Paris Junge Franzosen sollen bald Fruchtbarkeits-Post von der Regierung bekommen
Frankreich will gegen das stetige Sinken der Geburtenrate angehen und Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch helfen. Eine neue Kampagne sieht Briefe an alle 29-Jährigen vor, damit sie sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzen.
„Na, wann kommt endlich Nachwuchs?“ – „Und, wie sieht es aus mit der Familienplanung?“ In Frankreich macht nicht etwa – oder nicht nur – die allzu neugierige Verwandtschaft auf Familienfesten jungen Menschen und speziell Frauen Druck in Sachen Kinderkriegen.
Auch die Regierung will ihnen zum 29. Geburtstag einen Brief senden, um sie daran zu erinnern, dass die biologische Uhr tickt. Sie sollen sich mit dem Thema Fruchtbarkeit auseinandersetzen und aktiv werden, wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt.
Freilich wird sie das anders formulieren. Es gehe, so das Gesundheitsministerium, um eine „zielgerichtete, ausgewogene und wissenschaftlich begründete Information über Themen wie Verhütung, sexuelle und reproduktive Gesundheit“.
Die Post soll nicht nur an Frauen gehen, sondern auch an Männer, denn das Thema Fruchtbarkeit betreffe beide gleichermaßen, so Gesundheitsministerin Stéphanie Rist. Sie wolle weder Druck ausüben noch Anordnungen geben: „Die Rolle der Politik besteht nicht darin zu sagen, ob oder in welchem Alter man Kinder bekommen soll.“ Es gebe Hilfestellungen bei Fruchtbarkeitsproblemen, von denen laut Regierung landesweit 3,3 Millionen Menschen betroffen sind. Deshalb sieht sie einen 16-Punkte-Plan vor.
In Europa hat Frankreich traditionell eine der höchsten Geburtenraten, auch dank politischer Maßnahmen, die auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie abzielen. 2000 brachte eine Frau im Schnitt 1,9 Kinder zur Welt. 2025 lag die Quote jedoch nur noch bei 1,56 Kindern – der niedrigste Wert seit 1918, wenn auch immer noch höher als in Deutschland mit 1,35 Kindern pro Frau.
Schon vor zwei Jahren versprach Präsident Emmanuel Macron eine „demografische Aufrüstung“ und konkrete Maßnahmen. Die martialische Wortwahl irritierte damals einige.
Die Regierung plant unter anderem auch den Aufbau eines landesweiten Systems für Samen- und Eizellenspenden, Informationskampagnen in Schulen, solche zur Prävention von Unfruchtbarkeit und über die Möglichkeiten der medizinischen Fortpflanzung. Außerdem sollen Krankheiten wie Endometriose und das polyzystische Ovarialsyndrom, die Unfruchtbarkeit verursachen können, besser behandelt werden.
Die Zahl der Zentren für das Einfrieren von Eizellen soll bis 2028 von 40 auf 70 steigen. In Frankreich können Frauen zwischen 29 und 37 Jahren dies auf Kosten der staatlichen Krankenversicherung und ohne das Vorliegen medizinischer Gründe tun. Virginie Rio, Vorsitzende eines Vereins für Personen mit unerfülltem Kinderwunsch, begrüßte die Initiative: „Wir treten in eine neue Ära ein, die Themen Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit haben noch nie in diesem Ausmaß Beachtung gefunden.“
Ein parlamentarischer Bericht schlägt darüber hinaus ein bedingungsloses Kindergeld in Höhe von 250 Euro pro Monat vor. Bislang setzt das französische System eher auf Steuervorteile für Eltern, einkommensabhängige Hilfen der Sozialkassen und ein gut ausgebautes Betreuungssystem.
Angeregt wird außerdem eine einheitliche Elternzeit, die bislang finanziell wenig Anreize bietet und vergleichsweise kurz ist: Der Mutterschaftsurlaub dauert in der Regel insgesamt 16 Wochen, davon sechs vor der Geburt, der Vaterschaftsurlaub drei Wochen, davon vier Tage obligatorisch. Seit 2026 gilt ein zusätzlicher Geburtsurlaub von ein bis zwei Monaten.
Außerdem rät der Bericht zu mehr Kinderabteilen in Zügen, nachdem erst vor wenigen Wochen ein neues Angebot der französischen Staatsbahn SNCF, kinderlose Abteile einzurichten, für einen Aufschrei gesorgt hatte. „Man kann nicht einerseits alarmiert darüber sein, dass in Frankreich weniger Kinder zur Welt kommen und diese andererseits nicht tolerieren“, sagte die Abgeordnete Constance de Pélichy.