Zürich  „Ich = smarte Assistentin“ – wie eine Bankmitarbeiterin aus Zürich Jeffrey Epstein junge Frauen vermittelte

Florian Schoop, Eike Hoppmann, Forrest Rogers, Jasmine Rueegg (Illustration)
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Von Florian Schoop, Eike Hoppmann, Forrest Rogers, Jasmine Rueegg (Illustration)
| 15.02.2026 06:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 14 Minuten
Immer mehr Namen und Informationen tauchen in den Epstein-Akten auf. Foto: AP
Immer mehr Namen und Informationen tauchen in den Epstein-Akten auf. Foto: AP
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Eine Russin führte über Jahre hinweg eine enge Verbindung mit Jeffrey Epstein. Sie stellte ihm junge Frauen vor – und erhielt Geld für ihre Ausbildung und einflussreiche Kontakte. Der Fall zeigt, wie Schuld und Abhängigkeit in Epsteins Umfeld verschwimmen.

Es ist der Abend des 16. März 2015, als in Jeffrey Epsteins Gmail-Account eine E-Mail aus der Schweiz eintrifft. Betreff: „Re: Fotos“. Sie stammt von einer jungen Frau, nennen wir sie Alina Selnowa. Sie ist Praktikantin bei der liechtensteinischen Bank LGT in Zürich – und verschickt mehrere Fotos einer Frau. Unterhalb der E-Mail ist die Signatur der LGT-Bank zu sehen.

Antwort: Selnowa: „Sie träumt davon, New [York] zu besuchen, und freut sich darauf, dich kennenzulernen. [Name geschwärzt] war ein Unterwäschemodel, […] nun Kosmetikerin.“

Antwort: Epstein: „Danke, dass du es versucht hast. Aber das passt nicht. Danke.“

Antwort: Selnowa: „Okay. Nicht hübsch genug, oder willst du eine Clevere? Ich = schlaue Assistentin. ;-)“

Der Mann, der hier mit der jungen Bankangestellten schreibt, ist zu jener Zeit ein mächtiger und schwerreicher Financier aus New York. Ein gut vernetzter Matchmaker unter den Schwerreichen. Aber auch ein verurteilter Sexualstraftäter, dessen Akten heute zeigen, wie systematisch er junge und minderjährige Frauen über ein weltweites Netzwerk anwarb und kontrollierte: Jeffrey Epstein.

Bereits 2008 bekannte er sich schuldig wegen Sexualverbrechen gegen Minderjährige. Das hielt viele Menschen aber nicht davon ab, sich weiterhin mit Epstein einzulassen – sogar bis zu seiner erneuten Verhaftung im Juli 2019 und seinem Tod in einem Gefängnis in New York gut einen Monat später.

Zu den Menschen, die mit ihm bis zum Schluss Kontakt hatten, gehört auch Alina Selnowa – ein Pseudonym. Ihr Name wurde anonymisiert.

Diese Redaktion konnte Dutzende E-Mails und Textnachrichten zwischen ihr und Epstein über einen Zeitraum von acht Jahren dokumentieren. Möglich war das, weil das amerikanische Justizministerium die neuesten Epstein-Akten vor der Veröffentlichung teilweise nur ungenügend geschwärzt hat. Bald war Selnowas echter Name sichtbar, bald ihre E-Mail-Adresse oder ihre Telefonnummer. Andere Dokumente ließen sich anhand von Inhalt und Form mit ausreichender Sicherheit zuordnen.

Manches aber bleibt in der langjährigen Beziehung zwischen Selnowa und Epstein auch unklar. Die E-Mails und Whatsapp-Chats aus den publizierten Epstein-Files weisen immer wieder Lücken auf. Selnowa selbst will sich auf Anfrage nicht zum Fall äußern.

Dennoch geben die Akten Aufschluss darüber, wie die Bankangestellte unter anderem von der Schweiz aus Jeffrey Epstein umgarnte und womöglich selbst ein sexuelles Verhältnis mit ihm hatte. Wie sie für ihr Jurastudium Geld erhielt – und ihm im Gegenzug jahrelang junge Frauen vermittelte.

Es ist die Geschichte einer Frau, die sich auf Epstein einließ, die erkannte, wie er manipulierte – und die trotzdem weitermachte, bis zu seinem Tod.

Alina Selnowa ist schon sehr früh sehr erfolgreich. Als Wintersportlerin nimmt sie im Teenageralter für ihr Heimatland Russland an den Olympischen Winterspielen teil.

