Osnabrück  Einblick in Abgründe: So kam die Universität Osnabrück in die Epstein-Files

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 06.02.2026 15:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein früherer Wissenschaftler der Universität Osnabrück taucht in den Epstein-Files auf. Foto: David Ebener
Ein früherer Wissenschaftler der Universität Osnabrück taucht in den Epstein-Files auf. Foto: David Ebener
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Ein früherer Wissenschaftler der Universität Osnabrück erhielt großzügige Zuwendungen von Jeffrey Epstein. Sein Fall führt nicht zu Missbrauchsexzessen und Verbrechen. Menschliche Abgründe beleuchtet er dennoch.

Es sind Mails, in denen über die Rationalität des Faschismus sinniert wird und darüber, ob eine Gesellschaft Alte und Gebrechliche wirklich aushalten muss: Ein früherer Wissenschaftler der Uni Osnabrück pflegte über Jahre einen engen Austausch mit Jeffrey Epstein. Der Wissenschaftler, der KI-Experte Joscha Bach, distanziert sich heute klar von seinem Förderer. Der Schriftverkehr beider Männer lässt dennoch schaudern.

Bach arbeitete wohl schon gar nicht mehr an der Universität Osnabrück, als Jeffrey Epstein zum ersten Mal von ihm Notiz nahm. Das war im Jahr 2009, als Organisatoren eines KI-Workshops in Tennessee Epstein um einen finanziellen Zuschuss baten. Auf der Teilnehmerliste ist auch Bach vermerkt, ausgewiesen als Wissenschaftler des Institutes für Cognitive Science an der Uni Osnabrück. Das geht aus dem Teil der sogenannten Epstein-Files hervor, die mittlerweile veröffentlicht sind.

Bach, 1973 in Weimar geboren, ist einer der bekanntesten und renommiertesten deutschen KI-Forscher – woran die Universität Osnabrück und großzügige Förderungen durch Jeffrey Epstein einen Anteil haben. Auf eine Anfrage unserer Redaktion schreibt Bach, dass er ohne Epsteins Zuwendungen seine wissenschaftliche Karriere vermutlich nicht hätte fortsetzen können – es habe an Fördermöglichkeiten gemangelt. „Der heutige Boom der KI war damals für unsere Institutionen und Universitäten noch nicht abzusehen“, so Bach.

Der Beginn seiner Karriere wiederum liegt in Osnabrück. Bach habe ab 2003 am Institut für Cognitive Science promoviert, bestätigt ein Sprecher der Universität Osnabrück. Im Jahr 2006 schloss Bach seine Promotion dann ab – mit der Auszeichnung „magna cum laude“. In seiner Arbeit beschäftigte er sich mit der Modellierung und Simulation menschlicher Denk- und Entscheidungsprozesse. Letztmalig im Jahr 2008 habe Bach in Osnabrück ein Blockseminar gegeben, heißt es seitens der Universität. Danach habe es keine Verbindung mehr gegeben.

Wer in den Epstein-Files nach den Begriffen „Osnabruck“ oder „Osnabrueck“ sucht, findet derzeit drei Einträge. Alle drei haben Bezüge zur Universität. Einmal ist die Grafik einer wirtschaftlichen Berechnung abgebildet, die aus einer Osnabrücker Studie stammt. Zweimal finden sich Verweise auf die Uni als Institution, der Bach zugehörig war. Zu Bach selbst gibt es Tausende Suchergebnisse.

In einer Mail an den früheren Ex-US-Finanzminister Larry Summers bezeichnete Epstein Bach als seinen „Mann für künstliche Intelligenz, den ich aus Berlin mitgebracht habe“. Die Mail stammt aus dem Jahr 2014. Ein Jahr zuvor hatten Gelder von Epstein der vierköpfigen Familie Bach den Weg nach Boston geebnet. So konnte der Forscher in den USA seine Karriere fortsetzen. Nach einer Recherche des „Spiegel“ könnte Epstein Bach in den Jahren 2013 bis 2019 mit bis zu einer Million Euro gefördert haben.

Der Kontakt beider Männer verfestigte sich in dieser Zeit. Epstein und Bach pflegten einen regen E-Mail-Verkehr. Bach war zudem mindestens einmal zu Gast auf Epsteins berüchtigter Privatinsel. „Um es klar zu sagen: Ich wurde niemals Zeuge oder hatte irgendeine Kenntnis von ungesetzlichen Handlungen Jeffrey Epsteins nach seiner Verurteilung [gemeint ist Epsteins erste Verurteilung im Jahr 2008, Anm. der Red.] und hätte jeglichen Kontakt sofort abgebrochen, wenn das der Fall gewesen wäre“, erklärt Bach. Statt an verbrecherischen Orgien habe er allein an Treffen mit Wissenschaftlern und Intellektuellen teilgenommen, zu denen Epstein gelegentlich einlud.

