AfD-Jugend  Wie radikal ist die „Generation Deutschland“ in Niedersachsen?

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 23.02.2026 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Der Vorstand des neuen Landesverbandes der AfD-Jugend „Generation Deutschland“. DPA-Foto: Lars Penning
Der Vorstand des neuen Landesverbandes der AfD-Jugend „Generation Deutschland“. DPA-Foto: Lars Penning
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Offiziell gibt sich die „Generation Deutschland“ gerne gemäßigt. Zur Gründung in Niedersachsen war bei den meisten Anzug angesagt. Eine Abgrenzung zur extremen Rechten gelingt aber nicht.

Brettorf/Niedersachsen - Seriöse Anzüge und schicke Kleider prägten das Auftreten der AfD-Jugend am Wochenende in der Gemeinde Dötlingen im Landkreis Oldenburg. Sie geben sich bürgerlich, zurückhaltend. Das ist Taktik, denn sowohl der neue Vorstand der „Generation Deutschland Niedersachsen“ als auch Teile der Gäste zeigen, wie radikal der neue Jugendverband ist.

Zwischen 100 und 150 Teilnehmer kamen zur Gründung der „Generation Deutschland Niedersachsen“ nach Brettorf. Darunter waren Kreisverbandsvorstände, AfD-Politiker aus Bund und Land sowie Mitglieder der „Generation Deutschland“ (GD) aus anderen Bundesländern.

Verfassungsschutz hat neue AfD-Jugend im Blick

Der Verfassungsschutz Niedersachsen sagte vor der offiziellen Gründung, dass die „Generation Deutschland“ im Land die rechtsextremistische Linie der „Jungen Alternative“ fortsetzen wird.

Zudem gilt der niedersächsische AfD-Landesverband seit vergangener Woche im verfassungsschutzrechtlichen Sinne als „gesichert rechtsextremistisch“. Unter anderem Stephan Bothe, der stellvertretende Landesvorsitzende der AfD, hatte beiden Darstellungen widersprochen. Es gebe keine personellen Überschneidungen zur „JA“. Ein paar Tage später, am vergangenen Samstag, saß Bothe dann zusammen mit dem neuen Vorstand der „Generation Deutschland Niedersachsen“ auf der Bühne. Ebenfalls auf der Bühne: mindestens ein ehemaliges Mitglied der „JA“.

Der Vorsitzende: Micha Fehre

Der 29-jährige Micha Fehre soll laut „Mindener Tageblatt“ bis zur Selbstauflösung Teil der „Jungen Alternative“ gewesen sein. Die Vorgänger-Organisation der „Generation Deutschland“ wurde in Niedersachsen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Andere Experten bezweifeln Fehres „JA“-Mitgliedschaft. Demnach war Fehre nur Mitglied der „Jungen AfD Niedersachsen“, einer AfD-Jugend, die nach der Auflösung der „JA“ entstanden ist.* Auch wird Fehre, der aktuell für die AfD im Bundestag sitzt, eine Nähe zum offiziell aufgelösten „Flügel“ rund um Björn Höcke nachgesagt. Fotos zeigen ihn mit Adrian Maxhuni bei der Wahlkampfunterstützung des rechtsextremen Höcke.

Adrian Maxhuni, stellvertretender Vorsitzender der "Generation Deutschland" im Bund (links), und Micha Fehre. Foto: Claus Hock
Adrian Maxhuni, stellvertretender Vorsitzender der "Generation Deutschland" im Bund (links), und Micha Fehre. Foto: Claus Hock

Fehre sucht die internationale Vernetzung. Im Dezember 2025 reiste er mit einer Reisegruppe der AfD in die USA. Dort nahm die Gruppe an einer Gala des „Young Republicans Club“ teil. „Die Trump-Jugend verbündete sich mit der rechtsextremen deutschen Partei um die schwarz-rote Bundesregierung massiv zu diskreditieren. So hieß es auf der Veranstaltung in New York, in Deutschland herrsche ein ‚neuer Totalitarismus‘ und keine Meinungsfreiheit“, so „Endstation Rechts“.

Fehre gehört in der aktuellen Auseinandersetzung innerhalb der AfD Niedersachsen zum „Lager“ des Landesvorsitzenden Ansgar Schledde. Fehre war an einer Veranstaltung beteiligt, bei der eine Auseinandersetzung mit Main Müller eskalierte. Müller gehört, neben Anja Arndt, zu einer Gruppe innerhalb der AfD Niedersachsen, die massive Vorwürfe gegen den Landesvorstand erhebt.

