Osnabrück Mieter am Haster Weg in Osnabrück beklagen Mängel – Industria weist Vorwürfe zurück
War der Wasserausfall zum Jahreswechsel nur die Spitze des Eisbergs? Am Haster Weg führen Mieter eine lange Mängelliste von Asbest bis hin zu defekten Türen. Was sagt Verwalter Industria? Ein Protokoll der Sichtweisen.
Vom Silvestertag bis zum 5. Januar 2026 blieben die Wasserhähne am Haster Weg 101 a–c und Widerhall 2 in Osnabrück trocken. Erst nach zwei Tagen gab es ein Provisorium im Keller. Mieter schleppten Wasser in Eimern in ihre Wohnungen, bis der Rohrbruch behoben war. Der Immobilienverwalter Industria aus Frankfurt am Main drückt sein Bedauern aus. Doch ist damit alles erledigt?
Die Industria erklärt auf erneute Anfrage, dass in der rund 50 Jahre alten Anlage lediglich „punktuell technische und organisatorische Herausforderungen auftreten“, denen man „fortlaufend begegne“. In den Fluren und Treppenhäusern hört sich das anders an. Dort reden Bewohner von losen Geländern, abgelaufenen Feuerlöschern, Asbest-Abfall auf dem Parkplatz, einer defekten Eingangstür und Schimmelbefall. Über allem schwebt die Sorge vor Legionellen.
Auch an die Redaktion haben sich Bewohner gewandt, berichtet und Fotos geschickt. Namentlich erwähnt werden möchten sie nicht, „aus Angst vor Repressalien von Industria“. Einige sagen auch, „ich habe schon einen Anwalt eingeschaltet oder mit dem Mieterverein gesprochen.“
Das Wasser-Debakel war offenbar kein isoliertes Ereignis, sondern das Symptom eines tiefgreifenden Konflikts über Sicherheit, Kommunikation und Instandhaltung. Die folgenden Streitpunkte verdeutlichen beispielhaft die Kluft zwischen Mietererfahrung und Vermieterdarstellung:
Ein Vorwurf betrifft asbesthaltigen Sondermüll auf dem Mieterparkplatz. Während Bewohner von einer monatelangen Lagerung berichten, spricht Industria, „von etwa drei Wochen“, und bedauert ausdrücklich, „dass es zu dieser Situation kam“, weil das beauftragte Bauunternehmen die Abholung versäumt habe. Unabhängig von der Dauer ist in der Gefahrstoffverordnung (TRGS 519) festgelegt, dass Asbest unverzüglich staubdicht verpackt und gesichert werden muss.
Ob die Säcke zum damaligen Zeitpunkt tatsächlich luftdicht verschlossen waren, lässt sich heute nicht mehr abschließend prüfen. Ein Foto der Lagerung zeigt indes spezielle „Big Bags“, die ungeschützt im öffentlichen Raum stehen und am oberen Verschluss lediglich locker zusammengerafft wirken. Mikroskopisch kleine Asbestfasern können bei mangelhafter Abdichtung austreten und schwere Lungenschäden verursachen – ein Sicherheitsrisiko erst recht in einem Wohnumfeld mit Kindern und Senioren.
In die Liste der punktuellen Herausforderungen fällt auch eine defekte Eingangstür, die sich nicht mehr schließen lässt. Mieter beklagen den Zustand schon seit mehreren Jahren, „und dass wir das schon 100 Mal gemeldet haben.“
Industria bestätigt den Mangel und führt aus: „Der Hausmeister hatte frühzeitig festgestellt, dass eine Hauseingangstür nicht mehr zuverlässig schließt, und die Instandsetzung umgehend angestoßen.“ Eine Reparatur sei indes nicht mehr möglich. Der Einbau einer neuen Tür scheitere an erheblichen Lieferzeiten. Es wird um Verständnis gebeten.
So ist die rechtliche Einordnung: Nach Paragraf 535 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) muss ein Vermieter für einen vertragsgemäßenZustand sorgen, einschließlich schließender Haustür. „Das ist eine originäre vertragliche Verpflichtung des Vermieters“, betont Carsten Wanzelius, Syndikus beim Osnabrücker Mieterverein. Das Argument der Lieferzeiten entbinde nicht von der Verantwortung, den Zugang für Unbefugte zu verhindern. Der Rechtsanwalt stellt klar: „Kraft Gesetz ist die Miete damit um einen angemessenen Teil gemindert.“
Ein sensibles Thema für die Bewohner ist die Qualität des Trinkwassers. Während Industria anfänglich betonte, die Werte lägen „weit unterhalb der kritischen Grenze von 10.000 KBE/100 ml (Koloniebildende Einheiten) bei der eine akute Gesundheitsgefahr angenommen wird“, nennt die nun vorliegende Stellungnahme konkrete Werte. Der Verwalter räumt erstmals ein, dass bei einer Messung im November 2025 in einer Wohnung ein Wert von 1000 KBE/100 ml festgestellt wurde und in einer weiteren ein Wert von 500.
Bei einem Wert von 1000 bis 10.000 KBE/100 Millilitern spricht der Gesundheitsdienst für Stadt und Landkreis Osnabrück von einer hohen Konzentration. Laut Trinkwasserverordnung müssen Legionellen-Konzentrationen bereits ab einem Wert von 100 KBE/100 ml gemeldet werden. Dieser Pflicht ist Industria vorschriftsmäßig nachgekommen, bestätigt der Gesundheitsdienst. Der Behörde liegen Meldungen für 2024 und 2025 vor.
Für die vorgeschriebene Gefährdungsanalyse und die Sanierung hat Industria nach eigenen Angaben bereits rund 30.000 Euro investiert, unter anderem für den Rückbau von Rohrentlüftern und den Austausch von Armaturen. Zurzeit werde auf die Ergebnisse einer Nachbeprobung gewartet.
Über die technischen Mängel hinaus belastet ein Streit um Geld das Verhältnis zwischen Industria und Mieterschaft. Bewohner berichten von Nebenkostenguthaben in teils vierstelliger Höhe, die trotz Forderung nicht ausgezahlt worden seien.
Industria weist diesen Vorwurf zurück und spricht davon, dass die geltend gemachten Ansprüche „überhöht“ seien. Der Fall befinde sich in einem laufenden Widerspruchsverfahren über den Mieterverein; solange dieses nicht abgeschlossen ist, seien Auszahlungen oder Verrechnungen nicht möglich.
Kritik üben Mieter auch an der Kommunikation, die sie als anstrengend und unzureichend empfinden. Der Vorfall zum Jahreswechsel sei kein Einzelfall; oft sei es kompliziert, bei Schadensmeldungen oder Rückfragen zur Abrechnung echte Ansprechpartner zu erreichen. Stattdessen lande man in Hotlines mit KI-Stimmen oder erhalte in der „Industria-App“ unbefriedigende Rückmeldungen.
Die App markiert Vorgänge oft als „erledigt“, sobald lediglich ein Handwerker beauftragt wurde – auch wenn vor Ort noch nichts geschah, erklärt die Industria und räumt ein, dass dies „missverständlich“ sein könne. Eine transparentere Gestaltung der Statusmeldungen werde nun geprüft.