Osnabrück Im Schnelldurchlauf: Was ich in zwei Stunden Weiberfastnacht in Osnabrück erlebt habe
Royaler Besuch, ein Kölsch mit einer Zirkuswärterin und Karnevalsmäuse: Beim Weiberfastnacht bekommt unser Reporter die volle Dosis Karneval in knappen zwei Stunden. Was er erlebt hat und wie wetterfest die Osnabrücker Jecken sind.
Weiberfastnacht – prädestiniert dafür, ein feucht-fröhlicher Abend zu werden. Aber schon bevor ich überhaupt am Rathausplatz angekommen war, wurde aus feucht bereits triefend nass. Es regnet nämlich – viel. Halb 8, das offizielle Programm ist fast um. Seit 18.11 Uhr eröffnen hier verschiedene Tanzgruppen und Karnevalsverantwortliche die heiße Phase des Osnabrücker Karnevals, die am Samstag im Ossensamstag gipfelt.
Der Platz vor der Bühne ist allerdings wie ausgestorben, vereinzelt stehen Menschen davor, ein paar mehr haben sich um den Bierstand versammelt. Die Osnabrücker Jecken scheinen auf den ersten Blick nicht sonderlich wetterfest zu sein – ich allerdings auch nicht. Ich beschließe also, mich gleich in die erste Kneipe zu stürzen.
Die Marktschänke scheint mir ein guter Start zu sein. Aus den offenen Fenstern hallt laute Karnevalsmusik, bunte Lichter tanzen die Scheibe entlang – ich gehe rein. Der Türsteher fragt mich, ob ich Alkohol dabei habe. Hab ich nicht, ich bin immerhin gerade am Arbeiten. Eine Kuh, die nah am Eingang steht, mustert mich und sagt: „Du bist ganz schön nass.“ Ich schaue sie an, ein Tropfen fällt von meiner Stirn auf den Boden. „Stimmt“, antworte ich. Meine erste Konversation am heutigen Abend.
Die Traditionskneipe ist voll, laute Musik füllt den urigen Innenraum. Links tanzt ein Leopard direkt neben einer Krankenschwester. Ich versuche, mich durch den Raum zu kämpfen, meine nasse Jacke habe ich im Arm, den Boden tropfe ich voll. Sonderlich schnell komme ich nicht voran. Immer wieder balancieren Menschen mehrere Becher Bier vom Tresen zu ihren Freundeskreisen – ich versuche, sie dabei möglichst nicht zu behindern.
In der Mitte der Kneipe angekommen, lasse ich den Blick schweifen. Ein DJ scheint im hinteren Raum aufzulegen, bunte Lichter kreisen. Die Menschen um mich herum sind teils Mitte 20, teils deutlich älter. Karneval ist ein Fest für alle Altersgruppen, das zeigt sich auch wieder als aus den Boxen „Denn ich bin nuuuuuuur ’ne Kölsche Jung“ tönt. Fast alle singen mit und auch ich summe vor mich hin, während ich mich wieder zum Ausgang kämpfe.
Ich öffne die Tür, ein kühler Wind schlägt mir ins Gesicht. Zwei Frauen kommen mir entgegen und betreten den Laden. Die beiden heißen Silke und Sonja. Woher ich das weiß? Wir kommen ins Gespräch, denn die beiden dürfen mit ihren Rucksäcken nicht in den Laden. Sie feiern zum ersten Mal gemeinsam Weiberfastnacht. Und von dem Vorhaben sollen sie auch nicht ihre Rucksäcke abhalten. Kurzerhand werden die Gepäckstücke vor der Tür aufgehängt – wird schon niemand klauen, vermutlich.
Ich ziehe weiter. Am Rathausplatz tanzen mehrere knallbunt angezogene Menschen ausgelassen und trotzen so dem Regen. Einer von ihnen ist Tim. Er erklärt, dass die Gruppe eben noch auf der Bühne stand, sie sind die Showgarde Osnabrück. „Wir sind hartgesotten“, lacht er.
Ich schleiche Richtung Altstadt, die Straßen sind leer. Ich bereue immer mehr keinen Schirm dabei zu haben. Dann höre ich laute, vertraute Musik: „Ich bin ’ne Karnevals Maus (eine was?) und ich geh nie ohne Kölsch aus dem Haus“. Auf Tiktok und Instagram habe ich das Lied bereits hundertfach gehört und es ist zugegebenermaßen ein Ohrwurm. Die Kneipe, aus der die Musik kommt, ist das Schmale Handtuch.
