Schleswig-Holstein  Babyboomer in Deutschland – die verunglimpfte Generation

Carlo Jolly
|
Von Carlo Jolly
| 09.02.2026 13:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
So stellen sich Jüngere die Generation babyboom am liebsten vor: Rentner schaut optimistisch in die Zukunft, Geldscheine spiegeln sich in seiner Brille, Altersvorsorge, Rente, alles stimmt. Foto: Wolfgang Maria Weber
So stellen sich Jüngere die Generation babyboom am liebsten vor: Rentner schaut optimistisch in die Zukunft, Geldscheine spiegeln sich in seiner Brille, Altersvorsorge, Rente, alles stimmt. Foto: Wolfgang Maria Weber
Artikel teilen:

Ein Kunstwort wird zum Synonym eines vernichtenden Vorurteils: Wie der Begriff Boomer zum Schimpfwort verkam – und warum das den Babyboomern in Deutschland nicht gerecht wird.

Babyboomer – sind das nicht diese grauhaarigen Herrschaften, die auf gut bezahlten Arbeitsplätzen mit richtigen Tarifverträgen sitzen, und zwar exakt so lange, bis sie abschlagsfrei in Rente gehen können? Am besten natürlich schon mit 63 Jahren: private Altersversorgung, Betriebsrente, Rentenantrag, alles klar.

Im Privatleben hatten sie noch die heute ganz und gar unmögliche Chance auf ein eigenes Haus, das sie auch jetzt noch verteidigen, nachdem die maximal zwei Kinder aus der 120-Quadratmeter-Immobilie lange ausgezogen sind. Ins Büro fahren sie allein mit einem ebenfalls zu großen, spritfressenden Auto. Im Urlaub jetten sie mindestens zweimal jährlich um die halbe Welt.

Versteht sich von selbst, dass Babyboomer mit ihrem Renteneintritt die deutsche Wirtschaft in den Abgrund reißen. Zugleich kassieren sie die letzten Fabelrenten, bevor das Umlagesystem unter dem Gewicht der tonnenschweren Rentenjahrgänge 1963 und 1964 in Kürze in sich zusammenbrechen wird. Habe ich etwas vergessen? Natürlich die Pflege: Welche verlorene, spätgeborene Generation hat die Stärke, diesen doppelten Oberbauch der Bevölkerungspyramide auch noch jahrelang zu pflegen?

Dabei hat meine Generation nur ein einziges Problem: Wir sind eben – für uns ganz zufällig und nicht mehr zu ändern – viele.

Diese Generation funktioniert super als Prellbock für die folgenden. Vermutlich haben Soziologen aus der Trend- und Zeitgeist-Forschung die Jüngeren nur aus einem Grund als Generationen X, Y und Z betitelt: Weil dies die nicht bewiesene Aussage verstärken soll, dass sie eben ganz am Ende kommen? Und sowas von mit dem Rücken zur Wand stehen, ganz gleich, wohin man blickt: ob auf die Rentenlücke, den Pflegeschock oder die Klimakrise.

Beginnen wir mit den Klimaveränderungen: Wenn ich jetzt damit anfinge, dass ich ins Büro grundsätzlich mit dem Fahrrad oder mit dem Bus und für Dienstfahrten fast nur noch Bahn und Bus nehme oder dass meine letzte Flugreise bereits länger zurückliegt als die Jahrtausendwende: Würde das jemand glauben?

Das führt also nicht weiter. Lieber soll Scotty von der Crew des Raumschiffs Enterprise uns einmal kurz ins Jahr 1983 beamen, als die zentralen Boomerjahrgänge von der Schule gingen. So rund um 1983 eben. Das war das Jahr, in dem der frischgewählte Bundeskanzler Helmut Kohl jedem Jugendlichen eine Lehrstelle versprach, am Ende aber mindestens 50.000, wenn nicht 100.000 Ausbildungsplätze fehlten.

Also Alternative Studium? 1983 war leider auch das Jahr, in dem die Bafög-Förderung vom Zuschuss auf Darlehen umgestellt wurde. Wer zwischen 1983 und 1990 mit Bafög studierte, startete ins Berufsleben mit einer deutlich fünfstelligen Schuldenlast. Zum Glück noch in D-Mark. Danach gab‘s wieder Teildarlehen.

In stark nachgefragten Fächern wie Medizin war es zudem die Zeit des Numerus-clausus-Schocks: Nicht einmal ein Traumabitur mit 1,0 garantierte noch einen Studienplatz. Das Ticket zum Medizinstudium ging häufig nur über mehrere Wartesemester und etliche seltsame Aushilfsjobs.

Oder das Pädagogikstudium: Ganze Jahrgänge von Lehramtstudenten wurden vom Staat nach dem Examen einfach nicht mehr gebraucht. Deutschlehrer wurden in den 80er-Jahren irgendwann Dolmetscher, Buchhändler, Journalisten oder gleich arbeitslos.

Zwischen 1980 und 1985 hat sich die Arbeitslosenzahl in der alten Bundesrepublik von knapp 890.000 auf 2,3 Millionen fast verdreifacht. Mit der Ankunft der Boomer auf dem Arbeitsmarkt begann nicht von ungefähr die Massenarbeitslosigkeit. Ist die Generation „No Future“ einfach in Boomer umbenannt worden – und keiner hat es bemerkt?

Nein, das Problem schon der jungen Babyboomer war: Für zu vieles waren wir leider zu viele. 50 Bewerbungen und am Ende zwei Einladungen zum Bewerbungsgespräch im Harz und an der niederländischen Grenze – so war das noch nach dem Studium im Jahr 1990. Helmut Kohl war gerade zum dritten Mal wiedergewählt worden.

Und heute? Nach 45 Jahren Studium und Arbeitsleben sollen diejenigen Boomer, die nicht mehr können, nicht gehen dürfen?

Zur Wahrheit der Babyboomer gehört indes auch: Viele wollen sehr wohl noch. Oder müssen, weil die eigene Arbeitsbiografie Startschwierigkeiten, Brüche und Phasen der Arbeitslosigkeit hatte. Unter den 55- bis 64-Jährigen gab es vor zehn Jahren in Schleswig-Holstein 144.000 Arbeitnehmer, heute sind es 253.000. Und die Zahl der über 60-jährigen Nordlichter in festen Jobs hat sich binnen zehn Jahren auf fast 130.000 sogar mehr als verdoppelt.

Natürlich haben die Generationen X, Y und Z mit wachsenden und von der Politik ungelösten Problemen zu kämpfen. Aber bei den Boomern war das eben nicht anders.

Der Autor Carlo Jolly gehört zum zweitgeburtenstärksten Jahrgang 1963. Er legte 1983 sein Abi ab, studierte zwischen 1984 und 1990 in Marburg und Berlin. Seit 1990 lebt er in Schleswig-Holstein und arbeitet seitdem in der shz-Redaktion.

In der nächsten Folge der vierteiligen Reihe erzählt Kay Müller seine Geschichte als Kind der 70er Jahre: Generation X.

Ähnliche Artikel