Osnabrück Heizen mit Eis? Wie 700 Kubikmeter gefrorenes Wasser das Haus am Schölerberg warmhalten
Umgerechnet 4700 Badewannen voll gefrorenem Wasser lagern unter dem neuen Awo-Haus am Schölerberg. Der Eisspeicher heizt und kühlt das Wohnheim für 99 Menschen – ganz ohne Öl und Gas. So funktioniert die Technik.
Kein Öl. Kein Gas. Stattdessen: Eis. Das neue Awo-Haus am Schölerberg, ein Wohnkomplex für bis zu 99 Menschen mit psychischen Erkrankungen, setzt bei der Heizung auf eine ungewöhnliche Technologie.
Im Boden des Grundstücks an der Iburger Straße in Osnabrück schlummert ein gigantischer Eisspeicher. Der sorgt künftig dafür, dass es die Bewohner es im Winter mollig warm haben – und im Sommer angenehm kühl. Ab Juni 2026 geht die Anlage in Betrieb.
Wer das Luftbild von der Baustelle betrachtet, sieht ein fast dreieckig geformtes Hauptgebäude – und direkt daneben, außerhalb der Gebäudeflächen, liegt er: der Eisspeicher. Unsichtbar, weil komplett im Erdreich versenkt, aber gewaltig in seinen Ausmaßen.
Der Behälter ist 15 Meter breit und 4 Meter tief. Er besteht aus Beton und wird einmalig mit Trinkwasser befüllt – insgesamt 706 Kubikmeter, also rund 706.000 Liter. Zum Vergleich: Eine handelsübliche Badewanne fasst rund 150 Liter. Es bräuchte also knapp 4700 davon, um den Eisspeicher zu füllen.
„In seinem Innern liegen 13 Kilometer Rohre, die dem Wasser Wärme entziehen“, erklärt Marc Geschonke, Sprecher des Awo Bezirksverbands Weser-Ems. Durch die Leitungen fließt eine Sole-Flüssigkeit – das Herzstück der Energiegewinnung.
Klingt widersprüchlich, ist aber Physik: Wenn Wasser gefriert, gibt es Energie ab – und genau die lässt sich nutzen.
Im Winter kühlt die Sole-Flüssigkeit in den Rohren das Wasser im Behälter immer weiter ab, bis es gefriert. Beim Gefrieren wird Wärme freigesetzt, die eine angeschlossene Wärmepumpe abgreift und ins Gebäude leitet.
Mit einer Leistung von 250 Kilowatt versorgt der Eisspeicher alle Flächen im Haupthaus sowie das benachbarte Kompetenzzentrum über Fußbodenheizung: insgesamt 6600 Quadratmeter.
Im Sommer dreht sich das Prinzip um: Das System kühlt die Räume und gibt dabei Wärme an den Eisspeicher zurück. Das Eis taut auf – und der Speicher ist für die nächste Heizperiode bereit. Unterstützt wird diese sogenannte Regeneration durch Luftkollektoren, die zusätzliche Wärme aus der Umgebungsluft direkt zurück in den Eisspeicher schieben.
Auf den Dächern beider Gebäude sind Photovoltaik-Anlagen installiert: Das Wohngebäude erzeugt 118 Kilowatt-Peak, das Kompetenzzentrum weitere 50 Kilowatt-Peak Solarstrom. Hinzu kommen Solar-Absorber – flache Kollektoren, die bei Bedarf zusätzliche Wärme aus der Luft ins System einspeisen und direkt in den Eisspeicher leiten. Ihre Leistung beträgt 50 Kilowatt.
Das Warmwasser hingegen wird über elektrische Durchlauferhitzer erzeugt – ein bewusster Verzicht auf eine zentrale Lösung, um den Energieverbrauch weiter zu optimieren.
Eine Heizung ohne Öl und Gas hat ihren Preis. Die Investitionskosten für den Eisspeicher und das zugehörige System belaufen sich laut Geschonke auf mehr als 500.000 Euro. Bis die Anlage sich finanziell bezahlt gemacht hat, werde es rund 20 Jahre dauern.
Insgesamt steckt die Awo Weser-Ems rund 18 Millionen Euro in das neue Haus am Schölerberg. Die zugehörigen Gebäude erfüllen nahezu Passivhausstandard (KfW 40 NH) – sie verbrauchen also ohnehin schon sehr wenig Energie.
Für die künftigen Bewohner – Menschen mit länger andauernden psychischen Erkrankungen wie Psychosen, Depressionen oder schweren Angststörungen – bedeutet der Neubau laut Awo ein „enormes Upgrade“ gegenüber dem Vorgängerbau und der Übergangslösung. Jedes Einzelappartement verfügt über einen eigenen Balkon. Im zweiten Gebäude, dem Kompetenzzentrum, sollen Angebote den Alltag strukturieren und das selbstständige Leben fördern.
Die Einrichtung ist keine psychiatrische Klinik: Die Bewohner leben dort freiwillig und erhalten Unterstützung nach eigener Wahl. Zurzeit ist die Einrichtung in einer ehemaligen Klinik am Kasinopark in Georgsmarienhütte untergebracht. Der Umzug zurück nach Osnabrück soll im Juni stattfinden.