Osnabrück Evakuierung in Osnabrück: Kleinerer Radius möglich? Das sagt die Wissenschaft
Im Osnabrücker Lokviertel werden Blindgänger systematisch entschärft, dabei müssen bis zu 14.000 Bürger raus aus ihren Wohnungen. Denn der Evakuierungsradius beträgt einen Kilometer. Ist das wirklich notwendig, wird immer wieder gefragt. Wir haben mit einem Wissenschaftler gesprochen, der sich mit genau dieser Frage befasst.
Wenn im Osnabrücker Lokviertel Blindgänger entschärft werden, ist der Ablauf inzwischen bekannt: Über mehrere Monate wird gezielt nach Bomben gesucht, Verdachtspunkte werden geprüft, Funde gebündelt. An einzelnen Tagen werden dann gleich mehrere Blindgänger entschärft. Bei den Räumungen müssen bei diesen Einsätzen regelmäßig bis zu 14.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Auch das Marienhospital ist häufig betroffen, obwohl es sich am Rand des Evakuierungsgebiets befindet.
Ist ein so großer Radius bei dieser Art von Maßnahme zwingend notwendig? Oder gäbe es unter bestimmten Voraussetzungen Spielräume für eine differenziertere Planung? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch die Wissenschaft.
„Einen pauschalen Evakuierungsradius gibt es aus fachlicher Sicht nicht“, sagt der promovierte Wissenschaftler Malte von Ramin vom Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut (EMI).
Welche Entfernung notwendig sei, hänge von einer Vielzahl von Faktoren ab: Bombentyp, Explosivstoffmasse, Tiefenlage, Bodenbeschaffenheit, Bebauung und vorgesehenes Entschärfungsverfahren. „Man kann nicht sagen: 250-Kilogramm-Bombe gleich 500 Meter Radius“, betont von Ramin. Vielmehr handle es sich immer um eine Risikoabwägung.
Dass diese Abwägung jedoch nicht im luftleeren Raum beginnt, zeigt die Praxis: Klaus Niehoff, erfahrener Experte für Kampfmittelsondierung und Luftbildauswertung, bestätigt, dass sich Blindgänger bereits im Vorfeld fachlich einordnen ließen. Er hat in Osnabrück bereits Bomben gesucht und entschärft – auch im Lokviertel. Zwar könne dabei keine exakte Gewichtsangabe getroffen werden – er könne allerdings sagen, ob dort eine 250- oder eher eine 500-Kilogramm-Bombe liegen würde, und auch die Tiefe könne er bestimmen. Diese Vorabbestimmung ersetze keine Sicherheitsannahmen, könne aber eine differenziertere Risikobewertung ermöglichen, wenn ausreichend Vorbereitungszeit vorhanden sei.
Ein zentraler Punkt in der Einschätzung des Fraunhofer-Experten ist die verfügbare Zeit. Je kurzfristiger eine Entscheidung getroffen werden müsse, desto konservativer falle sie aus. „Wenn unter Zeitdruck gehandelt werden muss, bleibt kaum Raum für detaillierte Analysen“, erklärt von Ramin. In solchen Situationen seien pauschale Sicherheitsradien ein nachvollziehbares Mittel, um Risiken größtmöglich zu minimieren.
Anders stelle sich die Lage dort dar, wo ausreichend Vorlauf vorhanden ist. Dann könnten zusätzliche Informationen gewonnen und differenziertere Bewertungen vorgenommen werden – etwa durch Simulationen von Druckwellen, Splitterflug und sogenannten Groundshock-Effekten im Boden. Genau daran arbeitet das Fraunhofer EMI mit numerischen Modellen.
Die Modelle entstehen am Computer und bilden reale Einsatzbedingungen physikalisch nach. So lässt sich simulieren, wie sich Druckwellen, Splitterflug und Erschütterungen je nach Bombenlage, Boden und Bebauung verhalten – etwa bei Sand- oder Wasserabdeckungen. Dadurch ist es möglich, verschiedene Szenarien durchzuspielen, wie den Einfluss von Sand- oder Wasserabdeckungen bei einer kontrollierten Sprengung oder die Wirkung der umgebenden Bebauung. Ziel sei es, Gefährdungen präziser einzuschätzen – nicht darum, die Sicherheit zu reduzieren.
