Osnabrück  VW profitiert von der Aufrüstung – warum das Werk in Osnabrück dennoch leer ausging

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 11.02.2026 10:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mehr als 100 VW Amaroks werden derzeit der Heimatschutzdivision bereitgestellt. Geht da mehr? Foto: Bundeswehr/Maximilian Schulz
Mehr als 100 VW Amaroks werden derzeit der Heimatschutzdivision bereitgestellt. Geht da mehr? Foto: Bundeswehr/Maximilian Schulz
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Autokonzern VW liefert Hunderte Fahrzeuge an die Bundeswehr. Eine Zukunftsoption für angeschlagene Werke wie jenes in Osnabrück? Wieso der Wunsch nach mehr Aufrüstung manchmal gegen nationale Wirtschaftsinteressen zu stehen scheint.

Die Mitteilung wirkt regelrecht enthusiastisch: „In der Döberitzer Heide im Havelland bei Berlin sind sie unterwegs und hinterlassen ihre Spuren im Brandenburger Sand.“ So beginnt ein Facebook-Post der Bundeswehr-Heimatschutzdivision. Mehr als 100 Fahrzeuge des Typs VW Amarok wird der neue Verband der Truppe vom eigenen Bundeswehrfuhrpark in den nächsten Wochen bekommen. Er ist geländegängig, verfügt über Doppelkabine und Pritsche. Das macht ihn aus Sicht der Bundeswehr zum idealen Fahrzeug der Heimatschützer, deren Aufgabe unter anderem im Schutz kritischer Infrastrukturen und schneller Hilfe bei Naturkatastrophen besteht.

Wie viel die Bundeswehr für die Fahrzeuge bezahlt hat, wollen weder der Fuhrpark noch das Beschaffungsamt sagen. Die Einkäufer der Bundeswehr weigern sich auch, die Gesamtzahl von insgesamt 103 Fahrzeugen zu bestätigen, die sie in den nächsten Wochen auf die Standorte der Heimatschützer verteilen werden. Nicht einmal, ob die Fahrzeuge direkt bei VW geordert wurden oder bereits im Fuhrpark der Bundeswehr standen.

Doch der Deal zeigt: Die wachsende Bundeswehr setzt weiter auf Produkte des niedersächsischen Großkonzerns VW. Die personell wachsenden Streitkräfte benötigen nicht mehr nur mehr Waffen und Panzer, sondern auch mehr zivile Fahrzeuge. Ein Geschäftsfeld mit Potenzial? Immerhin hat die Bw Fuhrpark GmbH in den vergangenen Jahren selbst Hunderte Millionen mehr vom Verteidigungsministerium bekommen, um genug Fahrzeuge vorzuhalten.

Doch vom VW-Konzern ist deswegen noch keine große Euphorie zu spüren. Der VW Amarok wird in Südafrika produziert und vor allem in Ländern der Südhalbkugel verkauft. Ein paar Hundert Fahrzeuge für die Bundeswehr würden bei Weitem nicht reichen, um in Deutschland eine neue Produktion aufzulegen. Anders könnte es bei echten Rüstungsgeschäften aussehen – ein Markt, der dank des Sondervermögens floriert.

Noch nicht einmal ein Jahr ist es her, dass VW-Chef Oliver Blume laut darüber nachdachte, dass auch VW vom Rüstungsboom profitieren könnte. Schon seit Jahren kooperieren Rheinmetall und die VW-Tochter MAN beim Bau von Militär-Lkw – warum nicht den kriselnden Autokonzern mit einem größeren Engagement im Milliardenmarkt der Rüstungsbranche stärken? Die Chef-Einkäuferin der Bundeswehr zeigte sich für diese Idee bereits offen und – viel wichtiger – der Rüstungskonzern Rheinmetall auch. Vor allem um das VW-Werk in Osnabrück gab es immer wieder Gerüchte, dass dort künftig Rüstungsgüter von VW und Rheinmetall gebaut werden könnten. Rheinmetall-Chef Armin Papperger sah Potenzial. Doch dann spielte die Beschaffungspolitik der Bundeswehr nicht mit.

