Kreis Warendorf Verdribbelt im eigenen Garten: Streit um Soccerplatz in Telgte
Eine Familie aus Telgte hat einen Soccerplatz im eigenen Garten gebaut – ohne Genehmigung. Die Stadt lehnt ihn ab, Nachbarn klagen über Lärm. Mehr als 800 Menschen unterstützen inzwischen eine Petition gegen den möglichen Rückbau. Kann sie ihn noch verhindern? Ein Ortsbesuch.
Für Robert Salomon aus Telgte sind die vergangenen Tage alles andere als ruhig verlaufen: Presseanfragen, Gespräche mit Anwälten, eine Entscheidung des städtischen Bauausschusses. Auslöser all dessen: ein Soccerplatz, den Salomon ohne amtliches Einverständnis im eigenen Garten errichtet hat – mitten in einem großen, neuen Wohngebiet. Als wir den dreifachen Familienvater am Mittwochnachmittag zu Hause besuchen, trainiert dort seine zehnjährige Tochter gerade das Dribbling.
Die Anlage genügt professionellen Ansprüchen. Das Kunstrasen-Spielfeld misst 16 mal 8 Meter, es verfügt über zwei Tore, umlaufende Metallbanden, ein Ballfangnetz sowie zwei Flutlichtmasten – deren Kabel allerdings nicht angeschlossen sind.
„Fertig geworden ist das Ganze im vergangenen Mai“, sagt Salomon. Keine zwölf Monate später steht der Platz vor dem Aus: Nach einem Beschluss der Stadt Telgte und einer möglichen weiteren Entscheidung des Kreises Warendorf könnte der Rückbau angeordnet werden.
Warum? Salomon hat für den Soccerplatz keinen Bauantrag gestellt. „Ich bin damals auf die beauftragte Firma zugegangen und habe sie gefragt, ob man so etwas genehmigen lassen muss“, berichtet er. Man habe ihm gesagt, die Anlage sei mobil und rückbaubar. Zudem sei der Boden „komplett wasserdurchlässig“, eine Baugenehmigung deshalb nicht erforderlich.
Dass es überhaupt zu dem Projekt kam, war laut Salomon eher eine Verkettung von Umständen. Das Grundstück neben dem Wohnhaus der Familie, in dem sie seit 2013 lebt, stand zum Verkauf. Der Nachbar habe es aus familiären Gründen abgegeben, Salomon habe zugeschlagen. Das Areal sei groß gewesen – „eigentlich drei Grundstücke“.
Die Familie teilte also den Garten neu auf. „Wir halbieren den Garten so ein bisschen und geben den Kindern einen Platz zum Spielen zurück.“ Der Garten sei zuvor verwildert gewesen, mit dichtem Buschwerk, erinnert sich seine Ehefrau Franziska. Der Boden habe erst aufbereitet werden müssen.
Für die drei Kinder ist der Soccerplatz ein Geschenk. Fußball gehöre zur Familienidentität, sagt Salomon: „Für uns ist alles schwarz-gelb.“ Gemeint ist damit der Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund. Mit dem Verein hat der Soccerplatz nichts zu tun, doch das BVB-Logo ist großflächig auf die Wand gedruckt. Auch sonst zieht sich Schwarz-Gelb durch das Haus, vom Eingangsbereich bis zur Satellitenschüssel.
Alle Kinder hätten bereits mit vier oder fünf Jahren begonnen zu spielen – bei der Sportgemeinschaft Telgte, wo Robert und Franziska Salomon selbst als Trainer aktiv sind. Zusätzlich bringen die Eltern ihre Kinder regelmäßig nach Dortmund zum Kicken.
Aus Sicht des Vaters liegt der Vorteil des eigenen Soccerfelds auf der Hand: Die Kinder müssten nicht mehr auf der Straße spielen – mit der Sorge, Autos, Beete oder Zäune der Nachbarn zu beschädigen. Doch die Probleme ließen nicht lange auf sich warten.
Bereits im April 2025 erhielt die Familie Post vom Kreis Warendorf. Darin war von Beschwerden aus der Nachbarschaft die Rede. Zuerst war es wegen der Flutlichter. Später beklagte nach Darstellung Salomons unter anderem ein Nachbar vor allem Lärm nach der Schule und an Wochenenden – insbesondere das Geräusch, wenn der Ball gegen die Bande pralle.
