Osnabrück  Filz-Vorwürfe: Im Umgang mit der AfD ist jetzt Fairness angesagt, keine Häme

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 11.02.2026 12:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Sollte vorgeführt werden: der AfD-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla am Sonntag bei Caren Miosga. Foto: HMB Media/Uwe Koch
Sollte vorgeführt werden: der AfD-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla am Sonntag bei Caren Miosga. Foto: HMB Media/Uwe Koch
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Kurz vor den ersten Landtagswahlen erschüttern Vorwürfe der Vetternwirtschaft und der persönlichen Bereicherung die AfD. Ihre Gegner brechen bereits in Jubel aus über die mögliche Entzauberung der Partei. Dabei sollte man der AfD die Chance zugestehen, sich nun zu bewähren.

Die allgemeine Genugtuung ist womöglich schon größer als das, was bisher über die Vorwürfe bekannt ist. Ausgerechnet die AfD, die große Wir-sind-anders-Partei, wird von überzeugenden Hinweisen auf Vetternwirtschaft und Selbstbedienungsmentalität erschüttert, vorgelegt von den eigenen Leuten! Erleichterung, ja Häme, macht sich breit, nicht nur in den sozialen Netzwerken: Da ist sie doch endlich, die große Entzauberung, wer weiß, vielleicht sogar noch rechtzeitig vor den ersten Landtagswahlen des Jahres im März!

Aber wer jetzt schon frohlockt oder sich gar moralisch erhebt, der sei an die alte Formel erinnert, dass Politiker typischerweise nicht an einem Skandal scheitern, sondern an ihrem Umgang damit. Heißt im Umkehrschluss: Gerade im Skandal ergeben sich auch Möglichkeiten, sich zu bewähren.

Nicht, dass sich das im Falle der AfD bisher abzeichnen würde: Dass es in vielen Landesverbänden drunter und drüber geht und manche AfD-Schwergewichte ihre Rivalen ungefähr so gut finden wie Angela Merkel, ist seit Jahren zu beobachten. Und wer den unsortierten Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla am Wochenende bei Caren Miosga im Fernsehen mitangesehen hat, wird sich über die Autorität der Parteiführung in den Parteiverästelungen der Fläche keine Illusionen mehr machen.

Gerade die Miosga-Sendung, in der die Moderatorin ihren Gast offensichtlich vorführen wollte und ihm aber auch nicht eine einzige vollständige Antwort gönnte, kann aber auch als Mahnung dienen, im Umgang mit der AfD nicht jedes Maß zu verlieren. Auch wenn sie die Wir-sind-anders-Partei sein will, sollte die Öffentlichkeit sie anhand derselben Kriterien bewerten wie ihre Konkurrenten. Für den aktuellen Filz-Skandal heißt das: Aufklärung first, Empörung second.

Haben sich AfD-Politiker bereichert, und wenn ja wie? Und was geschieht mit denen, die sich juristisch oder im politischen Stil danebenbenommen haben? An ihrem Willen, diese Fragen zu beantworten, muss sich die Partei nun messen lassen.

Dass Teile der Vorwürfe aus ihrer Mitte kommen, deutet auf gewisse Selbstheilungskräfte in der AfD hin. Wenn die sich durchsetzen, ist die AfD nach dem Knall womöglich eine bessere Partei als davor, zumindest organisatorisch. Und wer weiß, vielleicht folgt auf die strukturelle Häutung irgendwann sogar eine inhaltliche, und die rechtsextremen Kräfte werden hinausgedrängt? Ob es einem gefällt oder nicht: Dieser Skandal ist eine Chance. Man wird sie der AfD zugestehen müssen.

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