Osnabrück  VfL Osnabrück: Warum der Rückrundenstart so gut gelang - und wo noch Potenzial ist

Malte Artmeier
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Von Malte Artmeier
| 11.02.2026 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gut unterwegs: Die Mannschaft des VfL Osnabrück ist stark in die Rückserie der 3. Liga gestartet. Foto: Michael Titgemeyer
Gut unterwegs: Die Mannschaft des VfL Osnabrück ist stark in die Rückserie der 3. Liga gestartet. Foto: Michael Titgemeyer
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In Bezug auf die Punkte ist der VfL Osnabrück sehr gut in die Rückserie der 3. Liga gestartet. Warum dafür Ballbesitz nicht wichtig ist, warum auch Glück dabei war und welche Rolle dafür Cleverness spielt. Ein Blick auf die weiteren Statistiken.

Mit zehn Punkten aus den ersten vier Spielen ist der VfL Osnabrück ergebnistechnisch richtig gut in die Rückserie der 3. Fußball-Liga gestartet. In der Hinserie gab es gegen Alemannia Aachen, 1860 München, den 1. FC Saarbrücken und den TSV Havelse „nur“ sieben Zähler. Wie kam es zu diesem starken Rückrundenstart, der den VfL aktuell auf Rang drei katapultierte? Und was kann noch besser werden, um das Aufstiegsrennen erfolgreich zu gestalten? Ein Blick auf die Statistiken abseits der Punkte.

In nur einem Spiel seit dem Rückrundenstart hatte die Mannschaft von Trainer Timo Schultz mehr Ballbesitz als der Gegner. Bezeichnenderweise war es die einzige Partie, die sie nicht gewann: Gegen 1860 München waren es 55 Prozent, am Ende gab es ein 1:1-Unentschieden an der Bremer Brücke. Längst ist Ballbesitz kein Erfolgsindikator mehr - man kann auch ohne die Mehrzahl an Ballkontakten viele Punkte holen, das zeigt der VfL bereits im gesamten Saisonverlauf.

Im Ligavergleich ist er 15. mit durchschnittlich 47,4 Prozent. Ein weiterer Aufstiegskandidat, nämlich der MSV Duisburg hat sogar noch weniger (44,9 Prozent). Zwei andere Topteams, der SC Verl (66,2 Prozent) und der kommende Gegner Hansa Rostock (57,4 Prozent) haben dagegen eine völlig andere Spielanlage. Weil aber Ballbesitz nicht zwingend gleichzusetzen ist mit Spielkontrolle, gibt es dazu die Statistiken „Field Tilt“ und „Game Control“. In diesen komplizierten Metriken ist der VfL im oberen Drittel. Ein Indikator dafür sind Ballberührungen im gegnerischen Strafraum, wo der VfL trotz des vergleichsweise wenigen Ballbesitzes gut dasteht, nämlich mit 547 auf Rang sieben (Rostock ist mit 692 Erster). Einfach gesagt: Der VfL braucht nicht viel Ballbesitz, um torgefährlich zu werden und letztlich erfolgreich zu sein.

Die Expected Goals (“erwartete Tore“, xG) sind eine inzwischen etablierte Statistik, in der Torschüssen gewisse Torwahrscheinlichkeiten beigemessen werden. Elfmeter haben in der Regel einen Wert von 0,78, weil etwa 78 Prozent aller Elfmeter verwandelt werden. In den bisherigen vier Rückrundenpartien hatte der VfL zweimal einen niedrigeren xG-Wert als der Gegner: Gegen Aachen (1,68 für Aachen, 1,55 für Osnabrück) und Saarbrücken (2,21 für Saarbrücken, 1,06 für Osnabrück). Gegen 1860 (1,64:0,97) und Havelse (2,02:1,63) lagen die Lila-Weißen jeweils leicht vorne.