Salomon weist die Vorwürfe zurück. Gespielt werde in der Regel zwischen 15 und 18 Uhr. Zudem komme ein weicher Ball zum Einsatz, kein Lederball. Im Vergleich dazu sei der Verkehr auf der nahegelegenen Delsener Heide, die an der Siedlung vorbeiführt und zwei Ausfallstraßen verbindet, deutlich lauter.
Man nehme Rücksicht – etwa, wenn Nachbarn im Sommer grillten. Auch die Kritik an den Flutlichtern hielt er für unsinnig. „Die Lampen sind ja nicht einmal angeschlossen“, sagt der Elektriker.
Nach Darstellung Salomons erlebt er in der direkten Nachbarschaft auch viel Zuspruch. Viele Anwohner, mit denen er spreche, sähen die Sache deutlich entspannter. Als eine Nachbarin mit ihrem Hund am Spielfeld vorbeikam, hat sie gesagt: „Die sind eigentlich alle cool hier“, und im Scherz gerufen: „Macht ruhig noch lauter!“
Gleichzeitig räumt Salomon eigene Versäumnisse ein. „Klar hätte ich bei der Stadt fragen müssen. Das wäre ein Anruf gewesen“, sagt er heute.
Den Bauantrag habe er inzwischen nachgereicht. Auf Anfrage der Redaktion bestätigt Felix Höltmann, Sprecher des Landrats im Kreis Warendorf: „Inzwischen liegt uns ein Bauantrag vor.“ Zugleich hätten sich „nacheinander mehrere Nachbarn beschwert“.
Wie es mit dem Soccerplatz weitergehen könnte, deutet eine Entscheidung auf kommunaler Ebene an. Am 5. Februar befasste sich der Bauausschuss der Stadt Telgte mit dem Vorhaben – und lehnte eine Befreiung einstimmig ab.
Neben den „Belangen der Nachbarschaft“ sei vor allem die Sorge vor einem Präzedenzfall ausschlaggebend gewesen, erklärt Annika Becker von der Stadtverwaltung. „Solche Entwicklungen gilt es einzudämmen, da sie dem ursprünglichen Gebietscharakter nicht entsprechen.“
Auch der Kreis Warendorf wird in den kommenden Wochen über den Bauantrag entscheiden. Man bemühe sich um eine Lösung, „mit der alle Beteiligten leben können“, sagt Sprecher Höltmann. Zugleich teile der Kreis die Bewertung des städtischen Bauausschusses.
„Es geht um die grundsätzliche Frage, ob ein Kleinspielfeld in einem Wohngebiet erlaubt ist. Aus guten Gründen werden öffentliche Kleinspielfelder an Sportanlagen, am Rand von Wohngebieten, auf Grünflächen oder in Parks errichtet. Alle diese Plätze liegen mit Abstand zu Wohnhäusern.“
Salomon zeigt sich enttäuscht über das Vorgehen der Behörden. Das Argument des Präzedenzfalls könne er nicht nachvollziehen. „Man muss auch jeden Bürger mal einzeln sehen und nicht einfach das abwatschen, fertig, habt ihr Pech gehabt.“
Auch die von ihm vorgeschlagenen Alternativen seien abgelehnt worden. „Wir können das Flutlicht abbauen, die Netze entfernen, das Ganze weniger wuchtig machen.“ Doch auch das habe keine Zustimmung gefunden.
Parallel zu den Gesprächen mit Anwälten hat die Familie eine Online-Petition gegen den möglichen Rückbau gestartet. Bis Donnerstag (12. Februar) sammelte sie mehr als 800 Unterschriften. Die Auseinandersetzung geht auch an den Kindern nicht spurlos vorbei. „Wir haben natürlich schon, dass die Kinder hier sitzen und am Heulen sind, weil der Platz weg muss“, sagt Franziska Salomon.
Wie die Familie reagieren wird, sollte der Bauantrag endgültig abgelehnt werden, ist offen – auch mit Blick auf mögliche hohe Verfahrenskosten. Doch eines steht für sie fest: Ein Platz zum Spielen soll bleiben. Robert Salomon: „Wenn dann nachher eine Wiese ist, die ich mit einer Kreidemaschine abkreide, dann stelle ich da zwei Tore hin, dann dürfen die Kinder spielen.“