Paris  Tod eines rechten Aktivisten wühlt Frankreich auf – waren es Linke?

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 17.02.2026 19:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Bei heftigen Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Gruppen wird der 23-jährige rechte Aktivist Quentin Deranque getötet. Nun gerät die Linksaußen-Partei LFI unter Druck – eine politische Debatte ist entfacht.

Der 23-jährige Quentin Deranque starb nach heftigen Zusammenstößen ultralinker und -rechter Gruppen. Festnahmen gab es noch nicht, doch längst tobt eine Deutungsschlacht. Die Linksaußen-Partei LFI gerät unter Druck.

Die Videoaufnahmen, die im Internet zirkulieren, sind brutal. Sie zeigen eine Gruppe Vermummter, die auf wenige junge Männer einschlagen und eintreten, die am Boden liegen. Eines der Opfer, das sollte sich später herausstellen, starb zwei Tage später an seinen schweren Gehirnverletzungen. Es handelte sich um Quentin Deranque, einen 23-jährigen Studenten und rechtsextremen Aktivisten aus Lyon.

Er sollte am Donnerstag der identitären Frauengruppe „Nemesis“ als Schutzkraft zur Seite stehen, deren Mitglieder gegen eine Konferenz der EU-Parlamentarierin Rima Hassan von der Linksaußen-Partei LFI (La France Insoumise) an der Eliteuniversität Sciences Po in Lyon demonstrierten. Hassan, die palästinensische Wurzeln hat, ist aufgrund ihrer scharfen Israel-Kritik eine umstrittene Persönlichkeit in Frankreich. Am Rande der Veranstaltung kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Ultrarechten und Ultralinken, in die Quentin Deranque geriet.

Wer ihn totgeschlagen hat, ist noch nicht bekannt. Zu Festnahmen kam es laut Staatsanwalt Thierry Dran zunächst nicht. Am Dienstag hieß es dann, fünf mutmaßliche Täter aus den Reihen der Ultralinken konnten identifiziert werden. Die Ermittlungen zielten darauf ab, „alle direkt beteiligten Täter dieses Verbrechens zu suchen, indem sie sich nicht auf Gerüchte stützen, sondern auf greifbare Elemente“, so Dran. „Ich bin Jurist, ich richte mich also nach Fakten.“ Das ließ sich als Seitenhieb auf die zahlreichen Politiker, darunter sogar Minister, verstehen, die vorschnell Schuldige ausmachten.

So hatte Regierungssprecherin Maud Bregeon erklärt, LFI trage eine „moralische Verantwortung für das Klima der Gewalt“. Justizminister Gérald Darmanin sagte, „ganz offensichtlich“ habe „die Ultralinke getötet“. Ähnlich äußerte sich der Chef des rechtsextremen Rassemblement National (RN), Jordan Bardella.

Die Justiz auf der einen, die Welt der Medien und der Politik auf der anderen Seite arbeiten nicht im selben Tempo – das macht der Vorfall deutlich. Vor allem das rechte und rechtsextreme Lager nutzt den Tod des jungen Mannes, um die Linken scharf anzuklagen. Denn die mit LFI verbundene antifaschistische Gruppe „Jeune Garde“ („Junge Garde“), die im Juni 2025 aufgrund gewalttätiger Aktionen vom Innenministerium verboten wurde, aber Berufung gegen die Entscheidung eingelegt hat, war vor Ort in Lyon.

Mehreren Zeugen zufolge befand sich unter ihnen auch Jacques-Elie Favrot, der parlamentarische Mitarbeiter des LFI-Abgeordneten Raphaël Arnault, einer der Gründer der Gruppe. Am Montagabend verbot die Präsidentin der Nationalversammlung, Yaël Braun-Pivet, Favrot mit Verweis auf eine drohende „Störung der öffentlichen Ordnung“ vorerst den Zugang. Raphaël Arnault selbst drückte noch am Samstag „Entsetzen und Ekel“ angesichts der brutalen Tötung von Quentin Deranque aus.

Auch LFI-Gründer Jean-Luc Mélenchon betonte, er habe Empathie für die Familie des getöteten Quentin. „Für uns ist die Nicht-Anwendung von Gewalt eine grundlegende philosophische Entscheidung.“ Der Vorfall setzt seine Partei, der regelmäßig Extremismus vorgeworfen wird, stark unter Druck.

Der Anwalt von Deranques Familie sprach von einem „methodisch vorbereiteten Hinterhalt“, in den das Opfer geraten sei. Nach dem Angriff schleppte sich der junge Mann noch 1,5 Kilometer durch die Straßen, teils an der Seite eines Freundes, der schließlich einen Krankenwagen rief. Staatsanwalt Dran sagte, angesichts seiner schweren Kopfverletzungen hätte Deranque auch bei einem sofortigen ärztlichen Eingreifen nicht mehr gerettet werden können.

Französische Medien beschreiben ihn als streng katholisch und Sympathisant revolutionär-nationalistischer Gruppierungen. Ob er an dem Tag offizielle Schutzkraft von „Nemesis“ war, darüber gingen die Darstellungen auseinander.

Der Vorfall heizt die politischen Debatten in Frankreich auf. In Lyon wurde der Wahlkampf zu den Kommunalwahlen, die in einem Monat stattfinden, ausgesetzt. Auch steigt die Sorge vor einer Eskalation der Gewalt. Bei einer Kundgebung vor der Sorbonne-Universität in Paris forderten mehrere rechtsextreme Politiker und Vertreter ultranationaler Gruppen „Gerechtigkeit für Quentin“.

„Wir werden uns nicht damit zufriedengeben, Kerzen aufzustellen und Jammerreden zu halten“, warnte Stanislas Tyl, Sprecher der identitären Gruppierung „Les Natifs“ („Die Eingeborenen“). „Ich schwöre heute, wir werden euch in den Urnen, den Gerichten, den Straßen, den Medien, überall verfolgen!“ Demgegenüber rief Präsident Emmanuel Macron zu Ruhe, Zurückhaltung und Respekt auf. „Keine Sache und keine Ideologie rechtfertigen jemals, dass man tötet“, schrieb er auf der Plattform „X“.

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