Berlin Vintage-Geheimtipps von Bibiana Beglau: Wir gehen mit der Schauspielerin Shoppen
Der rote Berlinale-Teppich ist ein Catwalk für Stars aus aller Welt. Bibiana Beglau, Filmstar und Burgschauspielerin, trägt auch hier Second Hand. Einen ganzen Tag lang hat sie uns durch die besten Vintage-Läden geführt.
Bibiana Beglau kommt im Pelz. Im aufgestellten Kragen setzt ein Halstuch Farbakzente, zwischen Ärmelaufschlag und Lederhandschuh blitzt die grau-schwarze Strickjacke hervor. Dazu trägt die Schauspielerin eine Armeehose und auffällige Schuhe: Die Schaumgummi-Sneaker sehen futuristisch aus und sind so groß wie bei anderen Schuhen der Karton.
Auf Beglaus Garderobe kommt’s heute an. Wir treffen uns, um die Frage zu klären: Kann man auf dem roten Teppich Second-Hand-Mode präsentieren? Bibiana Beglau – Burgschauspielerin, Grimme-Preisträgerin und Inhaberin eines Berlinale-Bären – macht es. Auch jetzt hat alles Geschichte, was sie am Leib trägt. Die weiße Bluse, an der es nur hier und da noch blau schimmert, hat sie selbst gebatikt – mit Chlorreiniger aus dem Bad. Ihre Hose hat eine Performance auf der Berliner Museumsinsel hinter sich. Bei den Wiener Festwochen war sie auch zu sehen, in einer Inszenierung von Milo Rau.
Und der Pelz? Beglau weiß selbst nicht, von welchem Tier er stammt. „Den habe ich auf der Straße gefunden.“ Er war ihr in der Grabbelkiste vor einem Kinder-Second-Hand-Laden aufgefallen. Weil er für Kinder ungeeignet ist, durfte sie ihn mitnehmen. Sie vermutet, dass er mal braun war und schwarz eingefärbt wurde. „Ich liebe Pelz, aber ich würde nie einen neuen kaufen“, sagt sie. In ihrem Kleiderschrank hängt noch ein weiterer – „ein ganz toller und sehr feiner“, sagt sie und datiert ihn auf die vorletzte Jahrhundertwende. „Ich will nicht lügen, aber 800 bis 1000 Euro an Reparaturkosten stecken da schon drin.“
Dass wir eine Tour durch Berlins bessere Second-Hand-Läden vorhaben, ist aus einem Spaß entstanden. Einer Mitteilung von Beglaus Presseagent war ein Porträtfoto angefügt. Wenn man etwas Nettes sagen kann, soll man es tun. Also habe ich mit einem Kompliment für den roten Pullover geantwortet, den Beglau auf dem Bild anhatte. So einen hätte ich auch gern. Aus dem Gag wurde ein Gespräch, und irgendwann zitierte der Presseagent seine Klientin mit den magischen Worten: „Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als Daniel Benedict einen Pullover zu kaufen.“
Und nun sitzen wir in einem Eckcafé am Prenzlauer Berg, plaudern beim Tee über Mode und bummeln dann zur Tram in Richtung Mitte. Einen Pelzmantel finden wir nicht auf der Straße. Kurz vor Beglaus erstem Lieblingsladen stolpern wir nur über eine Lauchstange. Irgendwem muss sie aus dem Korb gefallen sein. „Statt Blumen“, sagt die Schauspielerin und schnappt sich den Porree.
Unsere erste Station heißt Garments Vintage. Wie sich herausstellt, verkauft das Geschäft ausschließlich Damenbekleidung und keinen einzigen Herrenpulli. Ein Missstand, den Beglau nicht einmal wahrnimmt. Aus dem Nichts zaubert sie einen türkisfarbenen Angorapullover von der Stange. Vorne glitzern Pailletten um eine verspielte Schleife, hinten hält ein Knöpfchen den Ausschnitt zusammen. Der Pullover ist flauschig, feminin und – für mich gedacht. Als ich aus der Umkleidekabine komme, guckt Beglau skeptisch: „Es war ein Irrtum“, sagt sie. Glück gehabt.
Wer mit Bibiana Beglau einkauft, begreift schnell: Hier shoppt keine Schauspielerin, die einfach nur Mode liebt. Die 54-Jährige ist eine Doppelbegabung. Mit Kleidern spielt sie wie mit ihren Rollen. Alles ist voller Möglichkeiten, alles ist voller Bedeutung. Ein gelber Kiltrock wird darauf geprüft, wie viel Saum man noch auslassen kann. Eine rote Hose mit einem ganz ähnlichen Schottenmuster erinnert sie an die englische Designerin Vivienne Westwood. Ist das endlich die Punkhose, die Beglau einmal in ihrem Leben noch besitzen will?
Zu ihren widerständigen Rollen würde es passen – von der Terroristin aus Schlöndorffs „Die Stille nach dem Schuss“, mit der sie zum Star wurde, bis hin zum Tartuffe, den sie – buchstäblich als Hosenrolle – gerade am Burgtheater spielt. Am Ende nimmt sie trotzdem den Rock und dazu eine zarte, großgliedrige Strass-Blüte. Eigentlich wird die als Brosche getragen. Die Schauspielerin hält sie trotzdem testhalber ans Ohr. Frau Beglau, wie soll eine Brosche da denn halten? „Toupetkleber“, antwortet sie. So etwas hat man offenbar auch dann im Haus, wenn man so kraftstrotzende Locken besitzt wie Bibiana Beglau und alles Mögliche fixieren muss, nur kein Toupet.