Der Stellvertreter: Patrick Schwarzer

Der zum Kreisverband Oldenburg-Land gehörende Patrick Schwarzer, 33 Jahre alt, ist durch „Der rechte Schuh“ bekannt. Das ist eine Internetseite, auf der man Turnschuhe im AfD-Design bestellen kann. Auf der Gründungsveranstaltung trugen mehrere Teilnehmer diese Schuhe. Schwarzer, der als „Jungunternehmer“ sein Geld verdient, redet online gerne über „Massenmigration“ und weitere typische AfD-Themen. Schwarzer ist stellvertretender Schatzmeister im Kreisverband des AfD-Landtagsabgeordneten Harm Rykena.

Die Finanzbeauftragte: Reinhild Goes

Die 26-jährige Reinhild Goes ist Industrie- und Europakauffrau aus dem Kreisverband Göttingen. Neben dem Beisitzer Adrian Maxhuni ist Goes eine der Direktverbindungen der GD Niedersachsen in den Bundesverband. Dort ist sie stellvertretende Finanzbeauftragte. Im Kreisverband Göttingen ist Goes stellvertretende Vorsitzende und Jugendbeauftragte.

Schriftführer: Sarsen Schmidt

Der Gifhorner ist laut „Endstation Rechts“ Anwärter bei der pflichtschlagenden und rechtsoffenen Braunschweiger „Burschenschaft Thuringia“. Mehr ist über ihn nicht bekannt.

Beisitzer: Otto Cornelius

Der 26-jährige Otto Cornelius ist Sprecher des Kreisverbands Ammerland. Er gehört laut „Endstation Rechts“ zu den „heikleren“ Besetzungen im Vorstand. So soll Cornelius im Dezember 2025 die Alleinschuld der Deutschen am Ersten und Zweiten Weltkrieg abgestritten haben. Dies geschah in einem Gespräch mit dem Verschwörungsideologen Bodo Schiffmann. Als Buch zum Thema empfahl Cornelius demnach ein Werk, das Frankreich und Großbritannien als „die eigentlich Schuldigen“ am Zweiten Weltkrieg darstellt.

Beisitzer: Felix Wolf

Der radikalen Fraktion zuzuordnen ist Felix Wolf. Aus dem AfD-Kreisverband Oldenburg kommend, ist der Bodybuilder und Fitnesscoach vor allem im Internet aktiv. Ihm wird der rechtsextreme Hetz-Account „Wolf des Nordens“ zugerechnet. Dort macht er auch Werbung für Artikel aus dem Umfeld der „Identitären Bewegung“. Auf „Wolf des Nordens“ möchte Wolf auch linke Journalisten abschieben und lässt antisemitische Einstellungen durchblicken. Für ihn geht eine „ethnische Volkszugehörigkeit“ über den Pass.

Beisitzer: Adrian Maxhuni

Micha Fehre hat es geschafft, sich in seinem Vorstand mit Adrian Maxhuni den direkten Draht zum Bundesvorstand zu sichern. Der 29-jäghrige Maxhuni gehört zum AfD-Kreisverband „Osnabrück Land“ und war früher Vorsitzender der „Jungen Alternative“ in Niedersachsen. Seit der Gründung im November 2025 ist Maxhuni einer der Stellvertreter des rechtsextremen GD-Bundesvorsitzenden Jean-Pascal Hohm. Er ist eines der prägnantesten Beispiele dafür, dass die „Junge Alternative“ in der „Generation Deutschland“ weiterlebt – personell und auch ideell.

Beisitzer: Justin Vogel

Der Kreisvorsitzende der AfD Göttingen, Justin Vogel, scheute in der Vergangenheit nicht den Umgang mit der extremen Rechten. Laut „Endstation Rechts“ beteiligte sich Vogel an der rechtsextremen „Reformation 2.0“-Demonstration 2023 in Magdeburg.

Rechtsextremistische Unterstützung durch Anwesenheit

Eine der anwesenden Lukreta-Aktivistinnen: die AfDlerin Marie-Thérèse Kaiser. Foto: Claus Hock
Eine der anwesenden Lukreta-Aktivistinnen: die AfDlerin Marie-Thérèse Kaiser. Foto: Claus Hock
Auffällig war bei der Gründungsveranstaltung zudem, wer alles zu Gast war – und wer sich außerhalb des Vorstandes für die GD Niedersachsen engagieren will. Mittendrin: Die laut verschiedenen Recherchen als rechtsextrem geltende Marie-Thérèse Kaiser. Kaiser gehört zur rechtsextremen „Fraueninitiative“ „Lukreta“, die zwischen AfD, Identitärer Bewegung und dem rechten Vorfeld angesiedelt werden kann. Kaiser wurde bereits wegen Volksverhetzung verurteilt und gehört der AfD im Kreis Rotenburg (Wümme) an. Für diesen Kreisverband sitzt sie auch im Kreistag. Außerdem ist Kaiser Mitarbeiterin von AfD-Bundeschefin Alice Weidel.

