Schaffhausen  Der Sarco-Erfinder hat ein Suizidhalsband entwickelt – und will es zuerst in die Schweiz bringen

Simon Hehli
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Von Simon Hehli
| 10.02.2026 09:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zwei Ballons sollen beim Suizidhalsband Druck auf die Halsschlagadern ausüben, was laut dem Entwickler zur Ohnmacht und anschließend zum Tod führen soll. Foto: Imago/ANP
Zwei Ballons sollen beim Suizidhalsband Druck auf die Halsschlagadern ausüben, was laut dem Entwickler zur Ohnmacht und anschließend zum Tod führen soll. Foto: Imago/ANP
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Sterbehilfeaktivist Philip Nitschke hat ein Suizidhalsband entwickelt, das er bald in der Schweiz anbieten möchte. Eine Art Airbag solle einen raschen und laut Nitschke schmerzlosen Tod ermöglichen. Doch das war es nicht: Er arbeitet bereits an weiteren Methoden der Sterbehilfe.

„Es funktioniert wie ein Airbag im Auto: Knopf drücken, es knallt, man wird ohnmächtig und stirbt“: So erklärte Philip Nitschke im Dezember bei einer Präsentation in den Niederlanden die Funktionsweise seines neuen Suizidhalsbandes.

Zwei aufblasbare Ballons üben rasch starken Druck auf die Halsschlagadern und Barorezeptoren (Dehnungssensoren in den Wänden großer Arterien) im Hals aus, dadurch wird der Blutfluss zum Gehirn abgeschnürt. Der Nutzer wird bewusstlos und soll schnell tot sein.

„Dieses Gerät ist vielversprechend für diejenigen, die an einer einfachen, zuverlässigen und erschwinglichen Möglichkeit interessiert sind, zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl friedlich zu sterben“, betonte Nitschke.

Das ist seine große Mission: Der gebürtige Australier und einstige Arzt will, dass erwachsene und zurechnungsfähige Personen Zugang zu Suizidmethoden haben, ohne dass Mediziner involviert sind und ihre Zustimmung geben müssen.

Das ist heute in der Schweiz und in vielen weiteren Ländern der Fall: Sterbehilfe gibt es nur dann, wenn ein Arzt die Zurechnungsfähigkeit attestiert und ein Rezept für das tödliche Mittel Pentobarbital ausgestellt hat. Diese „Richterrolle der Ärzte“ sei eine Zumutung, sagte Nitschke in einem Gespräch.

Sein neues Halsband sollen Sterbewillige sogar selbst herstellen können. Es heißt Kairos, wie der griechische Gott des rechten Zeitpunkts. Den Namen sollte ursprünglich die Suizidkapsel tragen, doch Nitschke entschied sich dann für Sarco. Die Kapsel kam im September 2024 in einem Waldstück in Schaffhausen erstmals zum Einsatz, eine Amerikanerin starb darin.

Das Verfahren der Schaffhauser Staatsanwaltschaft in der Causa Sarco läuft immer noch. Dies, obwohl der Hauptbeschuldigte, Florian Willet, nicht mehr lebt. Der Deutsche leitete die Organisation The Last Resort, die die Suizidkapsel für Nitschke in die Schweiz brachte.

Die Schaffhauser Behörden setzten Willet nach der Sarco-Premiere für zehn Wochen in Untersuchungshaft, weil sie selbstsüchtige Motive vermuteten. Die lange Zeit im Gefängnis stürzte den Aktivisten in eine schwere psychische Krise, er nahm sich im Mai 2025 in Köln das Leben.

Trotz dieser tragischen Ereignisse und der weiterhin unklaren juristischen Situation will Nitschke nun auch sein neues Suizidhalsband zuerst in der Schweiz zur Anwendung bringen – und dabei von der verhältnismäßig liberalen hiesigen Gesetzgebung profitieren. Diese Pläne hat er dem „Beobachter“ offengelegt. Details will er noch im Februar auf einer Pressekonferenz bekannt geben. Als erste Anwenderin soll sich eine niederländische Patientin zur Verfügung stellen.

Die Lücke, die Florian Willet hinterlassen hat, ist laut dem „Beobachter“ ebenfalls geschlossen: Der neue Chef von The Last Resort heißt Marc Dusseiller. Der 50-jährige Schweizer ist ETH-Absolvent und trat bisher als Künstler und Biohacker in Erscheinung. So hat er eine Onlineplattform gegründet, die Biotechnologiewissen öffentlich zugänglich machen soll.

Dusseiller kritisiert die Schaffhauser Staatsanwaltschaft für die lange Verfahrensdauer im Fall Sarco: Seit einem halben Jahr hätten die Beteiligten nichts von der Staatsanwaltschaft gehört. Nicht einmal für den verstorbenen Florian Willet sei eine Einstellungsverfügung ergangen. Die Suizidkapsel, in der die Amerikanerin starb, ist laut Nitschke weiterhin konfisziert.

Das Suizidhalsband ist nicht das einzige neue Gerät, an dem der 78-Jährige arbeitet. Bald will er den Doppelsarco vorstellen, der Paaren den gemeinsamen Suizid ermöglichen soll. Und auch das Suizidimplantat verfolgt er weiter, wie er bei der Veranstaltung im Dezember sagte. Das ins Bein eingesetzte Gerät soll ein tödliches Gift freisetzen, wenn der Träger vergisst, es zu deaktivieren.

Auf diese Weise will Nitschke das „Demenz-Dilemma“ lösen: das Problem, dass demente Personen in den meisten Ländern keine Sterbehilfe mehr bekommen können, weil sie nicht mehr urteilsfähig sind. Dies gilt auch dann, wenn eine Person in einer Patientenverfügung klar festgehalten hat, dass sie bei fortgeschrittener Demenz nicht mehr leben wolle.

Dieser Text erschien zuerst in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

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