Osnabrück Innenstadt-Krisensitzung bei der SPD: Was der Handel braucht und warum das Emsland so wichtig ist
Die Osnabrücker Innenstadt wurde als Wahlkampfthema entdeckt - und schlägt voll ein. Bei einer Podiumsdiskussion der SPD mit wichtigen Vertretern von Handel und Marketing wurden Fragen gestellt, die wehtun. Und gemeinsam nach Antworten gesucht. Für wen soll die Osnabrücker Innenstadt da sein?
Die Kommunalwahl im September naht und in Osnabrück wird eifriger diskutiert, als das im politischen Normalbetrieb der Fall ist. Auf einer öffentlichen Fraktionssitzung der SPD-Ratsfraktion kamen wichtige Köpfe aus Handel, Politik und Marketing auf dem Podium zusammen, teilten offen ihre Sicht auf die Innenstadt – und überlegten gemeinsam, was man ändern könnte. Zu Themen wie Verkehr, Sauberkeit und Kundenfrequenz lauschten etwa 40 Zuhörer in den voll besetzten Stuhlreihen im Seedhouse (mitten in der Innenstadt an der Katharinenkirche).
Mit den größten Applaus des Abends gab es am Ende der über zweistündigen Debatte, als Seedhouse-Geschäftsführer Florian Stöhr, bepackt mit Blumen als Dank für die Gastfreundschaft, spontan sagte: „Wir sind vor einem halben Jahr in die Innenstadt gezogen – und finden es wunderbar!“ Darauf wollten sich alle einigen: Osnabrück ist eine attraktive, lebenswerte Stadt. Doch in ihr schlummert Verbesserungspotenzial.
Verbesserungspotenzial, das man am besten gemeinsam heben möchte – dies betonte SPD-Fraktionschefin Susanne Hambürger dos Reis, die die Debatte eröffnete und moderierte.
Auf dem Podium: Tobias Schonebeck, Schäffer-Geschäftsführer und Präsident des Dienstleistungs- und Handelsverbands Osnabrück-Emsland, Marco Graf, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, Alexander Illenseer, Geschäftsführer der städtischen Tochtergesellschaft Marketing Osnabrück GmbH. Und SPD-Oberbürgermeisterkandidat Robert Alferink, der einerseits seine Ideen teilte, andererseits Einblick in Entscheidungen des Stadtrats gab. Die auch, typisch Osnabrück, häufig gemeinsam getroffen werden. So ist der Rat stolz auf den unter allen Parteien geschlossenen „Neumarktfrieden“, der besagt, dass der Neumarkt autofrei werden soll.
Hambürger dos Reis setzte die Themen: die Sorge um zunehmende Leerstände innerhalb des Rings (68 an der Zahl), damit eine Verödung der Innenstadt, was dem Handel schade, aber auch den Bürgern. Für die Innenstadt mehr sei, als Verkaufsfläche, auch Begegnungsraum, kulturelles Zentrum, Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Es brauche aktives Leerstandsmanagement, es brauche Antworten darauf.
Für Alexander Illenseer war die Antwort darauf klar: „Kernelement sind Events“, nicht nur große, auch kleine, von Abendmarkt bis hin zu kleinen Initiativen von Bürgern. Zwischennutzung von Leerständen habe die Marketing Osnabrück jetzt in Angriff genommen und die Stadt seit einiger Zeit mit Blumen verschönert, was sehr gut ankäme. Er merkte an, dass zum Beispiel auf der Großen Straße nur ein Prozent Leerstand herrsche. „Ich plädiere für einen Nutzungs-Mix mit Erlebnisfaktor.“
Tobias Schonebeck zitierte die Ergebnisse der Zentrenstudie: 60 Prozent der Menschen gingen wegen Gastronomie oder Handel ins Zentrum. Als Basis für die Innenstadt sehe er Sauberkeit, Sicherheit, Ordnung an. Und: „Den richtigen Mix, den auch diese 60 Prozent gut finden.“ Also ein Mix an Geschäften, nämlich große Publikumsmagneten, große Marken, ausgerichtet an den Interessen vor allem junger Menschen. Genauso wie kleinere, überraschendere Geschäfte. Und Events. „Die Zeiten, dass der Handel nur warten muss und bedarfsdeckend eingekauft wird, sind vorbei“, sagte er. Man müsse nun schauen, dass man die Weichen richtig stelle, etwa ein neues Möblierungskonzept für die Innenstadt. „Aber irgendjemand muss das auch bezahlen.“
Es reiche außerdem nicht, die Menschen in die Stadt zu bekommen. Die Frequenz sei nämlich relativ stabil. Sie müssten auch einkaufen. Und da sei man bei ganz praktischen Fragen, wie: „Wenn jemand auf den Abendmarkt will, hat er keine Lust, die Tüten dort mithinzuschleppen.“ Schließfächer könnten Abhilfe schaffen.
