bezogen hätte. Bis 2022, sagt er, habe er im Lager gearbeitet, immer geschuftet. Doch 2022 sei er nach einer Corona-Impfung erkrankt, habe Gehen, Sprechen neu lernen müssen.
Ivonn Hobeling erklärt, dass er sich etwa in den kommenden drei Wochen auf das Appartement über die Wio-Homepage bewerben könne.
Aktuell lebe er seit 22 Jahren in der gleichen Mietwohnung. „Nach der Mieterhöhung letztes Jahr sagte das Amt, die Wohnung wäre zu teuer.“ Was das Schlimmste für ihn auf der Wohnungssuche sei? „Die Abwertung, die schrägen Blicke, das ist ganz schrecklich. Die meisten sehen mich, schwarz angezogen mit Piercings. Dabei habe ich mir nie im Leben was zu Schulden kommen lassen. Das bin halt ich!“
Ivonn Hobeling, zurück bei ihrem Kaffee, der mittlerweile kalt geworden ist, sagt: „Bei den Führungen erfährt man viel über individuelle Schicksale der Menschen, warum sie Probleme auf dem Wohnungsmarkt haben. Ja, das lässt einen emotional natürlich nicht kalt. Unsere Interessenliste umfasst über 1800 Menschen.“ Dennoch solle jeder, der sich bewerbe, die gleiche Chance haben. Deshalb werde die Liste nach einigen Monaten wieder auf null gesetzt. Bei besonders hoher Nachfrage auf eine Wohnung entscheide das Los, wer einzieht.
Etwas anders ist die Perspektive von Familie Wirt. Das Ehepaar, das nur noch ein paar Jahre bis zum Ruhestand hat, wie sie erzählen, sagt: „Leider ist die Wohnung für uns schlecht geschnitten, wie sollen unsere Enkel da übernachten?“ Angesehen haben sie sich die 2-Zimmer-Wohnung – 57,21 Quadratmeter – auf die sie mit ihrem Wohnberechtigungsschein 2 für mittlere Einkommen Anspruch hätten. „Das Bad ist riesig, wie auch die Abstellkammer, wo die Waschmaschine hinsoll. Hätte man das nicht kleiner machen können?“
Die beiden haben andere Voraussetzungen als Stev Korpai. Sie brauchen nicht zwingend eine neue Wohnung, würden aber gerne in der Nähe ihres Sohnes im Landwehrviertel sein, bei den Enkeln. „Meine Eltern haben aktuell vier Zimmer, klar wäre das eine Umstellung“, sagt der. Für die jetzigen 77 Quadratmeter, erzählen sie, würden sie mit Strom monatlich 1000 Euro ausgeben. Die Wio-Wohnung käme warm ohne Strom auf 601 Euro. „Aber doch nicht so klein“, sagt seine Mutter. Sie wollen sich nicht bewerben.
Anders Stev Korpai. Er würde ein neues Zuhause im Kittelmann-Quartier am liebsten direkt beziehen. Dass er sich sofort am Montag darauf bewerben wolle, verkündet er bei der Verabschiedung. „Das ist genau meine Kragenweite!“ Wie so viele hat er nach dem Tag der offenen Tür wieder Hoffnung geschöpft.
„Das Interesse heute war riesig. Leider können wir nicht alle versorgen“, sagt Ivonn Hobeling, „der Bedarf ist deutlich höher als das Angebot. Wir als Wio sind ein junges Unternehmen. Doch wir haben auch erst 2020 angefangen.“
Und seitdem – zusammen mit den aktuell im Bau befindlichen – über 250 Wohnungen für Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen geschaffen. Trotz Baukrise. 21 weitere werden von der Wio verwaltet. Auf 31 Sozialwohnungen und 18 WBS-2-Wohnungen kann man sich derzeit noch bewerben.