Doch sie will mehr als Sport. Sie träumt von einer internationalen Karriere. Bei der Uno, am liebsten als Uno-Generalsekretärin, wie sie in einem Motivationsschreiben an eine amerikanische Eliteuni erwähnen wird. Auch das ist in den Epstein-Files zu finden.

2008 beginnt sie ihr Jurastudium an der Pariser Universität Sorbonne. In Frankreich scheint sie zum ersten Mal mit Jeffrey Epstein Kontakt zu haben. Jahre später wird sie in einer E-Mail den schwerreichen Unternehmer daran erinnern, dass sie sich im Pool des Hotels Ritz an einem sonnigen Augusttag kennengelernt haben.

Aus den Epstein-Akten geht hervor, dass spätestens ab 2011 ein reger E-Mail-Austausch zwischen den beiden stattfindet. In einer frühen E-Mail vom 4. August 2011 schreibt die damals Anfang 20-jährige Masterstudentin:

Antwort: Selnowa: „Ich möchte, dass du mein Beziehungscoach bist. Du bist so gut darin. Bring mir alles bei über Flirten, Sex, Männer und ihre Wahrnehmung von Frauen. Das könnte so viel Spaß machen.“

Die E-Mail-Verläufe zeigen vieles: wie sich Epstein und Selnowa über ihr Studium austauschen. Über Alltägliches wie kaputte Laptops oder Ferien am Lago Maggiore. Epstein gibt Karrieretipps, redigiert das Motivationsschreiben für die amerikanische Eliteuni.

Doch immer wieder geht es auch um Sex. Epstein scheint dabei gar nicht verbergen zu wollen, dass er bereits zu dem Zeitpunkt ein verurteilter Sexualstraftäter ist, wie aus dieser E-Mail vom August 2011 hervorgeht.

Antwort: Selnowa: „Wie du mich gebeten hast, habe ich dich gegoogelt. Na ja – vielleicht sind junge Mädchen deine Leidenschaft, so wie Snowboarden meine ist. Ich hab jedenfalls keine Angst.“

Alina Selnowa schickt nun intime Inhalte über sich, Bikinifotos, anzügliche Botschaften. Und schon bald auch Bilder von jungen Frauen, die sie für Treffen mit Epstein vorschlägt. So etwa im Oktober 2011.

Antwort: Epstein: „Hast du eine neue Freundin für mich?“

Antwort: Selnowa: „Oh, ich möchte dich nicht teilen, sondern für mich alleine behalten. ;) Ich hätte zwei Kandidatinnen, wenn du möchtest: ein russisches und ein österreichisches Mädchen, beide smart und blond.“

Sie sprechen über vermittelte Frauen. Darüber, wie sie sich gegenüber Epstein verhalten.

Antwort: Selnowa: „[Name geschwärzt] sagt, dass sie ihren Körper inzwischen mehr mag und dank deiner Begeisterung weniger schüchtern ist wegen ihrer Brustwarzen – du bist ein Arzt gegen Schüchternheit.“

Antwort: Epstein: „Das ist lustig: Du wirkst schüchtern, bist es aber nicht. Sie wirkt nicht schüchtern, ist es aber.“

Die E-Mails der Jahre 2012 und 2013 zeigen auf, wie die Beziehung zwischen Alina Selnowa und Jeffrey Epstein funktionierte: Epstein manipuliert, tadelt. Er hilft – und entzieht Hilfe. Selnowa wiederum versucht, mit der Vermittlung junger Frauen Loyalität zu beweisen.

In den Akten erscheint sie als Abhängige und Täterin zugleich. Eine Rollenvermischung, die in Epsteins Umfeld immer wieder zu beobachten ist. Dies zeigt auch ein E-Mail-Verlauf aus dem Oktober 2012.

Zu jener Zeit hat Alina Selnowa einen Aufenthalt in Australien absolviert. Dort soll sie gemäß den E-Mails, die sie an Epstein schickte, auch als Escort-Dame gearbeitet haben – um ihr Studium zu finanzieren.