Marco Graf: „Wir müssen den klassischen Emsländer wieder gewinnen, ich habe das Gefühl, wir haben in den letzten Jahren die Bindung verloren.“
„Es ist Zeit, die Innenstadt mal wieder aufzuhübschen“, sagte Robert Alferink. Da gäbe es Gutes, aber nicht alles werde gut. Etwa der Ledenhof, der „leider schon viele Flicken hat“. Diese Fehler müsse man bereit sein, zuzugeben. Dass der Neumarkt dringend angegangen werden müsse, da waren sich alle einig. Zum Thema Leerstände: Warum nicht als Stadt auch mal strategisch ein Objekt kaufen, anstatt zu hoffen, dass ein Investor, der mit Osnabrück nichts zu tun habe, aktiv werde? Er selbst wolle, wenn er Oberbürgermeister werde, auch aktiv mit Vermietern leerstehender Ladenlokale ins Gespräch gehen. „Teilweise sind die Preise da überhöht.“
Und dann ging er auf Grafs Punkt ein: „Die Erreichbarkeit unserer Innenstadt muss gut sein, für alle Verkehrsteilnehmer, auch für die Menschen aus dem Umland.“ Sein Appell: „Die Verkehre müssen besser getrennt werden.“ Das war ein Thema, das bei den anderen drei Männern auf dem Podium einen Nerv traf. Marco Graf sagte: „Ich glaube nicht, dass es eine kluge Entscheidung war, es den Leuten zu erschweren, nach Osnabrück hineinzufahren.“ Und etwa die Iburger Straße zugunsten von Bus und Rad verengen zu wollen.
Über teure Bustickets und Parkgebühren klagten mehrere Bürger aus dem Publikum. Einer sagte: „Ich wohne in der Heinrich-Böll-Straße, wenn ich in die Innenstadt will, zahle ich sechs Euro für den Bus, hin und zurück. Nehme ich meine Familie mit, könnte ich für den Preis bequem über einen Tag im Parkhaus stehen.“ Ulrich Kohlbrecher ergänzte: „6,50 Euro habe ich kürzlich gezahlt, weil ich zwei Stunden im Jäger war, das ist zu teuer.“
Katja Calic vom Handels- und Dienstleistungsverband brachte die Perspektive der Handelsmitarbeiter ein: „Viele pendeln, für sie ist es wirklich wichtig, dass sie die Innenstadt gut erreichen. Dass sie Parkplätze finden, pünktlich zur Arbeit kommen können.“
„In anderen Städten stellen öffentliche Behörden ihre Parkflächen am Wochenende kostenfrei zur Verfügung. Warum nicht Osnabrück?“, brachte Schonebeck eine Lösung ins Spiel.
Eine für alle zugängliche Stadt, für alle Verkehre, dass das funktioniere, habe Osnbarück bereits bewiesen, so Alexander Illenseer. „Beim Tag der Niedersachsen. Der Bus war kostenlos und wurde super genutzt, tausende fuhren mit dem Auto nach Osnabrück. Das Verkehrschaos, vor dem ich offen gesagt ein bisschen Sorge hatte, blieb aus. Es funktionierte, weil alle es wollten.“
Einen spannenden Gedanken brachte am Ende Marco Graf, als ein Bürger aus dem Publikum sich über die Lautstärke in der Innenstadt beschwerte: „Das ist die Osnabrücker Perspektive. Aber der Osnabrücker Stadtrat sollte auch für die da sein, die ihn nicht gewählt haben. Nämlich das Umland! Mein Apell an den Stadtrat: denkt das bitte mit. Das Umland erziehen zu wollen, bringt nichts. Die fahren dann eben einfach woanders hin.“