Interview mit Paul Ronzheimer „Das ist Terror gegen den Alltag“
Der Kriegsreporter schildert, wie Angriffe auf Strom und Wärme die Großstädte zermürben sollen. Warum er kaum an Verhandlungen glaubt – und welche Flugabwehr für die Ukraine jetzt entscheidend ist.
Berlin - Vier Jahre nach der Invasion beschreibt der Reporter im Gespräch mit den ON eine Strategie, die den Alltag brechen soll. Warum er kaum an Friedensgespräche glaubt – und welche Waffen über Schutz oder weitere Nächte im Kalten entscheiden.
Herr Ronzheimer, es ist der 24. Februar – vier Jahre seit der russischen Vollinvasion. Wie ist die Lage jetzt?
Paul Ronzheimer: Momentan sieht es nicht gut aus. Das muss man ganz klar so sagen. Russland hat es geschafft, die zivile Infrastruktur brutal zu bombardieren. Die Folge ist: Viele Menschen frieren, und es ist ganz, ganz schwierig, dort zu überleben.
Sie waren zuletzt im Januar in der Ukraine. Was hat Sie am meisten erschüttert?
Wie systematisch Russland vorgeht. Diese Angriffe treffen nicht „nur“ militärische Ziele, sondern zielen darauf, das Leben in den großen Städten kaputtzumachen – Strom, Wärme, Versorgung. Das ist Terror gegen den Alltag.
Sie sagen: Russland habe etwas erreicht, was es schon am Anfang wollte. Was meinen Sie damit?
Wenn ich mit meinen Quellen spreche, dann ist es so, dass man sagen muss: Sie haben Kiew dorthin gebracht, wo Kiew aus russischer Perspektive eigentlich zu Beginn des Krieges sein sollte. Damals hatten sie gehofft, die Hauptstadt so unter Druck zu setzen – jetzt passiert das über Bombardierung und Zerstörung von Infrastruktur.
Wie sehen diese Angriffe konkret aus – was ist das Muster?
Das Muster ist: brutal, wiederkehrend, auf Zermürbung ausgelegt. Es geht nicht nur um einzelne Schläge, sondern um das Gefühl: Es kann jederzeit wieder dunkel werden, jederzeit wieder kalt, jederzeit wieder gefährlich. Und genau das wirkt auf die Menschen.
Wie steht es um die Zivilbevölkerung – nach vier Jahren Krieg?
Es ist Erschöpfung, aber auch eine harte Form von Normalität. Viele funktionieren irgendwie weiter. Aber wenn Heizung und Strom nicht zuverlässig sind, wenn Menschen in Kälte sitzen, wenn Schutzräume wieder Alltag werden – dann ist das keine „Normalität“, sondern ein Überlebensmodus.
Reporter und TV-Journalist
Der Journalist Paul Ronzheimer macht nicht nur als Kriegsreporter von sich Reden, sondern führt mit seinem Podcast „Ronzheimer.“ oft die Bestsellerlisten an. Der gebürtige Ihlower machte sein Abitur am Auricher Gymnasium Ulricianum, absolvierte ein Volontariat bei der „Emder Zeitung“, ging 2008 an die Axel-Springer-Akademie und wurde 2019 stellvertretender Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Dort machte sich der 40-Jährige vor allem als Reporter aus Kriegsgebieten wie der Ukraine, Gaza oder Syrien einen Namen. 2022 wurde er als „Journalist des Jahres“ in Deutschland ausgezeichnet. Im Mai 2023 wurde der Ostfriese zudem „markenübergreifendes journalistisches Gesicht“ des Axel-Springer-Verlags. Im November 2025 wurde er für seinen Podcast mit dem Fernseh- und Medienpreis „Bambi“ ausgezeichnet. Mit fünf neuen Folgen seiner Reihe „Ronzheimer – Wie geht’s, Deutschland?“ startet er am 24. Februar um 20.15 Uhr auf SAT.1.
Wird das in Deutschland aus Ihrer Sicht unterschätzt?
Ich glaube, viele verstehen die Dimension erst, wenn man es selbst erlebt: Was es bedeutet, wenn eine Großstadt wie Kiew in einen Zustand gedrückt wird, den Russland am Anfang erzwingen wollte. Und wenn die Infrastruktur immer wieder getroffen wird, ist es eben nicht nur „ein Angriff“, sondern eine Strategie.
Gibt es Hoffnung auf Verhandlungen – auf Frieden?
Ich sehe wenig Hoffnung. Präsident Selenskyj spricht heute selbst zum ersten Mal relativ klar davon und sagt: Putin ist kaum zu etwas bereit, es gibt keine Schritte in diese Richtung. Ich sehe momentan keine Perspektive bei diesen Friedensverhandlungen.
Was wäre dann kurzfristig entscheidend – militärisch und politisch?
Die große Frage wird sein: Wie schafft die Ukraine es, die Front zu stabilisieren – aber nicht nur die Front, sondern eben auch die großen Städte. Denn wenn du die Städte nicht schützen kannst, bricht dir die Widerstandskraft im Inneren weg.
Was fehlt der Ukraine dafür am dringendsten?
Flugabwehr-Raketen. Vor allem Patriot-Abwehrraketen. Das ist momentan das größte Problem für die Ukraine. Ohne genügend Abwehr kann Russland diese Strategie gegen Infrastruktur weiter durchziehen.
Sie haben früh im Krieg aus Kiew berichtet und später auch aus Butscha – über russische Kriegsverbrechen. Was macht das mit Ihnen, wenn Sie heute auf diese vier Jahre schauen?
Man sieht, wie konsequent Russland auch gegen Zivilisten vorgeht – nicht nur mit Gewalt an der Front, sondern mit Zerstörung, die das ganze Leben angreift. Und man merkt: Dieser Krieg ist nicht „weg“. Er verändert nur seine Form – und bleibt für die Menschen jeden Tag real.
Wenn Sie einen Satz an die Menschen hier in Ostfriesland richten – auch mit Blick auf Ihre Wurzeln in Ihlow-Westerende: Was wäre das?
Dass das, was in der Ukraine passiert, nicht abstrakt ist. Es geht um Menschen, die frieren, die um ihr Leben kämpfen und die gerade vor allem eines brauchen: Schutz.