Antwort: Selnowa: „Jeffrey, willst du mich sehen, oder bist du nur an mir interessiert, weil ich schöne Frauen für dich gefunden habe?“

Antwort: Epstein: „Dein Job in Sydney hat dich [...] hart gemacht. Du benimmst dich auf eine sehr billige, vulgäre Art. Wenn das nicht mehr zu reparieren ist, können wir keinen Kontakt mehr haben.“

Antwort: Selnowa: „Billig, vulgär – was meinst du damit?“

Antwort: Epstein: „Lies deine E-Mails an mich noch einmal. Dann urteile.“

Antwort: Selnowa: „Ich hoffe wirklich, dass ich mich irre und wir weiter Freunde sein können wie letztes Jahr.“

Antwort: Epstein: „Ich habe dir immer wieder geholfen [...] ich habe deine Kurse bezahlt. Aber du hast nicht zugehört. [.. ] Du hast früher nicht Dinge versprochen und dann nicht geliefert – das ist nicht gut.“

Dass Alina Selnowa klar sein dürfte, was mit den Frauen geschieht, die sie Jeffrey Epstein vermittelt, geht aus einer E-Mail hervor, die sie ihm im März 2013 schickt. Zu jener Zeit befindet sie sich gerade in Paris.

In der E-Mail bedankt sie sich zuerst für ein iPad mini, das Epstein ihr schenken will, sie bettelt um ein neues iPhone, erzählt von ihren Karriereplänen – und dann schreibt sie von drei Frauen, die sie Epstein vermittelt. Eine von ihnen sei „eine heiße und intelligente Französin mit marokkanischen Wurzeln“.

Antwort: Selnowa: „Manchmal denke ich, dass ich deine Ghislaine Maxwell aus Paris bin, haha [...] Aber: Wenn du vorhast, mit diesen Mädchen zu spielen, dann sei bitte vorsichtig und zieh mich da nicht hinein. Ich will, dass diese Freundinnen einen guten Eindruck von mir behalten, und möchte nicht als „Zuhälterin“ bezeichnet werden. Du verstehst, was ich meine.“

Ein gutes Jahr später, 2014, scheint Alina Selnowa selbst zu realisieren, wie gefährlich Epstein ist. Im Juli schreibt sie ihm dies ziemlich direkt.

Antwort: Selnowa: „Du hilfst Menschen, Jeffrey. Du bist der talentierteste Psychologe und der gefährlichste Manipulator, dem ich je begegnet bin. Du bringst Menschen dazu, an sich selbst zu glauben, du gibst ihnen Selbstvertrauen und stachelst sie an, die unglaublichsten Dinge zu tun. Du machst es so, dass sie dir im Gegenzug alles geben, was du verlangst.“

Diese Einsicht aber führt nicht dazu, dass sich Alina Selnowa von Epstein abwenden würde. Im Gegenteil, sie macht weiter, verschickt Fotos und Lebensläufe von jungen Frauen aus ihrem Umfeld, fragt Epstein, ob es ihm Spaß mache, auf seiner Insel nackt zu schwimmen – und witzelt über schüchterne Frauen.

Antwort: Selnowa: „[Name geschwärzt] klingt so, als habe sie etwas Angst davor, jemanden, den sie nicht kennt, in seinem Haus zu treffen. Aber ich habe ihr gesagt, dass du so nett und sanft bist. :) Jeffrey… Du könntest ihr bestimmt Mut machen, da bin ich sicher. ;)“

Im Oktober 2014 schreibt Alina Selnowa, dass sie auf der Suche nach einem Job in Zürich sei. Sie bittet Epstein um Hilfe – und schreibt, sie würde gerne Freunde von ihm aus dem Bereich Wealth-Management oder Private Banking in Zürich kennenlernen. Selnowa berichtet über eine Möglichkeit, bei der Credit Suisse zu arbeiten.

Antwort: Selnowa: „Lass uns die Credit Suisse überzeugen, dass ich die richtige Person bin für den Job, mein liebster Jeffrey!! Kennst du vielleicht jemanden, der drei Millionen in diese Bank bringen möchte? Sie sagten, wenn ich mit einem Klienten käme, würden sie mich sofort einstellen. :)“

Antwort: Epstein: „Nehmen sie US-Bürger?“

Etwas später, im März 2015, beginnt Alina Selnowa ihr viermonatiges Praktikum bei der LGT-Bank in Zürich. Manche E-Mails, die sie damals an Epstein schreibt, enthalten die Signatur der Bank. Es ist die Zeit, als sie von sich schreibt: „Ich = smarte Assistentin“.