Das Osnabrücker Lokviertel unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von vielen anderen Bombenfunden: Die Maßnahmen sind langfristig geplant. Über Zeiträume von zwei bis fünf Monaten wird gezielt gesucht, Verdachtspunkte werden abgearbeitet, Funde gesammelt. Es handelt sich größtenteils um vorbereitete Großeinsätze, wobei in drei Fällen der Kampfmittelbeseitigungsdienst aufgrund einer Akutlage kurzfristig ausrückte.
Aus wissenschaftlicher Sicht sei das ein entscheidender Unterschied. „Zeit ist der Schlüssel für differenzierte Risikoanalysen“, sagt von Ramin. Wo bekannt sei, welche Bombentypen zu erwarten sind und unter welchen Bedingungen sie liegen, könnten theoretisch auch abgestufte Schutzkonzepte geprüft werden. Ihre Umsetzung sei allerdings keine rein technische Frage.
Unter bestimmten Voraussetzungen lassen sich Risiken differenzierter bewerten. Moderne Simulationen können dabei helfen, Entscheidungen besser zu begründen. Sie ersetzen jedoch keine Einsatzleitung und keine politische Abwägung. Denn auch organisatorische Faktoren spielen eine Rolle – etwa die Frage, ob Schutzmaßnahmen zuverlässig kontrolliert werden können oder wie hoch das akzeptierte Restrisiko sein darf.
Für Osnabrück bedeutet das: „Ein großer Evakuierungsradius ist kein Zeichen von Übervorsicht, sondern Ausdruck eines sehr konservativen Sicherheitsansatzes“, so der Wissenschaftler von Ramin. Gleichzeitig zeigt die wissenschaftliche Perspektive, dass dort, wo monatelange Vorbereitung möglich ist, zumindest die Frage nach Alternativen gestellt werden kann – insbesondere mit Blick auf sensible Einrichtungen am Rande der Sperrgebiete. Dies muss jedoch auch politisch gewollt sein.
Ob solche Spielräume künftig genutzt werden, ist letztlich weniger eine Frage der Physik als eine der Organisation.
In Osnabrück wurde der 1000-Meter-Radius dagegen offensiv verteidigt. Leiter des Fachbereichs Bürger und Ordnung Thomas Cordes hat in Interviews mit noz von einem notwendigen Akt des Selbstschutzes – nicht von übertriebener Vorsicht gesprochen. Der große Evakuierungsbereich betreffe sensible Einrichtungen wie das Marienhospital, das Christliche Kinderhospital, den Hauptbahnhof oder ein Altenheim im Schinkel, räumt Cordes in einem Interview im Oktober ein. „Die Räumungen stellen alle vor Herausforderungen: logistische, wirtschaftliche und emotionale“, sagt er – insbesondere für Kranke und Pflegebedürftige.
Cordes hält den den Radius für alternativlos. „1000 Meter, weil darunter laut Experten eine erhöhte Gefahr besteht“, erklärt er. Dass Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Hamburg bei vergleichbaren Bombenfunden mit kleineren Radien arbeiten, bewertet Cordes kritisch. Diese wichen aus seiner Sicht von den Empfehlungen der Fachleute ab.
Aus wissenschaftlicher Sicht greift diese Argumentation jedoch zu kurz. Denn die Forschung – auch jene, auf die sich Cordes pauschal beruft – kennt keinen festen Radius, der unabhängig von Bombentyp, Lage, Tiefe und Vorbereitung „richtig“ oder „falsch“ wäre. Während die Stadt Osnabrück Sicherheit nahezu ausschließlich über maximale Distanz definiert, betonen Fachleute wie Dr. Malte von Ramin vom Fraunhofer-Institut, dass Schutzbereiche immer Ergebnis einer differenzierten Risikoabwägung sind – und dass gerade bei langfristig geplanten Maßnahmen andere Bewertungsmaßstäbe möglich wären.