Kaiser war unterdessen nicht die einzige „Lukreta“-Vertreterin in der Sitzung: Auch Julia Gehrckens, die als Beisitzerin im Bundesvorstand der „Generation Deutschland“ sitzt, war unter den Gästen. Auch Maja und Letizia L. gehören zu „Lukreta“ und besuchten die Gründungsveranstaltung. Da beide ansonsten keine öffentlichen Ämter bekleiden, verzichten wir auf den Nachnamen.

Wie steht die GD Niedersachsen zur IB und zu „Lukreta“?

Die Verbindungen zwischen „Lukreta“, der auch Aktivistinnen der „Identitären Bewegung“ (IB) angehören, und der AfD sowie der „Generation Deutschland“ sind offensichtlich. Aber wie geht der Vorstand der GD Niedersachsen damit um? Im Fall der IB ist das einfach: Micha Fehre verwies am Wochenende auf Nachfrage auf die Unvereinbarkeitsliste. Demnach werde es keine Zusammenarbeit mit der IB geben.

Fehre sagte aber auf die Frage nach rechtsextremen oder rechtsradikalen Gruppen wie „Lukreta“ auch: „Wo es Synergien gibt, da gibt es Synergien.“ Der Fokus liege aber auf der eigenen politischen Arbeit. Eine aktive Zusammenarbeit mit „Lukreta“ finde nicht statt.

Jean-Pascal Hohm, Bundesvorsitzender der "Generation Deutschland", wird vom Verfassungsschutz Brandenburg als rechtsextrem eingestuft. Foto: Claus Hock
Jean-Pascal Hohm, Bundesvorsitzender der "Generation Deutschland", wird vom Verfassungsschutz Brandenburg als rechtsextrem eingestuft. Foto: Claus Hock

Wirklich nicht? Schließlich sitzt eine „Lukreta“-Aktivistin im Bundesvorstand. Adrian Maxhuni dazu auf Nachfrage: „Lukreta selbst als Organisation ist kein Bestandteil im eigentlichen Sinne“ des Bundesvorstands. Dieser bestehe aus Mitgliedern der GD beziehungsweise AfD. Vor dem Hintergrund, dass es wegen der Wahl von Julia Gehrckens Ärger aus den eigenen Reihen gegeben haben soll, bekommt auch der letzte Satz von Maxhuni einen besonderen Nachhall: „Die übrigen Mitglieder des GD-Bundesvorstands arbeiten gut zusammen.“

Ganz anders dürfte das der ebenfalls anwesende Jean-Pascal Hohm, Vorsitzender der GD auf Bundesebene, sehen. Hohm wird vom Verfassungsschutz Brandenburg als rechtsextrem eingestuft. Hohm ist Abgeordneter im Landtag Brandenburg und pflegt Kontakte zur IB. Für ihn persönlich, so sagte er T-Online gegenüber, sei eine Mitgliedschaft in der IB auch kein Grund, nicht Mitglied der „Generation Deutschland“ zu sein.

„Lukreta“ und Delegierte passt für GD Niedersachsen zusammen

Zurück zu „Lukreta“: So wirklich scheint ein Engagement in der Frauengruppe, die eine Rückkehr zu alten Geschlechterrollen propagiert, regelmäßig gegen Menschen mit Migrationshintergrund hetzt, von „Antifa-Terror“ und „Multikulti-Vergewaltigungsterror“ spricht, dann aber auch nicht zu schaden. Marie-Thérèse Kaiser wurde als Delegierte der GD Niedersachsen für Bundeskongresse gewählt.

Der Einfluss von Alice Weidel und der Bundesspitze auf die GD Niedersachsen ist somit zumindest indirekt über Kaiser gegeben. Aktuell muss sich Weidel erneut besonders stark mit dem immer wieder durch Streitereien auffallenden Landesverband Niedersachsen beschäftigen. Ausgehend unter anderem von Anja Arndt, AfD-Politikerin aus Nortmoor, sorgen gerade Vorwürfe der Vetternwirtschaft und Korruption innerhalb der AfD Niedersachsen für bundesweites Aufsehen. An diesem Montag, 23. Februar 2026, hat der Bundesvorstand deswegen Anja Arndt und den niedersächsischen AfD-Chef Ansgar Schledde nach Berlin zitiert.

*Die Einschätzungen zu Fehres „JA“-Mitgliedschaft gehen auseinander. Zunächst hatten wir berichtet, dass Fehre „JA“-Mitglied war. Die Differenzierung haben wir im Nachgang ergänzt.

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