Osnabrück Gelebte Gebärdensprache: Warum und wie Osnabrück beim Thema Teilhabe den Ton angibt
Von der Maiwoche bis zur Museumsführung: In Osnabrück wird die Teilhabe gehörloser Menschen gefördert. Ein Blick auf gelungene Beispiele in der Stadt und die Frage, wo es noch Luft nach oben gibt.
Wie redet man eigentlich miteinander, wenn die gemeinsame Sprache fehlt? Diese Frage stellt sich auch zwischen Menschen, die hören, und Menschen, die nicht hören. Die Angst davor, etwas falsch zu formulieren oder zu verstehen, baut Barrieren auf, bevor überhaupt etwas gesagt wird – von beiden Seiten. Missverständnisse wiegen schwerer – erst recht, wenn ein Austausch nur via Dolmetscher erfolgen kann.
Sprachlosigkeit ist keine Alternative. Allein die Verwendung der Begriffe ist ein Thema für sich: Früher hieß es taubstumm, dann gehörlos. Kathrin Ender spricht im Gespräch mit der Redaktion davon, „dass sie zur kulturellen Gruppe Taub mit großem T gehört.“ Sie ist Beauftragte für Gebärdensprache und Gehörlosenkultur bei der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO).
Über wie viele Menschen sprechen wir eigentlich? Wie groß ist die Minderheit? Statistisch gesehen ist die Rechnung einfach: Legt man die Quote des Deutschen-Gehörlosen-Bundes (DGB) von 0,1 Prozent zugrunde, leben in der Stadt Osnabrück – mit dem Begriff von Ender gesprochen – rund 170 taube Menschen, im Landkreis sind es etwa 355.
Osnabrück hat sich mittlerweile zu einem überregionalen Knotenpunkt in der Gehörlosenkultur entwickelt. Das liegt vor allem an Institutionen wie dem Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte (LBZH), das in Osnabrück als zentraler Ansprechpartner für kulturelle Teilhabe fungiert. Die Heilpädagogische Hilfe Osnabrück (HHO) bietet mit speziellen Wohn- und Arbeitsangeboten, wie im Karl-Luhmann-Heim, sowie Beratungsstellen eine Infrastruktur, die viele Betroffene bewusst in die Friedensstadt führt.
Es bleibt trotz allem ein Nischenthema, das sich indes auf vielfältige Weise in Osnabrück zeigt – auch mit kritischen Stimmen. Ender hätte sich zum Beispiel im ökumenischen Gedenkgottesdienst für die geistig behinderten, sinnesgeschädigten und psychisch kranken Opfer des Nazi-Regimes nicht nur einen Gebärdendolmetscher gewünscht. „Es hätten zum Beispiel auch Fotos gezeigt werden können, die bildlich vermitteln, was gesagt wird.“
Dass Teilhabe im öffentlichen Raum präsenter wird, zeigt sich zum Beispiel daran, dass seit einigen Jahren Gebärdensprachdolmetscher bei zentralen Ereignissen, wie der Eröffnung des Tags der Niedersachsen oder dem traditionellen Fassanstich der Maiwoche vor dem Rathaus zum Programm gehören.
In Osnabrück findet auch die Deaf Performance ihren Platz – eine Kunstform, die über reine Übersetzung hinausgeht. Dabei werden Texte oder Musik in eine ästhetische, fast tänzerische Gebärdenpoesie übertragen. Mimik und Körperausdruck werden zum Instrument, das Geschichten visuell erzählt. Das passiert bei DGS-Kulturtagen im Haus der Jugend und auch einzelnen Veranstaltungen auf der Maiwoche.
Einen umfangreichen Überblick über Angebote und Ansprechpartner bietet das Osnabrücker Netzwerk für Gebärdensprache mit seinem Internetauftritt. Wer die Deutsche Gebärdensprache (DGS) erlernen möchte, findet dort Kontakte und Termine für Kurse. Es gibt Stammtische in Kneipen, Beratungen für Familien und Kontakte zu Dolmetschern, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch das Museum am Schölerberg und das Felix-Nussbaum-Haus bieten Führungen in Deutscher Gebärdensprache an. Auf Wunsch vermittelt die Tourist Information für Stadt und Landkreis Osnabrück barrierearme Stadtführungen mit DGS-Angebot.
„Inklusion darf kein Zufallsprodukt sein, das davon abhängt, ob gerade ein Dolmetscher im Raum ist“, sagt Jens Mathlage, Bereichsleiter Wohnen bei der HHO. Deutlich wird im Gespräch mit seiner Kollegin Ender, dass beide die erreichten Verbesserungen zur Teilhabe in Osnabrück positiv bewerten.
Aber da geht noch mehr, oder wie Jens Mathlage sagt: „Unser Ziel in Osnabrück muss es sein, dass die Gebärdensprache ein natürlicher Teil unseres Miteinanders wird. Wir müssen Räume schaffen, in denen Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet – egal ob in der Wohngruppe, beim Einkaufen oder in der Freizeit.“