London  Andrew und Mandelson: Warum der Epstein-Skandal britische Eliten so unter Druck setzt

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 25.02.2026 13:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Neben Ex-Prinz Andrew scheinen einige britische Amtsträger Verbindungen zu Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gehabt zu haben – die britische Justiz geht dem nach. Foto: Toby Melville
Neben Ex-Prinz Andrew scheinen einige britische Amtsträger Verbindungen zu Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gehabt zu haben – die britische Justiz geht dem nach. Foto: Toby Melville
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Nach Andrew gerät nun auch der britische Ex-Botschafter Peter Mandelson ins Visier der Ermittler. Die Affäre bringt auch Premier Keir Starmer in Bedrängnis. Doch warum geraten Machtträger im Vereinigten Königreich schneller ins Wanken als anderswo?

Erst Andrew, nun der frühere US-Botschafter Großbritanniens Peter Mandelson. Am Montagabend wurde der 72-Jährige im Londoner Stadtteil Camden von der Polizei vier Tage nach der Festnahme von Andrew abgeführt. Anders als der Ex-Prinz zeigte er sich dabei sichtbar in der Öffentlichkeit, als er aus seinem Haus geführt wurde.

Möglicherweise auch, um jene Bilder zu vermeiden, die nach der Entlassung Andrews um die Welt gingen: zurückgelehnt auf dem Rücksitz eines Wagens, im kalten Blitzlicht. Damit steht in Großbritannien nicht nur ein „Senior Royal“, sondern auch ein früherer Spitzenminister im Fokus polizeilicher Ermittlungen durch den Epstein-Skandal.

Es ist ein bemerkenswerter Absturz. Noch vor einem Jahr hatte Peter Mandelson eines der prominentesten Ämter inne, die der britische Staat zu vergeben hat: Botschafter Seiner Majestät in den Vereinigten Staaten. Starmer hatte ihn nach Washington entsandt, weil er als politisches Schwergewicht als geeigneter Ansprechpartner für US-Präsident Donald Trump galt.

Am Montagabend verbrachte der Ex-Diplomat, der bereits im vergangenen September abgesetzt wurde, nun jedoch mehrere Stunden auf einer Polizeiwache. Festgenommen wurde er wegen des Verdachts auf Missbrauch eines öffentlichen Amtes. Auslöser der Ermittlungen waren Dokumente aus den Epstein-Akten, die nahelegen, er habe während seiner Zeit als Wirtschaftsminister von 2008 bis 2010 unter Gordon Brown markt­sensible Informationen an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergegeben.

Kritisch wäre dies insbesondere deshalb, weil Epstein im Finanzsektor tätig war und von vertraulichen wirtschaftspolitischen Informationen potenziell hätte profitieren können. Für Keir Starmer ist die Affäre politisch explosiv. Schon die Ernennung Mandelsons zum Botschafter im Februar 2025 war parteiintern höchst umstritten. Kritiker warnten vor seinen Altlasten.

Als Ende Januar Mandelsons frühere Kontakte zu Epstein durch die Veröffentlichung von Dokumenten durch den US-Kongress erneut Schlagzeilen machten, geriet Starmer massiv in die Kritik.

Die Angriffe gegen den Labour-Chef kamen nicht nur von der Opposition, sondern auch aus den eigenen Reihen. Seine politische Urteilskraft stand infrage, wieder einmal. In Westminster entstand der Eindruck, die Affäre um Mandelson könne den britischen Premier mit in den politischen Abgrund reißen. Er entging nur knapp einem Putsch. Seither hängt seine Regierung am seidenen Faden.

Die Vorgänge der vergangenen Wochen werfen jedoch auch eine grundsätzliche Frage auf: Warum geraten im Vereinigten Königreich selbst mächtige Akteure – vom Senior-Royal über einen US-Botschafter bis zum Regierungschef – so schnell und so massiv unter Druck? Der britische Autor und Historiker Jonathan Dimbleby hat im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Andrew betont, Polizei und Justiz gingen nicht „mit Samthandschuhen“ vor.

Gerade dieser Umstand, so Dimbleby, zeige die Robustheit britischer Institutionen. Niemand stehe formell über dem Gesetz. Im Kontrast dazu erschienen Verfahren in den USA stärker durch parteipolitische Loyalitäten blockiert. Doch warum ist das so?

Eine mögliche Erklärung liefert der britische Historiker Peter Hennessy mit seiner sogenannten „Good-Chap“-Theorie – wörtlich dem Prinzip des „feinen Kerls“. Gemeint ist die unausgesprochene Erwartung, dass Minister und hohe Beamte sich an ungeschriebene Regeln halten, Maß und Grenzen ihrer Macht kennen. Wer gegen diese impliziten Normen verstößt, verliert auf der Insel rasch an Rückhalt. In Großbritannien kann schwindende Fraktionsloyalität für einen Premier außerdem schnell zur Machtfrage werden. Schon wenige Dutzend Abweichler können reichen, um eine Führungskrise auszulösen.

Überdies verfügt das britische System über ausgeprägte Mechanismen parlamentarischer Kontrolle. Die Denkfabrik „Institute for Government“ hebt dabei besonders die Rolle von parlamentarischen Fachausschüssen, sogenannten „Select Committees“, hervor. Diese parteiübergreifend besetzten Gremien können Zeugen vorladen, Akten anfordern und Minister befragen. Ihre Anhörungen finden häufig unter großer medialer Aufmerksamkeit statt und erhöhen den politischen Druck erheblich.

Hinzu kommt eine außergewöhnlich schlagkräftige Medienlandschaft auf der Insel. Nic Newman, Journalist und Digital-Experte, beschreibt Großbritannien als Land mit einer „besonders wettbewerbsintensiven“ Presse. Rund ein Dutzend landesweiter Tageszeitungen – mehr als in Frankreich und Deutschland – konkurrieren um Enthüllungen und Schlagzeilen. Seit Wochen dominieren Andrew und Mandelson die Titelseiten. Die Aufmerksamkeit bleibt damit konstant hoch und Skandale lassen sich kaum aussitzen.

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