Und auch wenn die Expected Goals das Fußballspiel nicht in Gänze erfassen - etwa, wenn es nach gefährlichen Flanken nicht zum Torabschluss kommt - können sie gute Anhaltspunkte dafür geben, welches Team Chancenvorteile hatten. Vergleicht man die xG-Statistiken der einzelnen Partien mit den am Ende entstandenen Ergebnissen, muss man festhalten: Der VfL hatte zum Rückrundenstart durchaus auch Glück. 6,27:6,49 lautet das xG-Verhältnis aus den vier Spielen insgesamt, die Osnabrücker machten daraus ein Torverhältnis von 7:1 - eine deutliche „Überperformance“. Vor allem gegen Aachen und Saarbrücken profitierte der VfL vom Chancenwucher beim Gegner - und er traf dort jeweils früh, was auch die Möglichkeit eröffnet, den Gegner mehr kommen zu lassen. Auch so lässt sich das xG-Übergewicht für die Gegner in diesen Partien erklären.

Mit 22 Gegentoren aus 23 Spielen stellt der VfL die beste Defensive der 3. Liga. Zwölfmal spielte Torwart Lukas Jonsson zu Null - und ist damit der erfolgreichste Schlussmann im deutschen Profifußball. Nun wäre es falsch, diese starken Zahlen nur mit dem Glück in Verbindung zu bringen, wie es die xG-Daten der letzten Spiele nahelegen. Denn schaut man auf den gesamten Saisonverlauf, hat der VfL insgesamt die wenigsten xGoals der Gegner zugelassen. Bedeutet: Keine andere Mannschaft lässt so wenige Chancen der Gegner zu.

Das führt auch dazu - und so war es auch in den letzten Wochen - dass Torwart Jonsson gar keine Höchstleistungen zeigen muss, um eben jene Werte zu erreichen. Der Schwede ist ein stabiler Keeper, aber statistisch nicht in der Spitzengruppe: 69 Prozent der Bälle hält er, ist damit Elfter aller Torhüter mit mindestens der Hälfte der Spielzeit. Aber Jonsson musste eben auch so wenige Schüsse pro Spiel parieren, wie sonst kein anderer, weil der VfL die Gegner in der Regel weit vom eigenen Tor entfernt hält.

Hier hat sich übrigens bei den Lila-Weißen etwas entwickelt im Saisonverlauf: Das hohe Pressing, das zu Saisonbeginn noch Standard war, hat sich weiter nach hinten verlagert. Der VfL stellt sich öfter auch im „tiefen Block“ auf und empfängt den Gegner eher später, unterbindet Angriffe aber erfolgreich: Bei Balleroberungen im vorderen Drittel und vor allem im Mittelfeld bleibt er dennoch jeweils Zweiter.

Zu einer guten Abwehrarbeit gehört neben Struktur und Taktik auch ein eher weicherer Faktor: Cleverness. Anders als bei xG und „Field Tilt“ und Co. muss man kein Statistiknerd sein, um nachzuvollziehen, dass es sinnvoll ist, unnötige Rote Karten oder Strafstöße gegen sich zu vermeiden.

Dahingehend sind die Lila-Weißen auf einem sehr guten Weg: Der VfL ist die einzige Mannschaft der 3. Liga, die bislang weder einen Strafstoß noch einen Platzverweis gegen sich kassierte. Grundsätzlich ist der VfL das nach Karten fairste Team der Liga. Das hilft natürlich, um Unterzahlen in den Spielen und Sperren für folgende Partien zu vermeiden. Und keine Elfmeter und damit verbundene Großchancen zu verursachen, ist ohnehin eine gute Idee.

In den bisherigen 23 Spieltagen haben das in der Liga nur Duisburg und Mannheim ebenfalls geschafft. Rot-Weiss Essen dagegen hat bereits zehn Strafstöße verursacht und damit neun Gegentore kassiert. Nur Wehen Wiesbaden und Ulm bekamen bislang keinen Platzverweis.

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