Osnabrück Sehr geehrte Industria, wissen Sie eigentlich, wie es Ihren Mietern in Osnabrück geht?
Tagelanger Wasserausfall und viele ungeklärte Missstände: Die Industria hat sich bei den Mietern am Haster Weg entschuldigt. Halbherzig, meint unsere Redakteurin und schreibt einen persönlichen Brief an das Unternehmen.
Sehr geehrte Damen und Herren von der Industria,
eine Redakteurin schreibt einen Meinungsbeitrag normalerweise in Form eines Kommentars. In diesem Fall habe ich mich für die persönliche Anrede entschieden und wende mich direkt an Sie, um Ihnen persönlich zu sagen, was mir an Ihrem Verhalten missfallen hat.
Wir kennen uns ja schon und hatten ausführlichen E-Mail-Kontakt. Es geht um die Anlage in Osnabrück am Haster Weg/Widerhall, die Sie verwalten. Über den Jahreswechsel 2025/26 waren die rund 36 Mieter für sechs Tage ohne fließendes Wasser in den Wohnungen. Weitere Mängel: kaputte Haustür, Legionellen im Trinkwasser, Müllsäcke mit Asbest, kaum Rückmeldungen auf Beschwerden. Darin sind wir uns weitestgehend einig, und auf diesem Wege bedanke ich mich für die prompte Beantwortung meiner Anfragen. Was ich vermisst habe, ist eine Entschuldigung an die Mieter.
Den Brief an Sie hatte ich bereits fertig, als ich erfahren habe, dass Sie sich jetzt doch bei den Mietern für den sechstätigen Wasserausfall und für die dadurch entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldigt haben. „Aufrichtig“, schreiben Sie im digitalen Mieterportal, das über eine App aufgerufen werden kann.
Das las sich in den Stellungnahmen an mich noch anders: Mehrmals haben Sie Ihr Bedauern über die Missstände ausgedrückt. Die Schuld dafür aber insgesamt neunmal auf einen externen Dienstleister geschoben. Von einer Entschuldigung war da noch nicht die Rede. Haben Sie das damals vergessen im Dickicht an Missständen?
Immerhin! Jetzt also doch. Besser spät als nie! Ich kenne es allerdings so, dass um Entschuldigung gebeten wird – nicht, dass man sich eine Entschuldigung aktiv abholen muss. Längst nicht jeder schaut immer in die App. Was ist mit älteren Nachbarn, die vielleicht gar kein Handy oder einen Computer haben?
Ich möchte Sie an Ihren eigenen Ansprüchen messen. In Ihrem Verhaltenscodex schreiben Sie, dass Ihre Unternehmenskultur von Vertrauen, Fairness und Transparenz lebt. Handeln muss legitim und damit ethisch verantwortbar sein. Diese Seite Ihres Miteinanders erleben die Bewohner am Haster Weg selten bis gar nicht. Die Nachbarn, mit denen ich gesprochen habe, wollen nicht namentlich in der Zeitung genannt werden – aus Angst vor Repressalien.
Das Vertrauen, mit dem Sie sich schmücken, haben Sie verzockt: An die Stelle von Verantwortung setzen Sie Gewinnmaximierung. Mir kommt es so vor, als sähen Sie in dem Zuhause Ihrer Mieter reine Anlageobjekte. Und eine Entschuldigung, die längst nicht alle Mieter erreicht, ist nicht einmal eine Geste des guten Willens, sondern ein lästiges Abhaken, weil es irgendwie zum guten Ton gehört.
Das möchte ich Ihnen persönlich sagen, eine Form der Ansprache, die Ihre Mieter vermissen, wenn sie in Notfallhotlines von einer KI-Stimme nicht verstanden werden.
Ich hoffe, dass dieser Brief Sie dazu bewegt, den Wunsch Ihrer Mieter nach einem sicheren Zuhause ernst zu nehmen.
Hochachtungsvoll Karin C. Punghorst