Schleswig-Holstein Generation Golf: Was uns ausmacht und warum wir irgendwie dazwischen sind
Unser Autor schreibt über sich und seine Altersgenossen: eine Kohorte, die so langweilig ist, dass es nicht mal einen einheitlichen Namen für sie gibt.
Uns geht es gut. Jedenfalls zu großen Teilen. Wir sind aufgewachsen in wirtschaftlich einigermaßen guten Zeiten, in Frieden und Freiheit – und wir wollen, dass das so bleibt. Wir haben erlebt, wie unversöhnlich einander gegenüberstehende Atomblöcke ihr Kriegsbeil begraben haben – na gut, und müssen jetzt erleben, wie sie es wieder ausgraben. Aber wir tragen diese Gesellschaft, ihre Werte: Wir sind das Land.
Die Rede ist von der Generation X, die viele nach dem Roman von Florian Illies auch gern die Generation Golf nennen, zumindest was den westlichen Teil der bundesdeutschen Gesellschaft angeht.
Wir haben Glück, dass sich die Abneigung der jüngeren Generationen vor allem auf die Babyboomer richtet, also die Alterskohorte, die nach den Frontsoldaten, Flakhelfern und Halbstarken dieses Land geprägt hat. Die Boomer sind meist zu jung, um unsere Eltern zu sein. Manchmal sind sie unsere Geschwister, oft Vorgesetzte und die, die sich schon längst aus den einflussreichsten Positionen des Landes hätten verabschieden sollen.
Aber die Boomer haben uns auch einen Teil des Wegs geebnet. Wir, die in den 70er-Jahren Geborenen, sind mit dem aufgewachsen, was uns die Vorgängergenerationen hinterlassen haben. Unsere Eltern sind im oder kurz nach dem Krieg geboren. Die meisten sind durch die Nachkriegsjahre geprägt, haben gelernt, sparsam zu wirtschaften. Wir mussten nicht aufbegehren wie Halbstarke oder 68er, das hatten ja Teile unserer Elterngeneration schon für uns erledigt.
Unsere Jugendkultur ist geprägt von einer Neuen Deutschen Welle, die sich zuerst in der Musik, aber auch in Mode und Zeitgeist zeigt. Zwar gibt es Punks und Skinheads, die aufeinander losgehen, aber der Mainstream kann sich doch mit Diesel-Jeans und Föhnfrisur zu den Sounds von Kylie Minogue, Michael Jackson oder Madonna im MicMac in Kaltenkirchen oder im Max in Kiel über die Tanzfläche bewegen und sich Bacardi-Cola und Philip Morris leisten.
Und wenn nicht, schauen sie mit den Eltern zu Hause „Wetten, dass..?“ oder „Ich heirate eine Familie“, denn das aufkommende Privatfernsehen ist dann doch nicht so spannend.
Wir leben gut in den Kohl-Jahren, die behäbig sind, aber eben nicht unsicher. Wir sind die Generation, die nicht mehr in Massen für den Frieden demonstrieren muss, weil wir Abrüstung erleben. Der atomare Krieg ist immer noch eine Bedrohung, aber sie bleibt abstrakt. Wir kennen sie ja nicht anders, diese geteilte Welt.
Und als im November 1989 die Mauer fällt, ist das für viele von uns zwar durchaus ein Ereignis, aber wie hat es die Schauspielerin Heike Makatsch in der immer noch sehenswerten Dokumentation „Pop 2000“ gesagt: „Auch ein bisschen Wurscht.“
Und wir sind eben nicht mehr die Generation, die wer weiß wie lange auf einen Studienplatz warten muss. Wir können in günstigen Studentenwohnheimen oder WGs hausen, weil die langzeitstudierenden Boomer gerade ausgezogen sind. Wir müssen uns keine Freiheiten erkämpfen, sie sind schon da. Und viele unserer Eltern haben sich ein Stück Wohlstand erarbeitet, aus dem wir irgendwann ein Erbe zu erwarten haben.
Denn anders, als es später in unserer Erwerbsbiografie sein wird, haben es unsere Eltern mit fast stetig steigenden Löhnen und stabilen Preisen zu tun. Damit helfen sie uns, die wir doch auch die Generation Praktikum sind. Für die von uns, die studieren, ist klar, dass der Einstieg in den Job nicht einfach wird. Denn dort hängen ja schon die Boomer fest. Und durch die uns nur langsam begreiflich werdende Wiedervereinigung gibt es auch immer mehr Arbeitslose.
Doch wir sind ja flexibel und anpassungsfähig, auch was die technische Entwicklung angeht. Die Computer und das Internet erobern wir. Wir sind es, die erste E-Mails schreiben, als die Millennials noch in den Kindergarten gehen und die Alt-68er auf ihrer „Gabriele 100 mit Korrekturtaste“ Konzepte für ihre Viertelstelle als Fahrradbeauftragte in Berlin-Kreuzberg tippen.
Und nicht wenige von uns wissen, wo es im jetzt ohne real existierenden Sozialismus aufkommenden Neoliberalismus Geld zu verdienen gibt. Investmentbanker und Grafikdesigner sind Berufe, die es vor uns nicht gab, und Jugendbewegungen von New Wave über Techno bis Hip-Hop werden immer stylischer. Aber gleichzeitig sind wir auch die Generation, die als erste den Postmaterialismus lebt, die Karriere und Kinder unter einen Hut bringt, für die Bioladen und BMW kein Widerspruch ist.
Und doch sind wir eben auch die, die sich zu Recht anhören müssen, was wir in unserem Lebewahn nicht gesehen haben. Wir haben den Klimawandel ignoriert, die Bedrohung der internationalen Sicherheitsarchitektur unterschätzt, Wirtschaftskrisen weggelächelt und gedacht, dass unser schönes Leben immer so weitergeht. Denn wir, das sind auch mittlerweile die Entscheider in der Republik. In Schleswig-Holstein regiert die Generation X: Daniel Günther ist einer ihrer klassischen Vertreter.
Er hat wie viele andere an das klassische Aufstiegsversprechen geglaubt. Wir wussten zwar, dass es die blühenden Landschaften, die uns ein Langzeit-Kanzler versprochen hat, vermutlich nicht geben wird. Aber wir sind vielleicht die letzte Generation, die darauf gehofft hat, dass es mit dem Wohlstand doch immer weitergeht.
Deswegen haben wir vielleicht noch mehr Angst vor sozialem Abstieg als die Boomer, die ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben und die Millennials, die kaum Aussicht auf Schäfchen haben. Und das macht uns krisenanfällig.
Denn gerade wird uns klar, dass die schön geschmiedeten Lebenspläne mit Altersteilzeit und dem einfachen Leben mit bescheidenem Konsum (und vielleicht wieder einem VW E-Golf) nicht so einfach aufgehen. Aber hey: Sollen wir jetzt rumnörgeln wie die Generationen nach uns, die auf den Boomern rumhacken, weil die unser ganzes Steuergeld für Rente und Pflege ausgeben? Oder sollen wir zurückkeilen wie die Boomer, die ihre ach so schwere Lebensleistung nicht ausreichend gewürdigt sehen?
Lieber nicht, denn wir wissen, wie man in diesem Land zurechtkommt. Also, jedenfalls bislang. Und dabei geht es uns doch ganz gut.
Der Autor Kay Müller wird 1973 geboren, dem zweiten Jahr in der Geschichte der Bundesrepublik, in dem mehr Menschen sterben als auf die Welt kommen. Er wächst in Norderstedt auf, studiert von 1994 bis 1999 in Göttingen und Berlin und arbeitet seit 2006 in der Redaktion.