Anleitung Wie man in Aurich im Jahr 1797 Liebesbriefe schreiben sollte
Ein „Briefsteller“ von 1797 liefert Vorlagen für zärtliche Briefe und Liebesbekundungen. Aber auch den höflichen „Korb“ der „Jungfer“ an den „Witwer“.
Aurich/Ostfriesland - Fragt man die KI, wie heutzutage ein Mittzwanziger einen kleinen Liebesbrief schreiben würde, dann klingt das ungefähr so: „Du, ich weiß gar nicht, wie ich das so schreiben soll, ohne dass es kitschig klingt – aber es ist halt einfach wahr: Ich bin komplett in dich verliebt. Seit du da bist, fühlt sich mein Alltag weniger nach ‚irgendwie durchkommen‘ an und mehr nach ‚okay, das ist gerade echt mein Leben‘. Ich erwische mich ständig dabei, dass ich dir irgendwas erzählen will – das Gute, das Stressige, das völlig Unwichtige. Einfach, weil es mit dir mehr Sinn macht.“
Aber wie sahen Liebesbriefe eigentlich früher aus? Diese Redaktion hat versucht, alte Beispiele zu finden. Viel ist nicht überliefert, ein paar Überraschungen gab es aber schon. Da wären zum Beispiel die Postkarten, die nach dem Zweiten Weltkrieg speziell auf Soldaten als Zielgruppe ausgerichtet waren. Oder aber: eine Anleitung, wie man Liebesbriefe schreibt.
Der „Briefsteller“ aus Aurich zeigt Liebespost aus dem 18. Jahrhundert
Die bot der „Neue Ostfriesische Briefsteller“, der 1797 in Aurich vertrieben wurde. Das einzige noch erhaltene Exemplar außerhalb von Privathaushalten hat die Ostfriesische Landschaft in ihrer Bibliothek. Auf knapp 100 Seiten wird erklärt, wie man „Briefe, Rechnungen, Quittungen, Anweisungen, Schuldscheine, Wechsel und Contracte etc. ausfertiget“ – oder eben auch Liebesbriefe.
In diese Kategorie fällt einer der wenigen Briefe aus Sicht einer Frau, die im „Briefsteller“ abgedruckt sind: „Ei! du böser, lieber Mann, wie kannst du es über das Herz bringen, mich noch mit einer Abwesenheit von acht Tagen zu bedrohen? Ich muß es mir nun zwar gefallen lassen, weil ich dich einst wieder habe, werde ich mich schadlos zu halten wissen. [...] Unsere Kinder sind gesund, und reden beständig vom Vater. Wir sehen deiner Wiederkunft alle mit Sehnsucht entgegen, besonders ich Deine zärtliche Maria.“
Witwer, „Jungfer“ und Korb: höfische Formeln statt Dating-Sprache
In eine etwas andere Kategorie fällt der Vorschlag, wie man denn als Witwer einer „hochgeschätzten Jungfer“ den Hof machen sollte: „Von Ihrem guten Herzen überzeugt, kann ich nicht anders, als Sie hochschätzen, und wünsche eine nähere Verbindung mit Ihnen. Können Sie sich wohl entschließen, die Gefährtinn meines Lebens und Mutter meiner beiden Kinder zu werden, und das Band der Ehe mit mir zu knüpfen, und den bitteren Verlust meiner Gattin wiederum zu ersetzen. [...] Als Gattin würde ich Sie lieben und als Wohltäterin verehren [...] Ihr ergebenster Freund und Diener“.
Die Antwort liefert der „Briefsteller“ gleich mit: Sie „haben mir die Ehre erwiesen, sich um meine Person zu bewerben, es wird Ihnen aber wohl nicht bewußt sein, daß ich nicht mehr frei bin, und daher kann ich Ihre Neigung nicht erwiedern, zumal ich mit meiner Wahl höchst friedlich bin. [...] Da ich Ihrer Liebe nicht theilhaftig werden kann, so erweisen Sie mir doch die Ehre Ihrer Freundschaft. Mit ungeheuchelter Hochachtung werde ich stets sein ergebenste Freundin und Dienerin“. Ob ein so formulierter „Korb“ weniger wehtat als das, was die KI für die heutige Zeit vorschlägt? „Hey du, danke für deinen Brief. Ich hab das wirklich gern gelesen und es bedeutet mir viel, dass du so offen mit deinen Gefühlen bist. Ich will aber ehrlich sein: Bei mir fühlt es sich nicht so an, dass daraus gerade mehr werden kann. Ich mag dich als Mensch und ich schätze unsere Zeit, aber für eine Beziehung reicht es bei mir nicht.“