Denn als die Bundeswehr auf die Nachfolger-Suche für den Transportpanzer „Fuchs“ ging, bewarb sich Rheinmetall mit dem „Fuchs Evolution“. Dafür hätte der Konzern auch neue Produktionskapazitäten benötigt. Doch die Bundeswehr entschied sich für ein Modell aus Finnland, den „Patria 6 × 6“. Die Entscheidung war nicht frei von Kritik. Mehrere Ministerpräsidenten, darunter Niedersachsens Landeschef Olaf Lies (SPD), appellierten in einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Die Rüstungsproduktion solle doch bitte in Deutschland bleiben – vor allem, um hiesige Arbeitsplätze zu sichern oder dazuzugewinnen.

„Für Niedersachsen ist entscheidend, dass verteidigungswirtschaftliche Wertschöpfung nicht nur bei Endherstellern entsteht, sondern entlang industrieller Prozessketten: Metallverarbeitung, Maschinen- und Anlagenbau, Elektronik, Chemie-Vorprodukte, Software/Cyber und Logistik“, teilt das Wirtschaftsministerium in Hannover auf Anfrage mit.

Doch der Appell im Ringen um den „Fuchs“-Nachfolger verhallte, Rheinmetall zog den Kürzeren und kurz darauf gab Armin Papperger bekannt, dass die vorhandenen Werkkapazitäten ausreichen und man das Werk in Osnabrück derzeit nicht brauche.

Das Konkurrenzprodukt von Patria, dessen Hersteller zur Hälfte dem finnischen Staat gehört, ist nicht nur schneller verfügbar, sondern auch Ausdruck einer neuen Beschaffungspolitik. Finnland, Lettland, Schweden, Dänemark, Großbritannien, Norwegen und Deutschland beteiligen sich gemeinsam am Kauf; allein die Bundeswehr soll mindestens 300 der schwimmfähigen Fahrzeuge bekommen. Kostenpunkt: rund eine Milliarde Euro. In Fachmedien wird gar ein Bedarf von 4000 Patria-Panzern für die Bundeswehr genannt.

Hergestellt werden die Fahrzeuge auch in Deutschland, vor allem im Südwesten der Republik. Doch auch die Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft (FFG) wird als Subunternehmer von dem Bundeswehr-Auftrag profitieren. Nur eben Rheinmetall nicht.

Und das VW-Werk Osnabrück? Um dessen Zukunft wird weiter gerungen. Bis zum Spätsommer 2027 lastet das T-Roc Cabrio den Standort aus. Der Konzern stehe weiter in der Pflicht, eine „wirtschaftliche Zukunftsperspektive für den Standort zu entwickeln“, heißt es aus dem VW-Betriebsrat. Das niedersächsische Wirtschaftsministerium sieht die Pflicht ebenfalls beim Konzern. VW habe „den Standort in wirtschaftlich guten Zeiten übernommen und steht deshalb auch jetzt in der Pflicht, sich aktiv an einer Zukunftslösung zu beteiligen“, heißt es aus dem Ministerium.

Sollte man in Osnabrück vielleicht doch auf nichtmilitärische Fahrzeuge für die Aufrüstung setzen? Auf Fahrzeuge, die die Bundeswehr ebenfalls braucht, so wie die Amaroks? Im niedersächsischen Wirtschaftsministerium ist zu dem Thema die Rede von einer potenziell „sinnvollen Ergänzung“. Aber: „Ob und in welcher Form solche Optionen für den Standort Osnabrück relevant sein können, muss sorgfältig geprüft werden.“

Die VW-Führung kann derzeit noch nist Konkretes zur Zukunft des Werkes sagen. „Derzeit werden im Rahmen ergebnisoffener Prüfungen unterschiedliche Optionen betrachtet“, sagte eine Sprecherin aus Osnabrück. Belastbare Ergebnisse gebe es bislang noch nicht.

Hinweis der Redaktion: Wir haben den Text im letzten Absatz um eine Antwort des VW Konzerns ergänzt.

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