Osnabrück  Osnabrücks Grünkohlthron neu besetzt: Ist Dietmar I. der beste König aller Zeiten?

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 06.02.2026 23:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nach diesem König haben sich alle gesehnt: Dietmar I. hat am Freitagabend sein Amt angetreten. Foto: Steve Weber
Nach diesem König haben sich alle gesehnt: Dietmar I. hat am Freitagabend sein Amt angetreten. Foto: Steve Weber
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Das wohl wichtigste Amt im Einzugsgebiet der Hase ist wieder männlich besetzt. Und wie: Mit König Dietmar I. gelang den Organisatoren der Osnabrücker Mahlzeit ein historischer Coup. Der Auftritt des neuen Monarchen war ein Meilenstein in der Historie der Grünkohlspeisung

Einmal im Jahr liegt der Geruch von Grünkohl in der Osnabrückhalle unverkennbar in der Luft: Der Verkehrsverein Stadt und Landkreis Osnabrück (VVO) hat dann wieder mal zur Osnabrücker Mahlzeit geladen. Dabei geht es vorrangig darum, viel Grünkohl zu essen und einen neuen König zu küren. Ein wenig geht es auch darum, nachzuspüren, welche Identität sich Osnabrück und umzu eigentlich geben wollen. Seit Freitagabend ist die Region dabei einen Schritt weiter: Das Grünkohlvolk hat offenbar endlich den Regenten gefunden, nach dem es sich lange gesehnt hat.

Fast genau um 20 Uhr eröffnete VVO-Vorsitzender Felix Osterheider am Freitagabend den 1250 Gästen, wem der VVO die Grünkohlkönigswürde für das kommende Jahr antragen konnte: Es wird ein Dietmar. Dietmar Wischmeyer, um genau zu sein. 68 Jahre, Autor, Kolumnist und Satiriker, bekannt aus Funk und Fernsehen.

Ein großer Coup, den der scheidende Osterheider da aus dem Ärmel geschüttelt hat. Wischmeyer ist nicht nur im Osnabrücker Land geboren. Er repräsentiert auch viel, was den Landstrich ausmacht.

So ist dem Wikipedia-Eintrag des neuen Königs zu entnehmen, dass der junge Wischmeyer als Kind noch gar kein Hochdeutsch konnte. Sich auch für Hannoveraner oder Berliner verständlich zu artikulieren, lernte er demnach erst auf einer Zwergschule – und zwar in Oberholsten, das heute zu Melle-Oldendorf gehört.

Der Junge vom Land studierte später Philosophie und Literaturwissenschaften. Noch später machte er sich einen Namen als Autor und Protagonist von Comedyformaten, die sich durch derbe Zoten und feinen Sprachwitz auszeichnen.

Wischmeyers Humor funktioniert im Schweinestall, bringt aber auch Feuilletonisten zum Schmunzeln. Kein schlechter Regent also für eine Region, die ihre Identität bei Grünkohl und irgendwo zwischen Remarque und Rübenäckern sucht.

Identitätsbildung ist auch das eigentliche Anliegen, dem sich der VVO seit vielen Jahren verschrieben hat. Der Vorsitzende Felix Osterheider wirft dazu im Vorgespräch einen Rückblick auf die Genese dessen, was heute das Osnabrücker Land ist: ein Oberzentrum und ein bei der Gebietsreform von 1972 ziemlich willkürlich zusammengeschusterter Landkreis, in dem sich Identität mehr in Orten und Ortsteilen bildet als im Bewusstsein einer gemeinsamen Region.

Dass all das ein wenig besser zusammenwächst, dass Leute zusammenkommen und Verbindungen entstehen, ist ein Anliegen des Vereins.

Der neue Grünkohlkönig, so viel ist klar, will das Gemeinschaftsgefühl forcieren und der ganzen Gegend ein identitätspolitisches Programm par excellence verordnen: Dietmar I. kündete an, Stadt und Landkreis zu einem eigenständigen Bundesland zu machen.