Es ist auch jene Zeit, in der immer deutlicher wird, dass Jeffrey Epstein die junge Russin finanziell unterstützt – für ihr späteres Studium an der Berkeley-Universität in Kalifornien. Im März 2014 fragt sie:

Antwort: Selnowa: „Möchtest du mich einstellen, damit ich für dich arbeite und so die Studiengebühren zurückzahlen kann?“

Antwort: Epstein: „Keine Rückzahlung nötig.“

Antwort: Selnowa (April 2015): „Hattest du Gelegenheit, die 1000 Dollar nach Berkeley zu überweisen?“

Antwort: Epstein: „Ja, hab’s geschickt.“

Im gleichen E-Mail-Austausch sendet Selnowa Fotos von zwei Frauen mit russischen Vornamen. Sie fragt, ob Epstein sie treffen möchte. Eine Antwort ist in den Akten nicht vermerkt. Der Austausch zeigt jedoch, wie hier eine Art Tauschgeschäft entstanden sein könnte.

Frauen gegen Geld.

Eine Formel, die in der Zukunft noch mehrfach in den Akten auftaucht.

Zu jener Zeit treibt Alina Selnowa ihre internationale Karriere voran. Nach ihrem Praktikum bei LGT in Zürich lebt sie gemäß ihrem Linkedin-Konto in Monaco und arbeitet unter anderem bei der HSBC-Bank. Später erhält sie laut den Angaben auf Linkedin eine Stelle in Zürich – bei der UBS als Kundenbetreuerin im Wealth-Management.

In der folgenden Zeit scheint Alina Selnowa ihren Nebenjob für Jeffrey Epstein beizubehalten.

Antwort: Selnowa: „Ich habe [Name geschwärzt] aus Zürich als Assistentin für dich. Ich habe dir ihre Fotos schon einmal geschickt. :) [...] Ich habe hier in Zürich ein paar neue [Kandidatinnen], aber noch keine in New York oder Paris.“

2016 zieht sie gemäß Akten in die USA. Dort arbeitet sie laut einem Artikel in einer Fachzeitschrift an ihrem dritten Masterabschluss – an der Berkeley-Universität in Kalifornien.

Generell sind in den Akten viele E-Mails von Alina Selnowa vermerkt – aber wenige Antworten von Jeffrey Epstein. Wenn der Financier antwortet, dann oft einsilbig und mit vielen Tippfehlern. Und manchmal hart, so wie im April 2017.

Antwort: Selnowa: „[Ich versuche], dir in einer E-Mail Zusammenfassungen der Lebensläufe, Videos der Bewerberinnen und deren Fotos zu schicken. [...] Ich wäre dir sehr dankbar für den zweiten Teil des Stipendiums, damit ich dieses Studium abschließen und in den USA Anwältin werden kann. Ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen.“

Antwort: Epstein: „Was brauchst du für Berkeley? [...] Ich weiß nicht, warum du mir eine 28-Jährige schickst, wenn die Anforderungen anders sind. Deshalb kannst du nicht für mich arbeiten. In der echten Geschäftswelt gilt: Anweisungen strikt befolgen.“

Antwort: Selnowa: „Ihr Aussehen und ihre Intelligenz passen eher zu dem, wonach du vielleicht suchst. [...] Aber okay, niemand mehr über 24! Entschuldige dafür. [.. ] Berkeley-Kosten: 27.500 Dollar Studiengebühren, 1000 Versicherungen und 4000 für das Uni-Wohnheim.“

Antwort: Epstein: „Mein Punkt ist: Im Geschäftsleben muss man einfach genau das tun, was einem gesagt wird. Deine Tendenz, eigene Gedanken hinzuzufügen, ist im Business ein großer Nachteil. Tut mir leid. Ich versuche dir zu helfen. [...] Aber du musst zwei Kandidatinnen liefern – mit deiner vollen Empfehlung. Dann werde ich helfen. [...] Das ist Oberstufenniveau.“

Nach diesem Schriftwechsel werden die E-Mails in den Akten zwischen Epstein und Selnowa seltener. Die Korrespondenz dreht sich 2018 vor allem um geschäftliche Kontakte mit Epstein. Aufschlussreicher ist ein Whatsapp-Chat der beiden aus dem Jahr 2019.

Er beginnt im Mai, also genau zwei Monate vor der Verhaftung von Jeffrey Epstein – und drei Monate vor seinem Tod.

Im Chat geht es wie immer auch um Alltägliches, um ein Akne-Medikament etwa, das Selnowa gerade einnimmt. Es gibt Hinweise darauf, dass sich die beiden in Online-Meetings treffen. Zudem schreibt Selnowa, sie sei wieder einmal in Davos.

