Osnabrück  „Akuter Personalmangel“: Osnabrücker Montessori-Schule ist am Limit – und die Eltern sind es auch

Sandra Dorn
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Von Sandra Dorn
| 26.02.2026 06:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bettina Korten-Kröger (links) und Brigitte Pelkmann sind im Schulelternrat der Osnabrücker Montessori-Schule und setzen sich für eine bessere Versorgung ihrer Kinder ein. Foto: Jörn Martens
Bettina Korten-Kröger (links) und Brigitte Pelkmann sind im Schulelternrat der Osnabrücker Montessori-Schule und setzen sich für eine bessere Versorgung ihrer Kinder ein. Foto: Jörn Martens
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Die Osnabrücker Montessori-Schule ist personell und räumlich am Limit. An der Förderschule kommt es zum Ausfall von Unterricht und Therapien für die Schüler, weil es an pädagogischen Fachkräften mangelt. Das wollen die Eltern nicht länger hinnehmen.

Wie überbrückt man die Schulferien, wenn man ein behindertes Kind hat, das rund um die Uhr betreut werden muss? Wie soll man dem Arbeitgeber erklären, dass heute wieder der Unterricht ausfällt, weil zu viele Fachkräfte wegen Überlastung krank sind? Wie soll das Kind auf das Erwachsenenleben vorbereitet werden, wenn Therapien und Förderung ständig ausfallen?

Solche Fragen sind Alltag für Mütter wie Bettina Korten-Kröger und Brigitte Pelkmann. Sie sind im Schulelternrat der Osnabrücker Montessori-Schule und machen auf ein Problem aufmerksam: An der Förderschule für geistige Entwicklung in der Ernst-Sievers-Straße herrsche nicht nur „massive Raumnot“, sondern auch „akuter Personalmangel“.

Es ist keine Kritik, die sich gegen die Schule selbst richtet, im Gegenteil. Schulleiter Benno Schomaker loben die Mütter in den höchsten Tönen für sein Engagement. Es sind strukturelle Defizite, auf die sie aufmerksam machen und die der Schulleiter bestätigt.

Rund 15 Stellen für pädagogische und therapeutische Fachkräfte würden fehlen, sagt Schomaker. Es liege nicht daran, dass er kein Personal finde, im Gegenteil, die Montessori-Schule bekomme „fast wöchentlich“ Initiativbewerbungen. Es liegt am Geld. Schomaker bekommt vom Land keine weiteren Personalstellen genehmigt. Deshalb haben die Eltern jetzt Landes- und Kommunalpolitiker der Grünen an die Schule eingeladen, die in Niedersachsen die Kultusministerin stellen. Termine mit anderen Parteien sollen folgen.

Auf knapp 300 Schüler kommen rund 180 Mitarbeiter. Kinder mit einer großen Bandbreite an Beeinträchtigungen lernen dort, die meisten ab Klasse eins bis zur Schulentlassung. Die Behinderungen reichen von Gehörlosigkeit bis Autismus, zählt Schomaker auf, mit und ohne körperliche Handicaps. Manche Schüler müssen gewickelt werden, andere haben Weglauf-Tendenzen.

„Die einen lesen Bücher, und die anderen nehmen die Außenwelt nur auf einer ganz basalen Ebene wahr“, schildert der Schulleiter. Die Lehrkräfte müssen auf jedes Kind in der Klasse also individuell eingehen. Das klappt nur im Team, wie der Schulleiter betont.

Wir besuchen eine zweite Klasse. Sie besteht aus sechs Kindern, eines fehlt heute. Ihre Lehrerin erarbeitet mit ihnen die Laute „Ma“ wie Malen, „Me“ wie Meerschweinchen und „Mu“ wie Murmel. Mit im Raum sind außerdem ein Pädagoge und eine Schulbegleiterin, die sich ausschließlich um ein autistisches Mädchen kümmert.

Vor anderthalb Jahren habe dieses Mädchen nicht mal zehn Minuten in der Klasse bleiben können, erläutert Benno Schomaker später. Jetzt formt es den Buchstaben „U“ konzentriert mit Knete nach. Ein riesiger Erfolg. Die restlichen Kinder hängen an den Lippen ihrer Lehrerin und füllen später ihre Arbeitsblätter aus. Die Lehrerin und der Pädagoge unterstützen dabei je zwei Kinder, greifen ein, als ein autistischer Junge unruhig wird. So sollte es sein, macht Schomaker klar.

Und so ist es eben nicht immer. Fällt der Pädagoge aus, bricht das ganze Konstrukt zusammen. Die Schule greift dann als Erstes auf die Therapeuten zurück, um die Lehrkräfte nicht mit der ganzen Klasse alleinlassen zu müssen – und dann kommen wiederum die Therapien zu kurz.

Logopädie, Ergotherapie, Physio: All das findet in der Schule statt, denn wenn die Kinder gegen 16 Uhr nach Hause kommen, seien sie nach dem langen Schultag einfach platt, sagt Brigitte Pelkmann.

Ab Klasse fünf wird es noch schwieriger. Da sind die Klassen bis zu acht Kinder groß, und die Jahrgänge müssen sich die pädagogischen Fachkräfte teilen, erklärt Schomaker. Ohne ausreichend Personal können keine Trainings stattfinden, bei denen die Kinder lernen, selbstständig mit dem Bus zu fahren. Ein Beispiel von vielen, die die Mütter und der Schulleiter aufzählen.

Bei den Lehrerstunden liege die Unterrichtsversorgung zwar bei 94 Prozent, dies aber nur dank Vertretungskräften, die oft noch im Studium und dann in der Klasse überfordert seien. 13 seien es aktuell.

Schomaker macht ihnen keinen Vorwurf, sie seien oft sehr engagiert, betont er. Doch sie blieben ein halbes Jahr, arbeiteten sich ein und dann seien schon wieder weg. All das führe zu einer starken Überlastung des restlichen, erfahrenen Personals. Bei den Stamm-Lehrkräften liege die Unterrichtsversorgung nur bei 82 Prozent, bei den pädagogischen Fachkräften seien es 70 Prozent.

Erschwerend hinzu kommt, dass etliche Klassen an andere Standorte ausgelagert wurden, weil die Montessori-Schule aus allen Nähten platzt. Als Schomaker 2017 die Schulleitung übernahm, gab es dort 238 Schüler. Heute sind es 294. Und es werden immer mehr.

Die Lehrkräfte pendeln zwischen dem Hauptsitz an der Ernst-Sievers-Straße, wo sie auch den Gemeindesaal von St. Elisabeth mitnutzen, an die Möser-Realschule, die Altstädter Grundschule und sogar in ein Wohnhaus in der Barlage. Rund 100 Kinder sind so ausgelagert.

Die Stadt plant derzeit für die Montessori- und die Anne-Frank-Schule den Bau eines Förderschulcampus am Friedensweg in Schinkel-Ost.

Doch bis der fertig ist, werden die Kinder von Bettina Korten-Kröger und Brigitte Pelkmann die Schule schon lange hinter sich haben. „Inklusion scheitert nicht am Engagement der Mitarbeitenden“, betonen die Mütter. „Sie scheitert an fehlenden Ressourcen.“

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