Ein paar Worte wechseln wir noch mit einer Theaterkollegin, die zufällig auch hier shoppt und Beglaus Rat erfragt. Die Vintage-Läden des Viertels sind ein Hotspot der Szene. Beglau erzählt, dass sie an der Stange immer wieder Kleidung entdeckt, die sie eben noch auf dem roten Teppich gesehen hat. Eine ihrer eigenen Blusen gehörte früher der Schauspielerin Sophie Rois.
Auch Beglau behält Kleidung nicht für immer. „Ich schätze den leeren Kleiderschrank mehr als den vollen“, sagt sie. „Um ehrlich zu sein, habe ich gar nicht so viel. Aber wenn ich ein Talent habe, dann das der Kombination.“ Später wollen wir deshalb noch in ein Geschäft, in das Beglaus abgelegte Kleider in Kommission genommen hat. Heute wird abgerechnet. Zuerst lassen wir uns für meine Herrenmode aber noch die Pineapple Factory Gallery empfehlen.
Die „Galerie“ im Namen kommt nicht von ungefähr. Hier wird sehr wenig Luxusmode in einem sehr hohen Raum wie Kunst präsentiert. Beglau legt unseren nun etwas profan wirkenden Lauch von der Straße – sie hat ihn immer noch dabei – auf den Tresen und entdeckt einen umwerfend schönen Pullover für mich. Die Wolle ist in hauchzarte Ornamente gestrickt und erinnert an Spitzenklöppelei. Nicht ohne Angst ziehe ich das fragile Gewebe über. Sitzt wie angegossen. Wie schön wäre es, wenn das der Pullover wäre, mit dem ich nach Hause gehe. Er stammt von Dior.
Beglaus Begeisterung steckt an. In ihrem Blick entdeckt man auch an sich selbst ganz neue Seiten. Auch gebraucht kostet der Pullover allerdings immer noch 600 Euro. In einem klaren Moment hänge ich ihn zurück und hoffe auf das nächste Geschäft, für das wir zum Prenzlauer Berg zurückfahren. Und hier regiert der reine Spaß.
Gute vier Stunden sind wir jetzt unterwegs. Beim Tee hatte Beglau den theoretischen Überbau für die Tour geliefert, einen virtuosen Vortrag über Herrschaftsmode improvisiert und Namen der wichtigsten Designerinnen und Textilprofessorinnen weitergereicht. Im ersten Laden hatten wir uns kennengelernt, im zweiten dann einmal ganz groß gedacht. Im dritten und letzten Geschäft sind wir auf Betriebstemperatur. Das Dear an der Stargarder Straße wird zum Spielplatz, auf dem alles möglich ist.
In die einzige Garderobe des Ladens tragen wir wechselweise die fantastischsten Klamotten. Beglau rettet mich vor der Verkäuferin, die mir einen unfassbar günstigen Zweiteiler von Jil Sander empfiehlt. Er sitzt so knapp, dass das Sakko am Rücken Falten wirft. „Der Anzug bricht“, befindet Beglau. Ein weißes Hemd derselben Designerin erlaubt sie dann, wenn auch nur ausnahmsweise. Es hat Abnäher, und damit, erklärt sie, sieht man ganz schnell aus wie Jogi Löw am Spielfeldrand. Für Beglau der modische Tod.
Eine Bomberjacke aus plusterigem Kuscheltierfell probieren wir beide an. In den schwarzen Hosenanzug aus Leder wagt sich nur sie. Eine Schaufensterpuppe lässt sie komplett entkleiden – weil ich einen Helmut-Lang-Pullover anziehen soll, der leider nicht passt. Stattdessen finde ich einen sehr engen mit Streifen. Beglau selbst kauft ein schmal geschnittenes Leopardenkleid.
Die Kollegin aus der Redaktion, der ich was im Leo-Print mitbringen soll, bekommt stattdessen einen Blouson. Beglau nimmt ihn für ein schnelles Foto zur Hand. Kleider in Szene setzen und mit den Kleidern sich selbst: Das kann sie. Schon im beim Gespräch im Café unterstreicht sie ihre Worte mit großen, lustigen Gesten. Auch beim Einkaufen denkt sie die Kamera immer mit. Bibiana Beglau kennt ihr Licht, soll der Regisseur Volker Schlöndorff gesagt haben.
Unser Einkaufsbummel endet nach guten sechs Stunden beim Asiaten um die Ecke. Mit den Rabatten, die Beglau beim Shopping rausgehandelt hat, finanzieren wir einen Mango-Drink. Ich habe den gestreiften Pulli gekauft. Wirklich abgeschlossen ist unser Auftrag aber erst, wenn die Einkäufe es aufs gesellschaftliche Parkett schaffen. Beim Münchner Filmball wenige Tage danach ist an Beglau noch nichts vom Second-Hand-Tag zu erkennen. Kurz danach liest sie dann in der Neuen Synagoge.
An ihrer Knopfleiste funkelt die goldene Blüte aus Strass.