Osnabrück  Der lange Weg: Jetzt erfüllt sich der Osnabrücker Daniel Thioune seinen Traum

Harald Pistorius
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Von Harald Pistorius
| 06.02.2026 19:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Am 8. Dezember 2018 schlägt der VfL Osnabrück den SV Wehen Wiesbaden mit 2:1, Daniel Thioune rutscht auf den Knien jubelnd Richtung Ostkurve - und setzt sich ein halbes Jahr später mit dem Aufstieg ein Denkmal in seiner Heimatstadt. Foto: Helmut Kemme
Am 8. Dezember 2018 schlägt der VfL Osnabrück den SV Wehen Wiesbaden mit 2:1, Daniel Thioune rutscht auf den Knien jubelnd Richtung Ostkurve - und setzt sich ein halbes Jahr später mit dem Aufstieg ein Denkmal in seiner Heimatstadt. Foto: Helmut Kemme
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Daniel Thioune ist der erste gebürtige Osnabrücker, der es als Trainer bis in die Bundesliga gebracht hat. An diesem Samstag (7. Februar 2026) gibt er mit 51 Jahren sein Debüt in der Eliteklasse – mit der grün-weißen Raute und dem Werder-W auf der Brust. Ein Blick zurück auf eine Fußballkarriere, die einige Male stockte, aber nie stoppte.

An diesem Samstag ist es so weit. Am 7. Februar 2026 kommt Daniel Thioune dort an, wo er immer schon hinwollte. „Irgendwann will ich mit meiner Mannschaft samstags um 15.30 Uhr antreten“ – so hat er wenige Monate nach seinem Einstieg als Profitrainer beim VfL Osnabrück sein Ziel beschrieben. Er ist spät dran, aber das war in seinem Fußballleben oft so: Ohne Hindernisse und Umwege ging es für den Osnabrücker Jungen nicht vorwärts.

Als Jugendspieler verlor er die Lust und hörte vorübergehend auf, mit 22 war er beim Post SV noch in der Bezirksklasse, erst mit 24 bekam er beim VfL seinen ersten kleinen Profivertrag. Als Trainer wartete er lange vergeblich auf seine Chance und hatte das Kapitel Profifußball schon fast abgehakt, als sich die Tür zum Nachwuchsleistungszentrum des VfL eher zufällig öffnete. 

51 Jahre musste er werden, um sich den Traum von der Bundesliga zu erfüllen. Das ist vergleichsweise alt. Sein Vorgänger Horst Steffen war zwar schon 56, als er im Sommer 2025 seinen ersten Bundesliga-Trainervertrag unterschrieb, doch das Einstiegsalter sinkt tendenziell. Im Durchschnitt der 17 Kollegen von Thioune liegt es bei 42,9 Jahren. 

Er hätte es eher schaffen können. Doch beim Hamburger SV, mit dem er 2020/21 auf gutem Kurs war, verlor der stolze Großklub die Nerven und den Glauben, dass der Novize aus Osnabrück den Traum vom Aufstieg realisieren könnte. 

In Düsseldorf war der Anlauf länger und die Ausgangsposition schwieriger. Zehn Monate nach der Entlassung beim HSV verpflichtete ihn die Fortuna für den Feuerwehr-Auftrag: Rettung vor dem Abstieg. Als der Auftrag auf Platz zehn übererfüllt war, ging es erst richtig los: Sechster, Vierter und schließlich Dritter. 

Als die Fortuna im ersten Relegationsspiel beim VfL Bochum 2025 einen 3:0-Sieg schaffte, war die Bundesliga für den Traditionsklub und seinen Trainer ganz nah. Doch es folgte ein Absturz, der grausam war und Thioune in einer Fußball-Weisheit bestärkte, die er 1999 mit dem VfL kennenlernte: Erst der K.o. von Lübeck und dann das Comeback eine Woche später. Seitdem weiß er: „Man darf sich im Fußball niemals sicher sein, bevor etwas sicher ist.“

Am 27. Mai 2024 büßte die Fortuna durch ein 0:3 im eigenen Stadion den Vorsprung ein und verlor das Elfmeterschießen mit 5:6. „Ich war 90 Minuten von der Bundesliga entfernt“, sagt Thioune, wenn er an diesen Tag zurückdenkt, „sportlich werde ich wohl keine größere Niederlage mehr erleiden als im Rückspiel der Relegation einen 3:0-Vorsprung abzugeben“. 

