Hamburg/Koblenz  Ex-Heereschef im Interview: Was für die Bundeswehr-Zeitenwende noch fehlt

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 23.02.2026 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bis zum Herbst 2025 war Alfons Mais Inspekteur des Heeres bei der Bundeswehr und scheut auch laute Kritik nicht. Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Bis zum Herbst 2025 war Alfons Mais Inspekteur des Heeres bei der Bundeswehr und scheut auch laute Kritik nicht. Foto: dpa/Sebastian Gollnow
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Krieg in Europa und die Bundeswehr „blank“. Die öffentliche Mahnung des Generals Alfons Mais war gewissermaßen der Start von Zeitenwende und Aufrüstung. Im Interview erklärt der hochrangige Militär, woran es der Bundeswehr noch immer mangelt – und warum Europa Atommacht werden muss.

Mehr als 40 Jahre war der Generalleutnant Alfons Mais bei der Bundeswehr, zuletzt als Inspekteur des Heeres, eine der mächtigsten Positionen in der Bundeswehr überhaupt. Mais war es auch, der nach Ausbruch des Ukraine-Krieges die Öffentlichkeit aufrüttelte, wie es um die Bundeswehr wirklich steht. Es folgten die Zeitenwende-Rede, Sondervermögen, milliardenschwere Aufrüstung. Im Herbst 2025 wurde der heute 63-Jährige in den Ruhestand versetzt. Im exklusiven Interview blickt Alfons Mais auf vier Jahre Zeitenwende, die aktuelle Bestell-Illusion bei schweren Waffen und fordert eine Atommacht Europa.

Frage: Herr Mais, vor vier Jahren gab es von Ihnen einen viel beachteten Warnruf: Die Bundeswehr stehe „mehr oder weniger blank da“, sagten Sie. Und jetzt, vier Jahre später: mehr oder weniger?

Antwort: Ich habe die Verantwortung vor fast sechs Monaten abgegeben und mein Lagebild ist nicht mehr das aktuellste. Aber ich würde mittlerweile nicht mehr „blank“ sagen. Wir dürfen die Bewertung nicht immer auf materielle Aspekte verkürzen. Es ist seitdem viel passiert und geleistet worden. Strukturen wurden angepasst, die Ausbildung verändert, Prozesse beschleunigt und nicht zu vergessen, die Finanzierung der Streitkräfte gesichert. Wir sind heute auf jeden Fall verteidigungsbereiter und kriegstüchtiger als 2022, aber wir sind auch noch nicht am Ziel.

Frage: Besteht Ihre Zuversicht auch mit Blick auf die großen Waffensysteme?

Antwort: Wir sind da nach 2022 durch tiefe Täler gegangen. Wir haben Waffen an die Ukraine abgegeben, aber es sind noch nicht alle ersetzt. Und die Folgen dieser Abgaben sind teilweise größer, als man denkt, insbesondere wenn man die Folgeversorgung dieser Waffensysteme mit Sonderwerkzeugen und Ersatzteilen mit hinzunimmt. Das hat zum Beispiel bei der Panzerhaubitze 2000 tiefe Lücken in die Einsatzbereitschaft gerissen, die nun langsam wieder geschlossen werden.

Frage: Wo ist die Bundeswehr denn materiell weiter als 2022?

Antwort: Beim Thema der persönlichen Ausrüstung in jedem Fall. Aber zum Beispiel auch bei logistischem Transportraum oder der Munitionsbevorratung. Da hat die Bundeswehr einen riesigen Sprung gemacht und über Rahmenverträge wirklich viel geschafft.

Antwort: Doch es klemmt bei den großen Themen: Digitalisierung, Flug- und Drohnenabwehr, weitreichendes Feuer. Das Material ist bestellt und aufgesetzt, aber noch nicht da. Aus Sicht der Truppenführer, die ja auch kurzfristige Lageverschlechterungen mitdenken, ist eine Bestellung zwar prima, sie hilft am kurzen Ende aber nur sehr bedingt. Die Lücken sind deshalb in manchen Bereichen noch sehr groß. Es geht jetzt aber in die richtige Richtung. Nur schaffen wir die nötige Ausrüstung der Truppe auch bis 2029? Das ist ja die Zielmarke. Da müssen wir schneller werden, wenn wir es erreichen wollen.

Frage: Kann es sich die Bundeswehr dann überhaupt noch erlauben, Waffen an die Ukraine zu liefern?

