Osnabrück  Experte warnt: „Osnabrück sollte wieder aktiver nach Bomben suchen“

Sebastian Dannenberg
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Von Sebastian Dannenberg
| 13.02.2026 18:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Hier wird ein Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg in Belm freigelegt. Foto: Sebastian Dannenberg
Hier wird ein Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg in Belm freigelegt. Foto: Sebastian Dannenberg
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Noch ist unklar, wann im Lokviertel wieder Bomben geräumt werden. Ein möglicher Termin wäre der 15. März. Aber es sind noch keine vier Verdachtspunkte zusammen, sagt die Stadt. Osnabrück steht in Sachen Bomben vor einer Herausforderung: Alte Verdachtspunkte ruhen in Entwicklungslücken. Historische Muster legen nahe, dass Überraschungsfunde jederzeit möglich sind.

Wann steht wieder eine Evakuierung in Sachen Lokviertel an? Die Stadt Osnabrück nennt auf Anfrage den 15. März als möglichen Termin. Versehen mit einem „aber“: Es sind nämlich laut Stadt noch nicht die nötigen vier Verdachtspunkte für eine Räumung zusammengekommen. „Aktuell liegen zwei Verdachtspunkte vor“, so Sprecher Simon Vonstein. Sollten bis drei Wochen vor dem 15. März keine vier Punkte gefunden sein, werde die Räumung abgesagt.

Aber wird in Osnabrück eigentlich nur noch im Lokviertel nach Blindgängern gesucht? Über Jahrzehnte hinweg wurde das Stadtgebiet systematisch nach nicht explodierten Fliegerbomben durchkämmt – mithilfe historischer Luftbilder, rechnerischer Auswertungen und gezielter Sondierungen vor Ort. Diese Arbeit ist mühsam, zeitaufwendig und passiert oft im Verborgenen. In Summe gibt es aber das Ergebnis, dass über Jahre hinweg zahlreiche Blindgänger gefunden und entschärft wurden, bevor sie zum akuten Problem wurden. In letzter Zeit, so wirkt es, werden nur noch am ehemaligen Güterbahnhof Bomben gefunden. Woran liegt das?

Wir haben darüber mit einem der Akteure dieser Phase der aktiven Bombensuche gesprochen. Klaus Niehoff, ein Experte für Kampfmittelräumung und Luftbildauswertung. Niehoff arbeitet seit Jahrzehnten für Unternehmen in der Kampfmittelsondierung, war an der Aufklärung tausender Verdachtspunkte beteiligt und hat nach eigenen Angaben bei über 200 Bombenentschärfungen im Raum Osnabrück mitgewirkt.

Heute hat sich der Fokus dieser Arbeit laut ihm deutlich verschoben. Die aktive, vorsorgende Bombensuche erfolgt in Osnabrück weiterhin auf Basis systematischer Luftbildauswertungen, die seit 2022 durch das Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) durchgeführt werden. Diese Auswertungen beziehen sich abschnittsweise auf das gesamte Stadtgebiet und sind nicht an konkrete Bauvorhaben gebunden.

Allerdings haben die daraus resultierenden weitergehenden Untersuchungen im Gelände nach Angaben der Stadt bislang keinen einzigen bestätigten Verdachtspunkt ergeben. Damit entsteht ein deutliches Spannungsfeld zwischen einer theoretisch flächendeckenden Auswertung auf dem Papier und der praktischen Realität, in der Blindgänger vor allem im Zuge konkreter Bauarbeiten entdeckt werden. Die letzte von der Stadt aktiv gesuchte und schließlich gefundene Bombe lag in der Gartlage und wurde am 23. Juli 2023 entschärft.

Aus Sicht von Niehoff ist das problematisch. Er hält es für sehr wahrscheinlich, dass sich im Osnabrücker Stadtgebiet weiterhin eine erhebliche Zahl nicht entdeckter Blindgänger befindet. „Im Stadtgebiet liegen noch rund 100 Bomben oder mehr“, sagt Niehoff. Seine Einschätzung bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf das Lokviertel, sondern auf Stadtteile, in denen bislang nie oder nur sehr eingeschränkt systematisch gesucht wurde.

Dazu zählen nach seiner Einschätzung unter anderem Bereiche der Altstadt, Schinkel-West und Schinkel-Mitte, Widukindland, Teile des Fledder sowie weitere kleinere Restflächen im Stadtgebiet. Historische Luftbilder zeigten dort teils dichte Abwurfmuster, ohne dass diese Flächen später flächendeckend aufgearbeitet worden seien.

Die Zahlen, die Niehoff nennt, unterstreichen diese Einschätzung. Seit den 1990er-Jahren seien in Osnabrück schätzungsweise mehr als 200 Blindgänger geborgen worden. Der überwiegende Teil davon sei nicht zufällig, sondern im Rahmen gezielter Luftbildauswertung und systematischer Suche entdeckt worden.