Die Bedingungen seien gut, schließlich habe das künftige Bundesland Osnabrück kostspielige Infrastrukturprojekte wie das Autobahnkreuz Osnabrück-Lotte und den Flughafen Münster/Osnabrück nach Westfalen ausgelagert. Ein cleverer Schachzug, von dem Pleite-Länder wie Bremen nur träumen könnten.

Der visionäre Dietmar I. folgt auf Grünkohlkönigin Barbara I. Die Regentin hatte 2025 als erste Frau in der 71-jährigen Geschichte der Osnabrücker Mahlzeit den Thron bestiegen. Es war der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die Jahre zuvor begonnen hatte. Denn lange war die Osnabrücker Mahlzeit ein reines Männer-Ding.

Über viele Jahre verdichteten sich allerdings die Gerüchte, dass ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung zwischen Glandorf und Menslage weiblichen Geschlechts sein soll. Irgendwann war das einfach nicht mehr wegzureden.

Der VVO rang lange mit sich, ob daraus folgen könne, dass auch Frauen bei der Grünkohlspeisung vertreten sein dürften – und ein klein bisschen wurde er womöglich auch zu diesem Ringen getragen. Im November 2022 wagten Vorstand und Beirat dann Revolutionäres und öffneten die Mahlzeit der Damenwelt.

Auch im Februar 2026 waren rund 10 Prozent Besucherinnen an den Tischen. Dennoch hat das Patriarchat das Zepter fürs Erste wieder fest in die Hand genommen. Nach der herzlichen Verabschiedung für Barbara Hartung machte König Dietmar klar: Die Geschlechterfrage sei nun durch. Mal eine Regentin zu haben, das sei für die Osnabrücker Mahlzeit eine Art „Gruß aus der Küche“ gewesen. „Aber die Männer bilden immer noch die Sättigungsbeilage.“

Ein Satz mit Fettnäpfchenpotenzial, wie der polternde Monarch gleich selbst eingestand. Aber: „Als König wird man entweder geliebt oder gefürchtet. Ich habe mich noch nicht entschieden.“ Pointen, die in der Osnabrückhalle lautes Gelächter auslösten. Und vor denen niemand verschont blieb. Nicht einmal jene, von deren Gnaden Wischmeyer nun König ist.

Es sei wohl eine „Konklave von Teilzeitalkoholikern“ gewesen, die ihm die Königswürde angetragen habe, mutmaßte Wischmeyer in seiner Inthronisationsrede.

Unbestreitbar ist allerdings: Die Königsmacher haben mit dem derben, scharfzüngigen und publikumserprobten Wischmeyer in diesem Jahr einen König geliefert, wie ihn sich das Grünkohlgesellschaft lange ersehnt haben dürfte.

Die berappelte immerhin 75 Euro je Kopf, um sich an Wischmeyers Rede, an Grünkohl und an Bier zu ergötzen. Traditionell 20 Euro des Ticketpreises gehen an gemeinnützige Projekte aus der Region. In diesem Jahr teilen sich den Betrag paritätisch die Schwimmabteilung des VfL Osnabrück und der Zoo. Letzterer erhält in wirtschaftlich schwieriger Lage einen Zuschuss von 7500 Euro für die geplante Auenlandschaft mit Wasserspielfläche.

Die Schwimmer des VfL erhalten ebenfalls 7500 Euro für das Projekt „California Dreaming“, das drei Schwimmer des Vereins auf dem Weg nach Olympia beziehungsweise zu den Paralympics unterstützen will.

So bleibt der Anspruch des VVO, zum Wohle und zur Stärkung der Region zu wirken, auch an dieser Stelle gewahrt. Ein Anspruch, der dem Verein auch in Zeiten des Umbruchs eine Konstante bleiben wird. Denn an der Spitze des VVO steht nach gut elf Jahren ein Wechsel ins Haus. Felix Osterheider wird den Posten als Vorsitzender zum Ende des Monats räumen.

Ihm folgt Nicolas L. Fromm, Geschäftsleiter Digital bei NOZ/mh:n Medien und Vorstandsvorsitzender der Fromm Stiftung. Frischer Wind also, der sich ankündigt. Allem Wandel zum Trotz wird es aber auch im kommenden Jahr wieder heißen: Es lebe der Grünkohl!

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