Osnabrück  Sie wollen Osnabrück verstehen und gestalten: Was Migranten wie Harriet Odera antreibt

Sandra Dorn
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Von Sandra Dorn
| 05.02.2026 06:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Drei von 21 Teilnehmern: (von links) Davud Kücürkugurlu, Harriet Odera und Anton Chupryna interessieren sich für die Osnabrücker Kommunalpolitik. Was treibt sie an? Foto: Philipp Hülsmann
Drei von 21 Teilnehmern: (von links) Davud Kücürkugurlu, Harriet Odera und Anton Chupryna interessieren sich für die Osnabrücker Kommunalpolitik. Was treibt sie an? Foto: Philipp Hülsmann
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Sie kommen aus Kenia, China und der Ukraine oder sind in Deutschland geboren: 21 Menschen mit ausländischen Wurzeln schnuppern seit einigen Monaten über ein Mentoring-Programm in die Osnabrücker Kommunalpolitik hinein. Wer sie sind und was sie erwarten.

Ein neues Gesicht im Zuschauerraum fällt auf, wenn es plötzlich in etlichen Fachausschüssen des Osnabrücker Rates auftaucht. Die Frau, die sich seit einigen Monaten kaum einen Jugendhilfe- oder Schulausschuss entgehen lässt, ist Harriet Odera. Die 38-jährige Osnabrückerin ist einer von 21 Menschen mit Migrationshintergrund, die an dem Mentoring-Projekt „Osnabrück. Macht. Integration.“ teilnehmen.

Harriet Odera nimmt nicht nur am Mentoring-Projekt teil, sondern ist seit einem Jahr auch Mitglied im Vorstand des Osnabrücker Kita-Stadtelternrats. Sie hat zwei Kinder und arbeitet freiberuflich als Speditionskauffrau. Vor 19 Jahren verließ sie ihre Heimat Kenia und kam nach Deutschland. In Osnabrück lebt sie seit 17 Jahren.

Sie wolle die Entscheidungen des Stadtrats nachvollziehen, sagt sie. Kommunalpolitik live zu erleben sei etwas anderes, als wenn die Leute auf der Straße darüber reden würden, betont sie. Und gerade Entscheidungen, die Familien betreffen, gab es im Osnabrücker Rat zuletzt einige, etwa den Beschluss zur Abschaffung der Krippenbeiträge oder die Tatsache, dass die Stadt auf Druck vieler Eltern ab Sommer eine zusätzliche Abholzeit an Grundschulen ermöglicht.

Odera hatte für die Teilnahme am Mentoring-Programm keine Parteipräferenz angegeben und wurde der SPD-Fraktion zugeteilt. Es scheint zu passen: Schon im November trat sie in die Partei ein – und bei der Kommunalwahl im September wird sie als SPD-Kandidatin auf den Wahlzetteln stehen, auf Listenplatz 5 im Wahlbereich Osnabrück-Süd, wo sie auch wohnt. Wenn man Odera fragt, ob sie findet, dass es für Menschen mit ausländischen Wurzeln besondere Hürden gebe, in der Osnabrücker Kommunalpolitik Fuß zu fassen, sagt sie: „Ich bin ein offener Mensch, ich sehe mehr Chancen als Hürden.“

Davud Kücükugurlu ist das wohl bekannteste Gesicht unter den Mentees. Der Gastronom ist Betreiber des Restaurants „Zum Drehspieß“. Sein Großvater war als Gastarbeiter aus der Türkei nach Osnabrück gezogen. Kücükugurlu ist in Osnabrück geboren und aufgewachsen.

„Ich wollte mal hinter die Kulissen gucken“, sagt der 42-Jährige. Entsprechend seinem Wunsch ist er der CDU zugeteilt worden und hat Ratsherrn Günter Sandfort als Mentor. Als der Stadtrat die Einführung einer Verpackungssteuer im Laufe dieses Jahres beschloss, erlebte Kücükugurlu hautnah, welche Auswirkungen kommunalpolitische Entscheidungen haben können. Über soziale Netzwerke wie Instagram machte er bereits seinen Widerstand gegen die geplante Verpackungssteuer deutlich.

Cigdem Ercetin ist in Osnabrück geboren und aufgewachsen. Ihr Opa war aus der Türkei nach Osnabrück gekommen – und ist geblieben. Auch Ercetin möchte besser verstehen, wie Kommunalpolitik funktioniert und was dahintersteckt. „Dass die Ratsmitglieder alle ehrenamtlich arbeiten, wusste ich nicht“, sagt die 52-Jährige.

