Hamburg Ohne Schutzschirm keine Souveränität: Warum Europa nuklear denken muss
Wer Abschreckung und ein starkes Europa will, kommt um die Frage nach einem eigenen Atomschirm nicht herum. Der Weg dahin wird schwierig genug.
Eine Atombombe für Europa. Zu Recht zucken viele bei diesem Gedanken zusammen. Atomwaffen sind mit das Schrecklichste, was die Menschheit erschaffen hat. Sollte das Thema im kriegserschütterten Europa nicht tabu bleiben? Sollte es. Kann es aber nicht. Wer echte Abschreckung will, Milliarden in Aufrüstung steckt und junge Menschen zum Wehrdienst verpflichtet, kann beim einzig wirksamen Mittel zur Abschreckung nicht haltmachen.
Russland hat zehnmal so viele Atomsprengköpfe wie Frankreich und das Vereinigte Königreich zusammen, China baut angeblich zwei Atombomben pro Tag und die Abhängigkeit vom Atomschirm der USA wäre auch dann zu groß, wenn nicht gerade ein Donald Trump die Welt durcheinanderwirbelt.
Wer fordert, dass Europa als eigenständige Macht auftritt – statt als Kontinent, der bei Rohstoffen, Technologie und Sicherheit von echten Großmächten abhängig ist –, kann die Forderung nach einer europäischen Nuklearstrategie nicht einfach vom Tisch wischen. Wenn es ohnehin einen Atomschutzschirm geben muss, dann doch lieber einen ohne Abhängigkeit von den USA.
Doch selbst wenn ethische Bedenken beiseitegeräumt sind, bleiben organisatorische Hürden. Wer beschafft die Waffen, wer stationiert wo und vor allem: Könnte überhaupt irgendjemand einen roten Knopf drücken? Wer soll das legitimieren?
Für die Frage der Stationierung gibt es die Nato und entsprechende Strategien. Bei der Beschaffung und Modernisierung könnte Frankreich in Kooperation mit dem Vereinigten Königreich voranschreiten, während Deutschland seinen Kanzler-Traum von der stärksten konventionellen Armee Europas weiterverfolgt. Der Rüstungswildwuchs in Europa benötigt ohnehin eine ganzheitliche Strategie. Das nukleare Abschreckungspotenzial und die Frage, ob der bestehende französische Schutzschirm überhaupt reicht, gehören in eine solche Strategie mit hinein.
Einzig der Aspekt des roten Knopfes macht derzeit alle Überlegungen zunichte. Europa hat glücklicherweise keinen Putin oder Trump, der mal eben alleine entscheiden kann. Schwer zu glauben, dass die Länder einer Ursula von der Leyen die Verantwortung übertragen. Wie abschreckend können Atomwaffen sein, wenn 27 Staatschefs über ihre Aktivierung entscheiden müssen?
In einer besseren Welt würde man solche Fragen gar nicht erst stellen. In der realen Welt dürfen Europas Staatsführer vor diesen Fragen nicht die Augen verschließen, nur weil sie unangenehm sind.