In solchen Momenten denkt er an sein Lebensmotto: „Lass dir von niemandem sagen, dass du etwas nicht kannst.“ Damals im Sommer 2024, haben nur wenige ihm zugetraut, die Fortuna nach diesem Debakel wieder auf Kurs zu bringen. Thioune schafft es, er bleibt sich treu und erfindet sich doch immer wieder neu. „Wir denken nicht in Problemen, sondern in Lösungen“, sagt er und weiß, aus welchen Fehlern er lernen kann. 

Obwohl die Fortuna den Kader durch Verkäufe von Leistungsträgern schwächt, reicht es zu Platz sechs. Doch es ist der Anfang vom Ende. Dass der Klub das Ziel „Bundesliga“ offensiv vertritt, macht es für den Trainer nicht einfacher. Nach acht Spielen mit nur zehn Punkten senken die Bosse den Daumen und entlassen den Trainer aus einem Vertrag, den sie gerade erst bis Juni 2028 verlängert haben. 

„Ich denke, ich kann sagen, dass ich die Fortuna durch die Vordertür verlassen habe“, sagt Thioune über das Ende seiner Zeit in Düsseldorf, wo ihn die Verantwortlichen, Spieler und Fans mit vielen guten Wünschen verabschieden.

Danach atmet Thioune nach dreieinhalb Jahren unter Strom erst einmal durch. Er genießt die „Quality Time“ mit der Familie auf Mallorca oder in Osnabrück, er schaut seinem Sohn Joshua beim Kicken in der Kreisliga zu und besucht Freunde. „Ich habe bewusst etwas Abstand gesucht vom Profifußball“, erzählt er beim Besuch des Hallenturniers um den Addi-Vetter-Cup, „aber jetzt kann es gerne bald wieder losgehen.“ 

Über Anfragen und Angebote spricht er nicht, und als es den ersten Kontakt zum SV Werder gibt, sickert sein Name nicht durch. Erst, als die Unterschrift unmittelbar bevorsteht, fällt erstmals der Name Daniel Thioune. Dass daraus von einigen Medien abgeleitet wird, er sei nur die dritte Wahl gewesen, beschäftigt ihn nicht. Er freut sich auf die Bundesliga. 

Alles, was es für ihn persönlich dazu zu sagen gibt, hat er schon im Dezember 2017 in einem noz-Interview gesagt: „Als Spieler habe ich es bis in die 2. Bundesliga gebracht, für ganz oben hat es nicht gereicht, also ist das mein Ziel als Trainer – ich will in die Bundesliga. Ich arbeite nicht mit dieser Leidenschaft, um Zweiter zu werden. Ziele dürfen keine Grenzen haben, sonst kommt man nicht ans Maximum. 15:30 ist mein Synonym für mein Ziel.“

Nun wird also der 7. Februar 2026 zum nächsten Markstein seiner Karriere und das neue Freiburger Stadion zu einem besonderen Ort für Thioune. Und Werder Bremen ist die nächste Station, die neue Herausforderung für einen Trainer, der in Osnabrück aufwuchs und hier heimisch ist.

Das wissen auch die Journalisten in Bremen, und deshalb kam bei der ersten Pressekonferenz im Weserstadion die Frage, ob Thioune nun zum A1-Berufspendler werde. Das Nein war eindeutig: „Osnabrück bleibt meine Heimat, ihr werde ich immer verbunden bleiben. Aber jetzt ist Bremen mein Zuhause, und natürlich werde ich mir hier eine Wohnung suchen.“ Genauso hat er es in Hamburg und in Düsseldorf gehalten. 

An diesem Wochenende wird er als neuer Werder-Trainer im Fokus stehen. Eine Woche später steht dann die Heimpremiere an – Bayern München kommt am 14. Februar ins Weserstadion. Und am 18. April wird das traditionsreiche Hanseaten-Duell zur Begegnung zweier Trainer, die vor acht Jahren gemeinsam Jugendliche beim VfL ausbildeten: Daniel Thioune und Merlin Polzin. 

Im Sommer 2020, nach dem Klassenerhalt mit dem VfL, verließen sie gemeinsam Osnabrück und heuerten als Chef- und Co-Trainer beim HSV an. Daniels letzter Satz im letzten Interview als VfL-Coach mit der noz lautete: „Die allermeisten in Osnabrück gönnen mir meine Chance, wünschen mir Glück und Erfolg. Das zeigt mir: Wer im Guten geht, kann im Guten wiederkommen. Wenn ich diese große Herausforderung nicht bestehe, habe ich kein Problem, mich wieder in die Schwedenhäuser des NLZ auf der Illoshöhe zu setzen und die U17 zu trainieren. Ich weiß, woher ich komme, und werde das niemals vergessen.“ 

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