Ambitionen, selbst für den Rat zu kandidieren, habe sie „nicht direkt“, aber sie hat einen Wunsch: mehr Anlaufstellen für neu Zugezogene oder Menschen, die die deutsche Sprache (noch) nicht sprechen. Auch Formate, bei denen Migranten gefragt würden, was sie auf dem Herzen hätten, fände sie sinnvoll.

Steven Richardt studiert in Osnabrück Geschichte und Germanistik auf Lehramt und ist bereits Parteimitglied der Linken sowie im Migrationsbeirat. „Ich habe Lust, mitzugestalten“, sagt der 28-Jährige. Er stammt aus Dortmund und hat familiäre Wurzeln in Bosnien.

Kommunalpolitik sei von außen sehr schwer zu greifen, findet er, der die Linke schon im Kommunalwahlkampf 2021 unterstützt hat. Für Migranten seien die Hürden noch höher. „Es ist doch ein sehr elitäres System“, ist seine Beobachtung.

Dain Hachmeister ist 2023 für sein Studium der Sozialen Arbeit aus Bonn nach Osnabrück gezogen. Seine Mutter stammt aus Sri Lanka, sein Vater ist Deutscher, erzählt er. Seit 2021 war er beim Jugendverband der Linken aktiv, seit 2023 ist er Parteimitglied. Doch was genau überhaupt der Aufgabenbereich von Kommunalpolitik ist, sei ihm nicht klar gewesen.

Eduard Usov ist gebürtiger Lüneburger und Sohn von Spätaussiedlern. 2023 zog er fürs Studium nach Osnabrück. Seine Fächer: Geschichte und Philosophie. „Kein Mensch ist unpolitisch“, sagt er. Durch die Teilnahme an den Fraktionssitzungen der Grünen lerne er viel über Osnabrück. „Man bekommt einen ganz anderen Blick auf die Stadt.“

Bei den Grünen eingetreten ist er schon Anfang 2025. Aber er gesteht, als Student nicht das Selbstvertrauen gehabt zu haben, zu den Parteitreffen zu gehen. Über das Programm falle es leichter, einen Zugang zu finden. Der 21-Jährige hat Ambitionen. „Bis ich 40 bin, will ich mindestens einmal im Stadtrat gewesen sein.“

Anton Chupryna floh vor drei Jahren aus der Ukraine nach Deutschland. Er drückt lieber schriftlich aus, was ihm wichtig ist, weil er sich im Deutschen noch nicht so sicher fühlt. „Als Mensch, der gezwungen war, seine Heimat zu verlassen, verstehe ich, wie wichtig es ist, gehört zu werden und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“, schreibt er.

Sein Mentor Günter Sandfort von der CDU beziehe ihn in die Prozesse ein. „Dies hilft, das System, seine Logik und Dynamik allmählich zu verstehen und vor allem zu erkennen, wo und wie man nützlich sein kann, wie man seine Fähigkeiten und Kenntnisse zum Wohl der Gesellschaft richtig einsetzt.“

Chupryna ist Jurist und orientiert sich derzeit in Deutschland beruflich neu. Er engagiert sich in Osnabrück in verschiedenen Vereinen und Initiativen zur Integration Geflüchteter.

Qian Li absolviert momentan neben ihrem Beruf als Einkäuferin bei einem Textilunternehmen den Masterstudiengang „Digital Supply Chain Management“ an der FH Münster. Li stammt aus China und lebt seit 2002 in Deutschland. Aus Zeitgründen antwortet sie ebenfalls schriftlich.

Auch sie möchte über das Programm die Stadt, in der sie lebt, besser kennenlernen. Das Mentoring-Programm „klang nach einer guten Chance, mich als normale Bürgerin über die Kommunalpolitik zu informieren und hinter die Kulissen zu schauen oder eventuell sogar mitzuwirken“, schildert sie. Sie wurde der FDP-Fraktion zugeteilt, womit sie sehr zufrieden ist.

„Für Menschen mit Migrationshintergrund ist es besonders schwierig, Kontakte zu Parteien und in die Kommunalpolitik zu knüpfen, vor allem, wenn sie nicht hier geboren und aufgewachsen sind“, antwortet sie auf die Frage, ob sie für diese Gruppe besondere Hürden sieht. „Oft fehlen die persönlichen Netzwerke und der direkte Zugang zu politischen Strukturen, die für andere selbstverständlich sind.“

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