Davos, ein Ort, an dem sie gemäß ihrem Linkedin-Konto Appartements für hochrangige Gäste während des World Economic Forum vermietet. Davos scheint für Alina Selnowa eine Schweiz-Konstante zu sein, die anscheinend auch nach ihrem Wegzug in die USA bestehen bleibt.

Und dann kommt der 6. Juli 2019 – jener Tag, an dem Jeffrey Epstein gegen Abend mit seinem Privatjet auf einem kleinen Flughafen in New Jersey landet und sogleich verhaftet wird. Nur Stunden zuvor schickt Alina Selnowa Epstein im gemeinsamen Whatsapp-Chat eine lange Nachricht. Sie schreibt, dass sie in der Schweiz in Ungnade gefallen sei – wegen ihrer Tätigkeit für Jeffrey Epstein.

Antwort: Selnowa: „[Name geschwärzt], den du kennengelernt hast, spricht seit sechs Monaten nicht mehr mit mir. Er sagte – nachdem ich ihn endlich ans Telefon bekommen hatte [...] –, der Grund sei, dass ich für dich Assistentinnenstellen ausgeschrieben hätte und so ‚absichtlich und wissentlich indirekt Mädchen in Gefahr‘ brächte. Das hat mich denken lassen, dass ich sehr dumm war – und du mir nichts über meine Dummheit gesagt hast.“

Antwort: Selnowa: „Außerdem habe ich in Zürich, bei der UBS und in anderen Schweizer Kreisen den schlimmsten Ruf. [...] Als [Name geschwärzt] letzten Sommer aus Zürich zurückkam, war sie schockiert, wie schlecht die Leute über mich reden, wegen meines Nebenjobs als Recruiterin für einen Geschäftsmann aus New York.“

Antwort: Selnowa: „Wie auch immer. Es war wohl der Preis, den man für Berkeley zahlt. Und ich urteile nicht und beschwere mich nicht. Stell mich irgendwann als Anwältin ein – viel besser, als dich mit Damen zu versorgen.“

Antwort: Epstein: „Unsinn.“

„Unsinn.“ Das ist die letzte Antwort, die Alina Selnowa gemäß Akten von Jeffrey Epstein erhält.

Vieles an dieser Beziehung zwischen Alina Selnowa und Jeffrey Epstein bleibt unklar. Warum schickte sie ihm jahrelang Fotos, Namen und Lebensläufe junger Frauen, wo sie doch zu wissen schien, wer Epstein wirklich war? Und was wusste sie darüber, wie es diesen Frauen später ergangen ist?

Die Redaktion hat Alina Selnowa um eine Stellungnahme gebeten. Die heutige Mittdreißigerin ließ eine Anwältin aus Florida antworten. Sie erklärte, ihre Mandantin sei ein Opfer Epsteins, ihr Name sei versehentlich ungeschwärzt veröffentlicht worden, was nun vom amerikanischen Justizministerium korrigiert werde. Auf die Nachfrage, wie sie die Opferrolle Selnowas konkret begründe, antwortete die Anwältin nicht.

Klar ist: Nach der Anfrage nahm Alina Selnowa, die mittlerweile Unternehmerin und Investorin im Kryptobereich ist, ihre eigene Website vom Netz. Ebenfalls wurden einige der Akten in den Epstein-Files mit ihrem Klarnamen vom amerikanischen Justizministerium offline genommen.

Opfer oder Täterin? Die Akten erzählen eine Geschichte, die eine eindeutige Einordnung erschwert – auch darum, weil Alina Selnowa selbst dann noch Nachrichten an Jeffrey Epstein schickt, als dieser schon im Gefängnis sitzt. Laut Akten sind es die letzten. Einen Monat später ist der Sexualstraftäter tot.

Antwort: Selnowa (in der Nacht nach der Verhaftung): „Jeffrey, geht es dir gut?“

Antwort: Selnowa: „Ich habe gerade die Nachrichten gelesen. Bist du zu Hause? Sie haben dich doch nicht irgendwohin mitgenommen? Was meinen sie mit Verhaftung?“

Antwort: Selnowa: „Jeffrey, nimm Ayahuasca [halluzinogenes Getränk], das wird deine Intuition noch mehr stärken. Ich komme gerade von einem 5-tägigen Retreat. [...] Es ist besser als Sex, Erfolg oder irgendetwas anderes, was ich je erlebt habe. Vergleichbar mit Olympia.“

Antwort: Selnowa (vier Tage nach der Verhaftung): „Jeffrey, ich mache mir Sorgen. Wie geht es dir? “

Dieser Text erschien zuerst in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

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