Antwort: Jede Abgabe reißt eine Lücke. Solange diese Lücken aber sofort adressiert werden und sofort nachbestellt wird, ist das vertretbar. Die Ukraine hat zu Recht absolute Priorität. Aber ich glaube nicht, dass noch viele große Waffen geliefert werden müssen; die ukrainische Rüstungsindustrie ist weiter als vor vier Jahren und auch europäische Rüstungsfirmen haben sich dort angesiedelt. Und der Krieg dort benötigt andere Waffen. Vor allem Drohnen, Drohnenabwehrsysteme und Munition für weitreichende Waffen. Insbesondere die Drohnen- und Flugabwehr sind überall eine Mangelressource. Da kommen viele europäische Streitkräfte aus einer tiefen Senke, denn bei den Schwerpunkteinsätzen der jüngeren Vergangenheit in Afghanistan oder Mali wurde diese Fähigkeit nicht gebraucht. Die Taliban hatten eben keine Luftwaffe oder Kampfdrohnen.

Frage: Das erste Sondervermögen ist längst verplant und dennoch ist der Bedarf der Bundeswehr längst nicht gedeckt. War das Sondervermögen nur ein sehr teures Pflaster?

Antwort: Das Sondervermögen war eine Anschubfinanzierung, die es gebraucht hat. Aber wir sind ja nicht die Bundeswehr von 2022, die Ambitionen heute sind viel größer. Womöglich hätten die 100 Milliarden knapp gereicht, um den Rückstand aufzuholen, aber es sind längst neue Aufgaben dazugekommen. Deswegen ist es so wichtig, dass das Parlament den Finanzbedarf der Bundeswehr durch eine Bereichsausnahme vom regulären Haushalt teilweise entkoppelt hat. Ich denke, wir alle in Europa nehmen es jetzt doch sehr ernst, von zwei Seiten unter Druck zu kommen.

Antwort: Auf der einen Seite wächst die Bedrohung aus Russland und dies wird auch nach einer möglichen Zwischenlösung für den Ukraine-Konflikt so bleiben. Zum anderen erleben wir, dass die USA ihre Rolle in der Nato anpassen und mehr Verantwortung an uns übertragen wollen. Das hat sich seit der Präsidentschaft von Obama angebahnt und bricht nun mit der zweiten Trump-Präsidentschaft umso wuchtiger über uns herein. Ich bin sicher, die Botschaft ist jetzt wirklich angekommen.

Frage: Können sich Europa und Deutschland überhaupt aus der US-Abhängigkeit lösen?

Antwort: Das muss man differenziert betrachten: Konventionell hat Europa quantitativ genug Fähigkeiten, Soldaten und Kapazitäten, um sich sogar kurzfristig von den USA zu lösen. Das ist eigentlich mehr ein Organisationsproblem, diese fragmentierten Fähigkeiten zusammenzuführen.

Antwort: Das Problem liegt woanders: Von der raumgestützten Aufklärung über strategische Mobilität bis hin zur nuklearen Abschreckung – also der ganze strategische Überbau lässt sich nicht sofort lösen. Die Europäer können das kompensieren, aber es wird eine ganze Zeit dauern.

Frage: Braucht Europa dafür auch Atomwaffen?

Antwort: Der Nato-Generalsekretär hat es ja ganz richtig gesagt, als er meinte, die Europäer werden noch über Jahre von den USA abhängig sein. Mit Blick auf Nuklearwaffen bin ich ganz bei ihm. Eine rein konventionelle Abschreckung wird gegen das größte Atomwaffenarsenal der Welt nicht genügen. Den eskalationsfähigen nuklearen Schutzschirm der USA können auch die wenigen rein strategischen Atomwaffen in Frankreich und England nicht kompensieren.

Frage: Also braucht es eine deutsche Atombombe?

Antwort: Europa muss eine Atommacht werden, wenn man sich nicht auf ewig bei den Amerikanern rückversichern will. Natürlich muss Deutschland bei dieser Frage eine Führungsrolle im europäischen Kontext übernehmen. Es wird meiner Ansicht nach keine EU-Atomwaffen geben, es gibt formal ja auch keine Nato-Atomwaffen, sondern nur solche, die von Nationalstaaten dem Bündnis planerisch zur Verfügung gestellt werden.

Frage: Sie gelten international als gut vernetzt: Wie wird die Bundeswehr im Ausland gesehen?

Antwort: Seit der berühmten Zeitenwende-Rede des damaligen Bundeskanzlers bekommt die Bundeswehr im Ausland große Zustimmung für die umfangreiche finanzielle Ausstattung und die großen Verpflichtungen, die sie für das Bündnis auf sich nimmt. Die aktuellen Anstrengungen werden von meinen Kontakten und Gesprächspartnern im Ausland unverändert positiv bewertet. Jetzt gilt es, dieses positive Bild mit Fakten zu unterfüttern.

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