Aus dem Mailverkehr beider Männer geht nichts Gegenteiliges hervor. Philosophische, ethische und wissenschaftliche Fragen tauchen als ein bestimmendes Thema immer wieder mal in ihrer Konversation auf. Darin geht es nicht um Mädchen, junge Frauen und kriminelle sexuelle Ausschweifungen. Dennoch eröffnen sich bisweilen Abgründe – Abgründe, zu denen sich Bach öffentlich nicht detailliert äußern will.

Der Mailverkehr zwischen dem Amerikaner und dem Deutschen war privat – und so will ihn Bach auch heute verstanden wissen. „Epstein hatte ein für mich sehr radikales und krasses (und teilweise verachtungsvolles) Menschenbild. Ich fand es interessant, mit ihm privat darüber zu diskutieren. Das heißt nicht, dass ich mit seinem Weltbild übereinstimme“, schreibt Bach.

Im Austausch der beiden Männer finden sich Passagen, die irritieren, manchmal auch schaudern lassen. So beschreibt Bach seinem Förderer einmal, dass typische Muster afrikanischer, europäischer oder chinesischer Musik womöglich Ausdruck vererbter kognitiver Strukturen des Gehirns sein könnten. Er denkt auch darüber nach, ob unterschiedliche Ethnien nicht aufgrund historischer oder biologischer Prägungen bestimmte Eigenarten, etwa in der Hirnentwicklung, ausgebildet hätten. Es sind Überlegungen, die auch für den Rassismus kennzeichnend sind.

Bach erklärt heute dazu: „Ich glaube nicht, dass das Konstrukt ‚Menschenrasse‘ die Begabungen und Unterschiede zwischen Individuen gut abbildet oder vorhersagt.“ Die wissenschaftliche Diskussion, welche Fähigkeiten in welchem Maß erblich seien und wie sich das auf ganze Populationen auswirke, sei nicht sein Fachgebiet. Weil das Thema zudem oft von Rechtsextremisten gekapert werde, wolle er sich dazu nicht öffentlich äußern.

In den Epstein-Files sinniert Bach auch darüber, ob der Klimawandel nicht als Lösung für die Überbevölkerung tauge. Die Menschen seien ansonsten nämlich eine „harte“ Spezies, die – komme es nicht zu größeren Kriegen oder Hungersnöten – keine hohe Sterblichkeit aufweise.

Die konstatierte Überbevölkerung führe in letzter Konsequenz auch zur Frage, ob Massentötungen alter oder gebrechlicher Menschen nicht legitim sein könnten – der Tod sei ja ohnehin unvermeidlich. Das Gehirn stoße unnütze Neuronen ab. Warum sollte eine Gesellschaft anders vorgehen? Diese Frage wirft Bach auf.

Die Schilderungen des Wissenschaftlers beziehen sich sichtlich auf Ideen und Vorstellungen von Epstein. Bach argumentiert auf Grundlage einer kühlen, naturalistischen Logik. Sie mündet in der Gleichsetzung der Menschheit mit einem lebenden Organismus. „Die radikale Idee, Individuen in einer Gesellschaft als Zellen zu behandeln und die Gesellschaft selbst als einen gut organisierten Körper“ – das entspräche dem Prinzip Faschismus, folgert Bach. Der sei so zumindest in der Theorie die wahrscheinlich effizienteste und rationalste Form der Regierung.

Gedankenfragmente, die Bach an anderer Stelle relativiert. Es sind keine Überzeugungen des Forschers, sondern Überlegungen, denen er bisweilen moralische Erwägungen entgegenhält. Sie zeigen einen Wissenschaftler, der im privaten Rahmen die Gedanken seines monströsen Förderers aufgreift und sich damit beschäftigt. Und sie zeigen, welche Abgründe sich in Epstein neben seinen sexuellen Obsessionen auftaten.

Im Jahr 2019 erhielt Bach ein Forschungsstipendium in San Francisco, wodurch er sich Epstein habe „entziehen“ können, wie er sagt. Bis kurz vor Epsteins zweiter Festnahme am 6. Juli 2019 blieben beide Männer aber in zumindest losem Kontakt: Zuletzt am 8. Juni 2019 schrieben beide über Skype, um ein Telefonat zu vereinbaren.

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