Osnabrück  Warum lassen sich die Osnabrücker so gerne vorlesen?

Thomas Wübker
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Von Thomas Wübker
| 07.02.2026 11:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Lesungen sind beliebt. Allein im Februar finden in der Region Osnabrück über 50 Literatur-Veranstaltungen statt. Warum lassen sich die Menschen so gerne vorlesen, Dr. Jens Peters?

Jens Peters wurde vor 43 Jahren in Beckum geboren. Sein Lebensweg führte ihn von der münsterländischen Gemeinde nach Cambridge, wo er englische Literatur studierte, nach Lyon und Heidelberg, wo er jobbte, nach London, wo er sich in Text- und Performance-Studies schulte, nach Exeter, wo er promovierte, nach Berlin, wo er lebte und schließlich nach Karlsruhe, wo er am Theater tätig war. Schließlich führte ihn der Weg vor zehn Jahren nach Osnabrück. Am hiesigen Theater nahm er die Rolle des Leitenden Chefdramaturgen ein.

Beim Blick auf seinen Lebenslauf stellt sich die Frage, warum er in Osnabrück kleben blieb. Er habe seine Frau hier kennengelernt, lautet die einleuchtende Antwort. „Deswegen hat sich mein Lebensmittelpunkt verändert. Aber ich wollte auch mal ankommen“, sagt er. Die Hasestadt finde er zudem kulturell interessant, so Jens Peters weiter.

Dass das so ist, hat er auch sich selbst zu zuschreiben. Seit vier Jahren leitet er das Literaturbüro Westniedersachsen. Es möchte „zeitgenössische Literatur in der Stadt und der Region erlebbar machen“, heißt es in der Eigendarstellung. Was bedeutet das? Wie kann man Buchstaben und Sätze mit Leben füllen?

Jens Peters gibt ein Beispiel: Ulysses. Der Roman von James Joyce gilt als das bedeutendste Werk des irischen Schriftstellers. Gleichzeitig halten es nicht wenige Menschen für unlesbar. Dennoch wird es erlebbar durch die besondere Art, mit der das Literaturbüro den Stoff an den Mann und die Frau bringt: Mit einer Kneipentour.

Seit vier Jahren werden Passagen aus dem Buch, dessen Handlung am 16. Juni 1904 in Dublin platziert ist, an diesem Tag in Kneipen von einem Schauspieler gelesen und gespielt. „Das ist lustig, zum Teil auch derb und wird mit irischer Musik verbunden“, so Jens Peters. Wer sich also wie die Romanfigur Leopold Bloom durch Osnabrück auf eine Odyssee begeben will, sollte sich den 16. Juni, den Bloomsday, merken.

Aber nicht nur solche „Erlebnistouren“ machen Vorlesungen interessant für Menschen. Auch bei klassischen Lesungen ist es nicht so, dass jemand einfach nur vor Leuten sitzt und etwas liest. „Das Live-Erlebnis und die Möglichkeit eines Gesprächs ist etwas, das die Menschen schätzen“, sagt Jens Peters.

Es gibt mehrere Aspekte, die eine Lesung interessant machen. Oft werden aktuelle Themen behandelt, die die Menschen bewegen. Manchmal wollen sich Leute einen Eindruck von einem neuen Buch verschaffen, wenn sie es noch nicht kennen. Eine wichtige Rolle spielt auch der Humor. Jens Peters berichtet, dass die Autoren lustige Passagen in ihren Romanen anders vorlesen als Leser, die die Sätze still für sich lesen. Solche Entdeckungen sind bei Lesungen nicht selten.

Genre-übergreifende Veranstaltungen sind für Jens Peters einerseits eine Möglichkeit, um neue Zielgruppen zu erkundschaften. Andererseits macht es ihm Spaß, Lesungen als Erlebnisse zu inszenieren.

Eine Passion für Literatur möchte er auch in seinen Seminaren an der Universität vermitteln. Das dürfte ihm nicht schwerfallen. Zwar ist er kein so leidenschaftlicher literarischer Liebhaber wie es Marcel Reich-Ranicki einst war, sondern eher ein feinsinniger Lover. Aber seine Botschaft(en) kann er auch ohne Getöse und Verrisse vermitteln: Literatur macht Spaß und lebt.

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