Osnabrück Fotokünstlerin Erieta Attali eröffnet neue Perspektiven auf das Felix-Nussbaum-Haus
Die Osnabrücker kennen ihr Felix-Nussbaum-Haus. Aber der Bildband „Approaching Resistance“ der Landschafts- und Architekturfotografin Erieta Attali eröffnet ganz neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Nussbaums Bildern und der Architektur Daniel Libeskinds.
Wie das so ist mit den eigenen Schätzen: Man gewöhnt sich an sie, sie werden alltäglich. Mit dem Felix-Nussbaum-Haus ist so ähnlich. Das Museum war mal ein Aufreger, im Positiven wie im Negativen. Heute haben sich die schmalen, ineinander verkeilten Gebäuderiegel mit ihrer Betonhaut, Gegner der Architektur hin, Befürworter her, ins Stadtbild integriert. Und unabhängig davon schätzt Osnabrück Nussbaums Bilder als Kunst an sich und versteht sie als aufwühlende Zeugen von Flucht, Vertreibung und Holocaust. Aber der neue Blick auf die Kunst hat sich verloren.
Um so überraschender ist der Fotoband „Approaching Resistance“ von Erieta Attali. Die israelische Architektur- und Landschaftsfotografin hat im August 2024 begonnen, das Museum zu fotografieren. Und sie hat sich Zeit gelassen, das Haus und die Kunst neu zu interpretieren. Mit ihrem Auge als Fotokünstlerin und Feinsinn für die spannende Perspektive sowie mit frischem, unverstelltem Blick hat sie das harmonische Verhältnis des Museums zu seiner Umgebung ebenso eingefangen, wie sie den Dialog der Bilder Nussbaums mit Libeskinds Architektur neu beleuchtet.
Damit öffnet sie die Augen für neue Perspektiven und für Details, die der alltägliche Blick übersieht: wie sich das Fenster um den Eingang zum Anbau exakt der Linie eines schrägen Baumstamms auf dem Vorplatz zu folgen scheint. Oder wie die Verbindung, die vom Museumsshop zum Hauptgebäude führt, gelbe Linien in die Abenddämmerung zeichnet, als hätte die Sonne sie herausgearbeitet.
Auch im Inneren setzt sie das Haus und die Kunstwerke auf ihre Art in Szene. So bezieht sie die Fensterschlitze in ihre Bildkompositionen ein. Diagonalen versetzen Räume in Spannung, winklige Fenster auf Kniehöhe eröffnen einen streng begrenzten Blick nach draußen und korrespondieren gleichzeitig mit dem Bild daneben, das ein Lichtkegel aus dem Dunkel holt.
Museumsbesucher werden in Langzeitbelichtungen zu geisterhaften Schemen, und wenn Attali bei Außenaufnahmen mit dem Schatten und mit Spiegelungen arbeitet, verleiht sie dem Bau eine geheimnisvoll surreale Aura, weil sie die Grenzen zwischen innen und außen aufhebt.
Ebenfalls in Langzeitbelichtung hat sie den Anbau des Nussbaum-Hauses von der gegenüberliegenden Straßenseite aus fotografiert, so dass sich die Rücklichter vorbeifahrender Autos zu einem rot leuchtenden Farbband verschmelzen, welches das gesamte Museumsquartier umhüllt und sich mit dem bläulich schimmernden Grau des Abendhimmels und den gelb leuchtenden Fenstern zum perfekt ausbalancierten Farbakkord vereint.
Ein Clou des Fotobandes liegt in seiner Aufmachung: Die Hälfte lässt sich wie gewohnt von rechts nach links durchblättern, die andere Hälfte hingegen von unten nach oben. Und das ist mehr als ein gestalterischer Gag: Attali arbeitet sehr bewusst mit schmalen Hoch- und seitenfüllenden Querformaten. Damit lädt „Approaching Resistance“ ein, sich nicht nur mit hochvirtuoser Fotokunst zu befassen, sondern Nussbaums Werk und Libeskinds Architektur neu zu entdecken.
Das dürfte ganz im Sinne der Felix-Nussbaum-Foundation sein, die half, den Fotoband zu realisieren. 2001 von Irmgard und Hubert Schlenke gegründet, hat sich die Foundation zum Ziel gesetzt, Felix Nussbaums Kunst lebendig zu halten. Erieta Attalis Arbeit leistet dazu einen wichtigen Beitrag.