Ich öffne die Tür, gleich strahlt mich eine Frau im Zirkuswärterinnen-Kostüm an, ich lache zurück. Begebe mich zur Bar. Miro Bauhaus, Inhaber des Schmalen Handtuchs, zapft mir ein Kölsch. Eins werde ich mir dann wohl doch genehmigen dürfen, gehört ja quasi zu dem Erlebnis „Weiberfastnacht“ dazu. Bisher ist noch nicht viel los in der Kneipe. Am Ossensamstag sei der Laden immer brechend voll, egal, ob Regen oder Schnee – Weiberfastnacht sei da sehr stark vom Wetter abhängig, erklärt Bauhaus.
Seine Eltern kommen aus dem Rheinland, er kennt den Karneval gut, würde sich aber nicht als Jeck bezeichnen. Während er sich wieder um die anderen Gäste kümmert, gehe ich zurück zu der Zirkuswärterin, die mich schon beim Betreten der Bar freudig begrüßt hat. Sie heißt Petra und ist gemeinsam mit ihren Freunden Holger und Mecky da – ich gebe zu, beim letzten Namen bin ich mir unsicher, denn selbst nach zweimaligem Nachfragen erschwerte die laute Musik die Kommunikation.
Die drei nehmen mich in ihre Runde auf. Ich bin jetzt offiziell im Osnabrücker Karneval angekommen. Seit 15 bis 20 Jahren zieht das Dreigespann an Weiberfastnacht los. „Früher war hier mehr los“, sagt Holger. Auch Petra stimmt zu, das sei schade. Mecky tanzt währenddessen zu „Viva Colonia“.
Am Nachbartisch sitzt eine Knobelgruppe, die seien hier jeden Donnerstag, daran ändert auch Weiberfastnacht nichts. Verkleidet sind sie nicht, freuen sich aber über das bunte Treiben um sie herum.
Plötzlich kommt Wallung in den Laden, die Tür öffnet sich und der Laden füllt sich rapide. Royaler Besuch im schmalen Handtuch. Stadtprinz Frank der Zweite höchstselbst überschreitet samt Gefolge die Türschwelle. Petra jubelt, Gäste zücken ihr Smartphone. Der Prinz stellt sich neben den DJ, schnappt sich das Mikrofon: „Hallo Ratsschänke!“ – Zur Erinnerung: wir sind im schmalen Handtuch. Es sei ihm verziehen, er muss heute so einige Kneipen besuchen. Er hält eine kurze Lobeshymne auf den Karneval und auf die Bar, verleiht Miro Bauhaus eine Karnevalsmedaille. „Osna!“, die Gäste antworten „Helau!“. „Miro!“, „Helau!“. „Knobelrunde!“, „Helau!“ – Jubel auch am Knobeltisch.
„Danke und tschüss“, kurze und knackige Verabschiedung. Frank II. muss weiter in die nächste Kneipe, davor holen sich Petra und ihre beiden Freunde noch ein Foto mit dem Prinzen ab. Ich frage ihn noch schnell, das wievielte Kölsch er gerade in der Hand hatte, er schwört, es war das erste, und verabschiedet sich in den Regen.
Auch ich mache mich auf den Weg – wieder Richtung Rathaus. Ich schaue noch im Le Bric à Brac gegenüber der Marienkirche vorbei. Draußen steht eine Gruppe Raucher, gut gelaunt. Drinnen ist es etwas ruhiger, aber der Laden ist voll. Manche essen, andere trinken und unterhalten sich. Vom Weg bin ich erneut durchnässt, ich beende meinen kurzen Ausflug in die Osnabrücker Weiberfastnacht.
Draußen sehe – und vor allem höre – ich wieder die Tanzgarde vom Rathausplatz. Tim tanzt singend vorneweg: „Ich bin ’ne Karnevalsmaus!“ Die Gruppe steuert auf die Marktschänke zu, immer noch hallt laute Musik durch die Fenster.
Ich habe die Weiberfastnacht heute mal im Schnelldurchlauf erlebt: Ich habe neue Bekanntschaften gemacht, die Visite des Stadtprinzen erlebt, mitgesungen, war durchnässt vom Regen, wieder trocken und wieder durchnässt und das alles innerhalb von zwei Stunden. Bevor ich nach Hause gehe, sehe ich noch einen Vampir, der seine Begleitung mit seinem Umhang vor dem Regen schützt. Spätestens hier verspüre ich Karnevals-Romantik. Osna Helau.