Zufallsfunde bei Bauarbeiten habe es dagegen nur in sehr geringem Umfang gegeben. Für Niehoff ist das ein klarer Beleg dafür, dass aktive Suche das Risiko deutlich reduziert – während ihr Ausbleiben Gefahren lediglich in die Zukunft verschiebt.

Das Risiko besteht dabei weniger in einer akuten Bedrohung im Alltag, sondern in der Unvorhersehbarkeit künftiger Eingriffe: Tiefbauarbeiten, Nachverdichtung oder neue Infrastrukturprojekte können Blindgänger unvermittelt freilegen und dann schlagartig zu Großlagen mit Evakuierungen führen. Aus Sicht des Experten ist es deshalb fachlich plausibel, von weiteren Funden auszugehen, solange belastete Bereiche nicht vorsorglich untersucht werden. Aktive Bombensuche sei damit kein überholtes Instrument, sondern eine Form vorausschauender Gefahrenabwehr.

Osnabrück hat in der Vergangenheit gezeigt, dass eine andere Herangehensweise möglich ist: Risiken frühzeitig identifizieren, bevor sie eskalieren. Diese vorsorgende Bombensuche war teuer, organisatorisch anspruchsvoll und politisch wenig sichtbar – aber sie reduzierte die Wahrscheinlichkeit plötzlicher Großlagen erheblich. Dass diese Praxis heute kaum noch eine Rolle spielt, hat viele Gründe: strengere Regelwerke, höhere Anforderungen an den Arbeitsschutz, komplexere Zuständigkeiten und begrenzte Budgets. All das ist nachvollziehbar. Es ändert jedoch nichts an der grundsätzlichen Frage, wie eine Stadt langfristig mit bekannten Altlasten umgehen will.

Gerade mit Blick auf neue Wohngebiete, Nachverdichtung und den zunehmenden Druck auf innerstädtische Flächen gewinnt diese Frage an Bedeutung. Dauerhafte Wohnnutzung lässt wenig Raum für Restrisiken. Wer heute baut, trifft Entscheidungen für Jahrzehnte. Vor diesem Hintergrund wirkt es zumindest diskussionswürdig, ob Osnabrück sich dauerhaft darauf beschränken sollte, Blindgänger nur dort zu suchen, wo sie ohnehin zum akuten Problem werden.

Osnabrück verfügt über die Erfahrung, das Wissen und die historische Grundlage dafür. Die Frage ist weniger, ob noch Blindgänger im Boden liegen – vieles spricht dafür. Die eigentliche Frage ist, ob man sie weiterhin erst dann finden will, wenn sie den größtmöglichen Aufwand und die größten Belastungen verursachen.

Ein weiterer Aspekt der Bombenräumungen ist der Kostenaufwand, den solche Maßnahmen für die Stadt Osnabrück bedeuten. Nach Angaben der Verwaltung sind im Zuge der Maßnahmen im Lokviertel bislang Kosten in einem mittleren sechsstelligen Bereich angefallen. Eine genaue, einzelne Zuweisung der Kosten zu einzelnen Einsätzen oder Verdachtspunkten existiert bislang nicht; die Stadt plant, erst nach Abschluss der gesamten Sondierung und der letzten Räumung eine Gesamtabrechnung vorzulegen. Wann dieser Zeitpunkt erreicht sein wird, hängt davon ab, wie lange die noch laufenden Sondierungen andauern und wie viele weitere Blindgänger letztlich geborgen werden müssen.

Die Stadt weist darauf hin, dass der Wechsel in der Organisationsstruktur der Luftbildauswertung – von einer extern beauftragten Firma hin zum Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) – auch eine Kostenkomponente darstellt: Während früher externe Partner teurer waren, werden die LGLN-Auswertungen grundsätzlich als kosteneffizienter eingeschätzt. Trotzdem bleibt offen, wie sich dieser Wechsel auf die Gesamtkosten der Kampfmittelräumung auswirkt. Warum? Diese Auswertungen haben bislang noch nicht zu bestätigten Verdachtspunkten im Stadtgebiet, die Suche findet weiterhin vor allem im Baugebiet Lokviertel statt.

Diese Mischung aus vorläufigen Zahlen, organisatorischen Veränderungen und einer noch nicht abgeschlossenen Gesamtrechnung macht es derzeit schwer, eine definitive finanzielle Bilanz der Bombenräumungen vorzulegen. Für die Stadt und die Betroffenen würde eine solche Bilanz jedoch nicht nur den Aufwand quantifizieren, sondern auch die Frage besser beleuchten, wie Ressourcen in künftigen Kampfmittelmaßnahmen effizienter eingesetzt werden könnten.

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