Kultur Zukunft von Tuttle: Krisensitzung zur Berlinale einberufen

Julia Kilian und Lisa Forster, dpa
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Von Julia Kilian und Lisa Forster, dpa
| 25.02.2026 13:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Leitet die Berlinale zum zweiten Mal: Tricia Tuttle. (Archivbild) Foto: Soeren Stache
Leitet die Berlinale zum zweiten Mal: Tricia Tuttle. (Archivbild) Foto: Soeren Stache
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Nach Debatten um den Nahostkonflikt bei der Berlinale beruft Kulturstaatsminister Wolfram Weimer eine außerordentliche Sitzung ein. Dort wird auch über die Zukunft von Chefin Tricia Tuttle gesprochen.

Bleibt Tricia Tuttle Chefin der Berlinale? Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat eine außerordentliche Sitzung zur Ausrichtung der Filmfestspiele einberufen. Sie soll am Donnerstagvormittag stattfinden, wie sein Sprecher bestätigte. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung berichtet. Hintergrund sind Auseinandersetzungen zum Nahostkonflikt während des Festivals. Es soll laut Kreisen auch über die Zukunft von Tuttle gesprochen werden.

„Es soll eine Aussprache zur Ausrichtung der Berlinale geben. Zu weiteren Spekulationen äußern wir uns nicht“, teilte ein Sprecher von Weimer mit. Auf Initiative des Kulturstaatsministers treffen sich die Führungsgremien der für die Berlinale zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB). Weimer ist Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Die „Bild“-Zeitung berichtete, Tuttle solle abgelöst werden. Weimer und Tuttle seien sich demnach einig, dass es mit Tuttle an der Spitze des renommierten Filmfestivals nicht weitergehen könne. Aus Kreisen hieß es, Tuttle habe selbst ihre Zukunft bei der Berlinale in Frage gestellt. Die Berlinale selbst äußerte sich zum Bericht der „Bild“-Zeitung nicht weiter, sondern teilte mit, die Festspiele seien über die Sitzung informiert worden.

Regisseur kritisierte deutsche Haltung zum Gaza-Krieg

Hintergrund sind laut „Bild“-Zeitung propalästinensische Auftritte während des Festivals. Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib hatte für „Chronicles From the Siege“ einen Preis für das beste Spielfilmdebüt gewonnen und verband seine Dankesrede mit scharfer Kritik an der Haltung der Bundesregierung im Gaza-Krieg. Die „Bild“ veröffentlichte auch ein Foto, das Tuttle während der Berlinale mit Alkhatib zeigt. Mitglieder des Filmteams halten darauf die palästinensische Flagge hoch.

Der deutschen Regierung warf Alkhatib bei der Preisverleihung vor, sie sei faktisch Partner „des Völkermords im Gazastreifen“. Bundesumweltminister Carsten Schneider verließ daraufhin den Saal. Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen Völkermord zu begehen – das ist auch die Position der deutschen Regierung – und spricht von Selbstverteidigung nach dem Terrorangriff islamistischer Extremisten auf den jüdischen Staat am 7. Oktober 2023.

Das Team von „Chronicles from the Siege“. (Archivbild) Foto: Christoph Soeder
Das Team von „Chronicles from the Siege“. (Archivbild) Foto: Christoph Soeder

Debatte um den Nahostkonflikt

Die Berlinale zählt zu den großen Filmfestivals. In diesem Jahr hatte es während der Filmfestspiele mehrfach Debatten gegeben, inwiefern sich das Festival und Filmschaffende zum Nahostkonflikt positionieren müssen.

So hatten rund 80 Filmschaffende - darunter Tilda Swinton und Javier Bardem - kritisiert, die Berlinale positioniere sich nicht ausreichend im Gaza-Krieg. Sie warfen dem Festival in einem offenen Brief vor, propalästinensische Stimmen zu zensieren. Die Berlinale wies den Zensurvorwurf zurück. Weimer stellte sich damals hinter Tuttle und den diesjährigen Jurypräsidenten Wim Wenders.

Nach der Preisverleihung am Samstagabend ließ Weimer mitteilen, die „Pali-Aktivistenszene hat auf der Berlinale mit Israel-Hass, Aggressivität und Bekenntnisnötigungen ihre hässliche Fratze gezeigt“. Es seien Juryarbeiten und Preisverleihungen für politische Destruktion missbraucht worden.

Zu den Vorwürfen Alkhatibs sagte Weimer, diese „Falschbehauptungen sind bösartig und vergiften die politische Debatte“. Tuttle und Wenders hätten diese Festivalausgabe „unter besonderen weltpolitischen Herausforderungen feinfühlig, grundliberal und künstlerisch anspruchsvoll gestaltet“.

Abschlussgala sorgte schon 2024 für Kontroverse

Die US-Amerikanerin Tuttle übernahm die Berlinale im April 2024, sie hatte vorher das Filmfestival in London geleitet. In Berlin folgte sie auf das Führungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, das sich die Aufgaben geteilt hatte. Tuttle leitete die Berlinale damit zum zweiten Mal.

Der Nahostkonflikt hatte die Berlinale auch in den vergangenen Jahren beschäftigt. So war das Festival zum Beispiel nach der Abschlussgala im Februar 2024 dafür kritisiert worden, dass einzelne Preisträger das Vorgehen Israels im Gazastreifen massiv kritisiert hatten, ohne den Terrorangriff der islamistischen Hamas vom Oktober 2023 zu erwähnen. Es folgte eine Debatte bis hin zu Vorwürfen von Antisemitismus.

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